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Papagalli gibt Nachhilfe

Neulich dach­te ich bei mir, ich müss­te mal wie­der sozi­al tätig wer­den. Also ich mei­ne, irgend­so­ei­ner Hilfsorganisation hel­fen. Ich woll­te etwas Soziales tun, woll­te mich nütz­lich machen für die Gesellschaft, in der ich lebe. So ging ich also zum Verein „Zur frei­wil­li­gen Nützlichmachung indi­vi­du­el­ler Einzelmenschen im gesell­schaft­li­chen Kontext“, kurz „ZfNiEigK“. Ich fand die Abkürzung ziem­lich absurd. Auch der gan­ze Verein hat­te eine merk­wür­di­ge Namensgebung. Könnte man denen nicht mal hel­fen, sich kür­zer und kna­cki­ger zu benen­nen? Naja, ich will nicht her­um­me­ckern. Also mach­te ich mich flugs auf den Weg in die Haubitzenstraße, in wel­cher der besag­te Verein sei­nen Wohnsitz hat­te. Ich hat­te kaum im Wartezimmer des Vereins Platz genom­men, da wink­te mich auch schon eine stäm­mi­ge Dame an ihren Schreibtisch. Irritiert blick­te ich auf ihren Oberlippendamenbart, ver­mied aber, Rückschlüsse aus mei­ner Beobachtung zu zie­hen. Ihrem ange­steck­ten Namensschild ent­nahm ich ihren Namen. Ich las da: Frau Hermine Meckelbuck-Vogelstier. Dann stell­te sie sich über­flüs­si­ger­wei­se vor und sag­te mit tie­fer, grol­len­der Stimme: „Ich bin Frau Meckelbuck-Vogelstier.“
Ich nick­te eif­rig, denn ihre Angabe stimm­te mit dem Namensschild überein.
Sie fuhr fort: „Ich war frü­her selbst ein­mal Kindergärtnerin, bevor ich mich in päd­ago­gisch geschul­te Bezugsperson umbe­nannt habe. Derzeit bin ich stell­ver­tre­ten­de Vorsitzende des ZfNiEigK.“
Sie frag­te mich nach mei­ner Berufsausbildung. Sie wuss­te sicher nicht, dass Bescheidenheit zu mei­nen vor­züg­li­chen Charaktereigenschaften gehört. Ich grins­te ein­fach nur vielsagend.
Sie frag­te, ob ich rech­nen kön­ne, und schob sofort nach, ich kön­ne als Nachhilfelehrer in Rechnen arbei­ten. Den mir zuge­wie­se­nen Nachhilfeschüler fän­de ich in der Bazooka-Straße 4b am Marktplatz. Sie zeich­ne­te mir mit unge­len­ken Strichen einen Stadtplan auf eine Serviette und schick­te mich dann los. Freundlich sag­te ich: „Auf Wiedersehen Frau Meckelbuck-Vogelstier.“
Sie wink­te mir lächelnd zum Abschied.
Linkisch stand ich auf, neig­te höf­lich mei­nen Kopf, sag­te: „Vielen Dank“, wuss­te selbst nicht genau wofür, dreh­te mich um und nahm mei­nen Hut vom Haken an der Wand. Da schrie sie: „Halt, der Hut gehört mir!“
Ich häng­te den Hut wie­der auf den Haken und in die­sem Moment fiel mir wie­der ein, dass ich ja ohne Hut gekom­men war. Ich grins­te ent­schul­di­gend, nuschel­te: „Entschuldigung“ und stürz­te hin­aus in die Freiheit.
In der Bazooka-Straße ange­kom­men fand ich eine klei­ne Schule. Darin saß Karl-Hermann und war­te­te auf sei­nen Rechnen-Nachhilfelehrer. Ich stell­te mich kurz vor und woll­te erst­mal aus­tes­ten, wie weit er mathe­ma­tisch schon aus­ge­bil­det sei, und frag­te: „Wie viel sind 17 Äpfel und 4 Äpfel?“
Er blick­te mich ent­geis­tert an.
„Oh“, dach­te ich bei mir, „zu schwer. Vielleicht muss ich das Ganze bild­li­cher aus­ma­len“, und begann mit freund­li­cher Stimme: „Also, du hast einen Korb. In die­sem Korb sind 17 Äpfel. Doch was ist da vor­ne? Da ist ja ein Regal! Oh, da lie­gen ja 4 Äpfel drauf. Die nimmst du auch noch mit. Flugs läufst du hin und packst die 4 Äpfel auch noch in dei­nen Korb. Jetzt kommt die Mutter und fragt: ‚Karl-Hermann, wie vie­le Äpfel hast du in dei­nem Korb?’“
Karl-Hermann blick­te mir tief in die Augen und sag­te dann über­ra­schend kon­zen­triert: „Hör mal zu, du Blödmann. Erstens: Ich esse kei­ne Äpfel und schon gar nicht 21. Zweitens: Ich schlep­pe kei­nen Korb mit Äpfeln rum. Und drit­tens: Mutter hat sich noch nie für Äpfel inter­es­siert, da ich kei­ne mag und sie auch nicht.“
