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Lernlückenbeseitigung

Nachdem meh­re­re Aufrufe der Landesregierung mein Ohr bevöl­kert hat­ten, über­leg­te ich mir, als auf­op­fern­der Bürger zu hel­fen. Da hieß es über­all: „Kinder und Jugendliche nach der Pandemie stär­ken … Coronabedingte Lernlücken … Aufholpaket für Schüler … Corona Aufholprogramm … Aktionsprogramm Aufholen für Kinder und Jugendliche … Lerncamps …“
Natürlich fan­den die­se Aufrufe in mei­nem hilfs­be­rei­ten Herzen sofort Anklang und bei mir ist es nicht weit vom Anklang bis zum Tatendrang. Mit ande­ren Worten, es dräng­te mich, zu hel­fen. Und da ich über ein nicht unbe­trächt­li­ches geis­ti­ges Niveau ver­fü­ge, beschloss ich, das­sel­be den Aufrufern zur Verfügung zu stellen.
Eine Dame mitt­le­ren Alters, die irgend­wie mit der Koordination der Lernlückenbeseitigung beschäf­tigt war, begrüß­te mich höf­lich und frag­te: „Können Sie Mathematik?“
Ich grins­te zurück. „Ja, frei­lich“, mur­mel­te ich leicht ver­un­si­chert. Denn aus mei­nem Unterbewusstsein schos­sen Bilder wüten­der und kopf­schüt­teln­der Mathematiklehrer aus mei­ner Schulzeit durch mein Gemüt.
Die Dame hat­te mei­nen Blick wohl rich­tig gedeu­tet, denn sie frag­te stirn­run­zelnd: „Ich mei­ne die Grundlagen.“
Jetzt nick­te ich eif­rig und ant­wor­te­te selbst­be­wusst: „Die Grundlagen erst recht!“
Sie späh­te auf ihrem Laptop her­um, nick­te mir so freund­lich zu, dass ich errö­te­te, und schick­te mich dann in ein Klassenzimmer, in dem ein Mathematiknachhilfeschüler mei­ner per­sön­li­chen Betreuung bedurfte.
Ich stell­te mich kurz bei dem etwa zehn­jäh­ri­gen Jungen vor und freu­te mich, denn mit Rechenaufgaben aus die­ser Altersklasse konn­te ich locker umge­hen. Betont freund­lich frag­te ich ihn dann nach sei­nem Namen.
Höflich knapp ant­wor­te­te er, er hei­ße Kai-Joachim, und grins­te: „Du kannst mich ruhig Kajo nennen.“
Dass er mich duz­te, woll­te ich sei­nem jugend­li­chen Leichtsinn zugu­te hal­ten, und ging nicht wei­ter dar­auf ein. Ich woll­te ihm durch mei­ne mathe­ma­ti­schen Kenntnisse bewusst machen, dass ich eine Autoritätsperson wäre, und im Laufe unse­res Dialoges wür­de er auto­ma­tisch zum respek­ta­blen „Sie“ zurückfinden.
Erst ein­mal woll­te ich aus­tes­ten, wie weit er mathe­ma­tisch schon aus­ge­bil­det sei, und frag­te: „Wie viel sind 17 Äpfel und 4 Äpfel?“
Er blick­te mich ent­geis­tert an.
„Oh“, dach­te ich bei mir, „zu schwer. Vielleicht muss ich das Ganze bild­li­cher aus­ma­len“, und begann mit freund­li­cher Stimme: „Also, du hast einen Korb. In die­sem Korb sind 17 Äpfel. Doch was ist da vor­ne? Da ist ja ein Regal! Oh, da lie­gen ja 4 Äpfel drauf. Die nimmst du auch noch mit. Flugs läufst du hin und packst die 4 Äpfel in dei­nen Korb. Jetzt kommt die Mutter und fragt: ‚Kajo, wie vie­le Äpfel hast du in dei­nem Korb?’“
Kai-Joachim blick­te mir tief in die Augen und sag­te dann über­ra­schend kon­zen­triert: „Hör mal zu, du Blödmann. Erstens: Ich esse kei­ne Äpfel und schon gar nicht 21. Zweitens: Ich schlep­pe kei­nen Korb mit Äpfeln rum. Und drit­tens: Mutter hat sich noch nie für Äpfel inter­es­siert, da ich kei­ne mag und sie auch nicht.“
Er sah mein ent­täusch­tes Gesicht, und Mitleid misch­te sich in sei­ne Stimme, als er sag­te: „Wir kön­nen ja Textaufgaben machen.“
„Oh“, sag­te ich und run­zel­te spon­tan die Stirn. Textaufgaben waren für mich schon in mei­ner Schulzeit immer zu schwer gewe­sen. Aber war­um ver­za­gen? Ich konn­te mir ja schnell eine ausdenken.
„Also …“, sag­te ich gedehnt, um Zeit zu gewin­nen, „… ein Zug fährt um acht Uhr ab. Er fährt mit einer Geschwindigkeit von fünf­zig Kilometer pro Stunde. Frage eins: Wie weit ist er nach einer Stunde gefah­ren? Frage zwei: Wie weit ist er um neun Uhr gefahren?“
Zu mei­ner Überraschung klapp­te Kai-Joachim sei­nen Laptop auf und leg­te los. Ich dach­te mir: „Was ist denn mit dem los? Das kann man doch ein­fach im Kopf rechnen.“
Da stell­te er mir schon die ers­te Frage: „Fährt der Zug pünkt­lich ab?“
Verunsichert sag­te ich: „Ja, schon!“
Er lach­te schel­misch: „Weil die Bundesbahn ist ja nie pünktlich.“
Ich dach­te: „So jung und schon so kri­tisch“, sag­te aber leut­se­lig: „Weißt du, Kajo, die Bundesbahn sieht das nicht so genau. Bis zu sechs Minuten Verspätung ist für die kei­ne Verspätung. Also sagen wir ein­fach: Um acht Uhr drei ist der Zug losgefahren.“
„Aha“, sag­te er und tipp­te eif­rig die knall­har­ten Facts ein. „Nächste Frage: Der Zug fährt ja nicht aus dem Stand mit 50 km/h los. Wie lan­ge braucht er, um von 0 auf 50 km/h zu beschleunigen?“
Diese Fragen wur­den mir unan­ge­nehm, aber ich woll­te mir nichts anmer­ken las­sen und sag­te: „Ja, so fünf Minuten braucht er schon, bis er mit 50 km/h vol­le Kanne durch die Gegend brettert …“
„Ist der Zug leer oder voll?“, frag­te er, wäh­rend er wie­der hef­tig tip­pend die Tatsachen notierte.
Ich sag­te: „Das ist nicht wichtig.“
Er aber sag­te: „Doch, das ist wich­tig. Denn je vol­ler, umso schwe­rer und also umso län­ger die Beschleunigungsstrecke. Die muss ich doch abziehen.“
„Also gut, Dreiviertel voll!“
Ich feix­te. Da war mir ja etwas Schönes gelun­gen. Denn er rech­ne­te und rech­ne­te und sei­ne Finger flo­gen über die Tastatur. Es war beein­dru­ckend. Und als er end­lich rief: „Ich hab’s“, war ich wild ent­schlos­sen, das Ergebnis, das er mir gleich prä­sen­tie­ren wür­de, zu akzep­tie­ren. Egal, was es war! Aber statt mir sein Ergebnis zu prä­sen­tie­ren, frag­te er hin­ter­lis­tig: „Was hast du rausbekommen?“
Ich kam ins Stottern. Gnädig unter­brach er mich und sag­te: „Du Depp hast kei­ne Ahnung. Was willst du mir eigent­lich beibringen?“
Da hat­te er mich auf kal­tem Fuß erwischt. Was woll­te ich ihm eigent­lich bei­brin­gen? Oder noch quä­len­der gefragt: Was konn­te ich ihm eigent­lich bei­brin­gen? Laut sag­te ich: „Hm, wir haben noch eine hal­be Stunde. Was machen wir denn noch?“
Er freu­te sich und hol­te aus sei­ner Schultasche ein Kartenset. Er frag­te mich: „Kannst du Poker?“
„Klar“, grins­te ich.
Er hol­te noch zwei klei­ne Pappbecher, zog einen Flachmann aus der Hosentasche, kipp­te Whiskey-Cola in die Becher, misch­te die Karten und teil­te aus. Es wur­de noch ein gemüt­li­cher Vormittag. Natürlich gewann er. Ich glau­be sogar, er hat ein biss­chen betro­gen, aber was soll’s? Man muss den jun­gen Menschen das Gefühl geben, dass sie erfolg­reich sind. Dabei kann man ruhig selbst ein biss­chen zurückstecken.

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