Er sah mein ent­täusch­tes Gesicht, und Mitleid misch­te sich in sei­ne Stimme, als er sag­te: „Wir kön­nen ja Textaufgaben machen.“
„Oh“, sag­te ich und ich run­zel­te spon­tan die Stirn. Textaufgaben waren für mich schon in mei­ner Schulzeit immer zu schwer gewe­sen. Aber war­um ver­za­gen? Ich konn­te mir ja schnell eine ausdenken.
„Also …“, sag­te ich gedehnt, um Zeit zu gewin­nen, „… ein Zug fährt um acht Uhr ab. Er fährt mit einer Geschwindigkeit von fünf­zig Kilometer pro Stunde. Frage eins: Wie weit ist er nach einer Stunde gefah­ren? Frage zwei: Wie weit ist er um neun Uhr gefahren?“
Zu mei­ner Überraschung öff­ne­te Karl-Hermann sein Schulmäppchen, nahm sich einen Rechenschieber her­aus, schal­te­te sein Smartphone ein und leg­te los. Ich dach­te mir: „Was ist denn mit dem los? Das kann man doch ein­fach im Kopf rechnen.“
Da stell­te er mir schon die ers­te Frage: „Fährt der Zug pünkt­lich ab?“
Verunsichert sag­te ich: „Ja, schon!“
Er lach­te schel­misch: „Weil die Bundesbahn ist ja nie pünktlich.“
Ich dach­te: „So jung und schon kri­tisch“, sag­te aber leut­se­lig: „Weißt du, Karl-Hermann, die Bundesbahn sieht das nicht so genau. Bis zu sechs Minuten Verspätung ist für die kei­ne Verspätung. Also sagen wir ein­fach: Um acht Uhr ist der Zug losgefahren.“
„Nächste Frage: Der Zug fährt ja nicht aus dem Stand mit 50 km/h los. Wie lan­ge braucht er, um von 0 auf 50 km/h zu beschleunigen?“
Diese Fragen wur­den mir unan­ge­nehm, aber ich woll­te mir nichts anmer­ken las­sen und sag­te: „Ja, so … fünf Minuten …“
„Ist der Zug leer oder voll?“
Ich sag­te: „Das ist nicht wichtig.“
Er sag­te: „Doch, das ist wich­tig. Denn je vol­ler, umso län­ger die Beschleunigungsstrecke. Die muss ich doch abziehen.“
Ich feix­te. Da war mir ja etwas Schönes gelun­gen. Denn er rech­ne­te und rech­ne­te und notier­te sich was. Es war ein­drucks­voll. Und als er end­lich rief: „Ich hab’s“, war ich wild ent­schlos­sen, das Ergebnis, das er mir gleich prä­sen­tie­ren wür­de, zu akzep­tie­ren. Aber er frag­te: „Was hast du rausbekommen?“
Ich kam ins Stottern. Gnädig unter­brach er mich und sag­te: „Du Depp hast kei­ne Ahnung. Was willst du mir eigent­lich beibringen?“
Da hat­te er mich auf kal­tem Fuß erwischt. Was woll­te ich ihm eigent­lich bei­brin­gen? Oder noch quä­len­der gefragt: Was konn­te ich ihm eigent­lich bei­brin­gen? Laut sag­te ich: „Hm, wir haben noch eine hal­be Stunde. Was machen wir denn noch?“
Er freu­te sich und hol­te aus sei­ner Schultasche ein Kartenset. Er frag­te mich: „Kannst du Poker?“
„Klar“, grins­te ich.
Er hol­te noch zwei Pappbecher, kipp­te eine Cola rein, misch­te die Karten und teil­te aus. Es wur­de noch ein gemüt­li­cher Vormittag. Natürlich gewann er. Ich glau­be sogar, er hat ein biss­chen betro­gen, aber was soll’s? Man muss den jun­gen Menschen das Gefühl geben, dass sie erfolg­reich sind. Dabei kann man ruhig selbst ein biss­chen zurückstecken.

Auszug aus:

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Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Die Lehre von der “Lust am Scheitern” ist sicher “des Pudels Kern”:
    Danke für die­sen hei­te­ren Ausflug ins moder­ne Lehrsystem.
    Charlotte

  2. Papagalli.….…. Papageno from the Magic Flute! Have I just awa­ke­ned to a won­der­ful joke or a pro­found mys­ti­cal insight? Please advi­se soon and — like the Queen of the NIght — I will see to your dai­ly bread.

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