Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

Rapunzel im Quarantäneturm

Hui… da bin ich wie­der! Eigentlich woll­te ich mei­ne Märcheninterpretationen in Bezug auf die Corona-Pandemie zum Ende brin­gen, da es ganz gut aus­sah im Sommer, ich mei­ne mit sin­ken­den Infektionszahlen und so. Aber jetzt, was ist denn jetzt schon wie­der los? Nach Reiserückkehren und Hochzeits- und Privatfeiern und wil­den Partynächten schnel­len die Zahlen wie­der hoch. Und was macht unse­re phan­ta­sie­be­gab­te Regierung? Keule raus und Rundum-Lockdown-Leid (Haha, Sprachscherz!). Also mach ich wei­ter mit mei­nen Corona Märcheninterpretationen, die viel Beifall von den Lesern geern­tet haben. Und war­um soll ich nicht wei­ter­ma­chen, wenn ich schon mal Beifall ern­te? Und dies­mal wäh­le ich aus der Grimmschen Märchensammlung fein­ner­vig Rapunzel her­aus. Es könn­te natür­lich sein, dass der einen oder dem ande­ren das Märchen kurz­zei­tig ent­fal­len ist, und des­we­gen will ich da freund­lich auf die Sprünge hel­fen und das Märchen im Telegramstil noch ein­mal Revue pas­sie­ren lassen:
Eine Zauberin fing sich ein jun­ges, unschul­di­ges und also jung­fräu­li­ches Mädchen ein und beschloss, die­se klei­ne Jungfrau in einem Turm ein­zu­sper­ren, um das Mädchen in aller Ruhe und frei von äuße­ren Einflüssen erzie­hen zu kön­nen. Das Mädchen trug ihre blon­den Haare nach der dama­li­gen Mode sehr sehr lang und war somit weit ent­fernt von dem heu­te bei Frauen so belieb­ten Kurzhaarschnitt.
Immer, wenn die Zauberin ins Turmzimmer stei­gen woll­te, rief sie: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“
Und schwups warf Rapunzel ihre Haare gezopft, gefloch­ten oder offen zum Fenster hin­aus. Die Zauberin hat sich an den Haaren ent­lang hoch gehievt, um die täg­li­chen Belehrungen durch­zu­füh­ren: Astrologie, Menschenkunde, höfi­sches Benehmen und der­glei­chen mehr.  Aber wie das immer so ist, ging es nicht so recht vor­an, da einem jun­gen Mädchen, ein­ge­schlos­sen in einem Turm, der Sinn nach Anderem steht, als Wissen anzu­häu­fen. Es will Leben, Lust und Leidenschaft erfah­ren. Am gan­zen Körper, mit allen Sinnen. Und also sehnt es sich nach Kontakt zur Außenwelt. Hemmungsloser, ver­bo­te­ner Kontakt. Yeah!
Nun scheint es ein Naturgesetz zu sein, dass da, wo sich jun­ge, rei­ne Mädchen auf­hal­ten, jun­ge Männer her­um­strom­ern. In unse­rem Fall war es sogar ein Prinz, der zufäl­lig im Wald am Turm vor­bei­kam und aus siche­rem Versteck her­aus den Spruch erlausch­te: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“
Und als die Zauberin weg war, rief er zur Nachahmung begabt den Spruch hoch: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“
Auf die­se Weise schaff­te er sich sozu­sa­gen unlau­te­ren Zugang zur Jungfrau.
Und schwups kam das blon­de, dicke Haar her­un­ter und der Prinz klet­ter­te behän­de, weil jung und sport­lich trai­niert, hoch und stand dann vor der erstaun­ten jun­gen Frau. Die bei­den kamen ins Gespräch, und von nun an war abge­macht, dass der Prinz täg­lich bezie­hungs­wei­se näch­tens regel­mä­ßig vor­bei­schau­en sollte.
Aber wir Menschen kön­nen nun ein­mal heim­li­ches Glück nicht ertra­gen und müs­sen uns immer ver­ra­ten. So auch unser Mädchen. Denn eines Tages frag­te sie die Zauberin: „He Zauberin, war­um seid Ihr eigent­lich so viel schwe­rer als der Prinz?“
Oha, da wur­de die Zauberin sau­er, denn ihr Kontaktverbot war hin­ter­rücks unter­lau­fen wor­den. Kurz ent­schlos­sen schnitt sie dem Mädchen die Haare ab und schmiss sie raus. Dann kno­te­te sie die Haare am Fensterkreuz fest und auf den Ruf des Prinzen warf sie die Haare run­ter. Der Prinz klet­ter­te hoch und, oh Schreck, oh Graus, er stand vor der Zauberin und so war es aus mit zärt­li­cher Liebelei. Sie schmiss ihn wut­ent­brannt vom Turm, direkt in ein Dornengestrüpp. Au weh, die Augen! Er war geblen­det und irr­te von nun an blind durch die Welt. Auch Rapunzel irr­te mit ihren inzwi­schen gebo­re­nen Zwillingen durch die Welt. Doch alle Märchen wol­len ein Happy End und am Ende tra­fen sich die bei­den wie­der und Rapunzels hei­ße Tränen der Liebe tropf­ten auf des Prinzens blin­de Augen und er wur­de wie­der sehend.
Oh, glück­li­ches Versinken in die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird.
So, und nun inter­pre­ta­to­ri­sches Handwerkszeug aus­ge­packt und Bezüge her­ge­stellt. Los geht’s!
Die Zauberin ist natür­lich unse­re Zauberkanzlerin. Hat sie nicht oft bewie­sen, dass sie wahl­los Lösungen her­bei­zau­bern kann? Das Mädchen soll die Nachfolge der Zauberkanzlerin antre­ten, um die Frauenquote im Parlament hoch­zu­rei­ßen. Dafür soll die Nachwuchspolitikerin von Grund auf in das heu­ti­ge moder­ne Politik-Leben ein­ge­weiht wer­den. Und natür­lich will die Zauberkanzlerin ihre Nachfolge vor allen üblen Einflüssen schüt­zen und sperrt sie des­we­gen in den Quarantäneturm. Um eine gute Zauberkanzlerinnachfolgerin zu wer­den, muss die geplan­te Nachfolgerin Tag und Nacht büf­feln: Politik, par­la­men­ta­ri­sche Grundregeln, Verfassungskunde, Grundgesetz für Fortgeschrittene, demo­kra­ti­sche Debattenkultur …
Natürlich wird die Zauberkanzlerin umlau­ert, und zwar von drei Männern. Kaum Geistesprinzen, aber eben Politiker. Und die wol­len die Pläne der Zauberkanzlerin der­ge­stalt durch­kreu­zen, dass sie end­lich wie­der mal einen Mann als Parteivorsitzenden haben wol­len, und alle drei kaum ver­ho­len auf den Posten der Zauberkanzlerin scharf sind.
Die Zauberkanzlerin aber ist ver­bit­ter­ter denn je und ihre Mundwinkel rei­chen bis weit unter das Kinn. Sie schmeißt kur­zer­hand alle drei Kaum-Prinzen aus dem Quarantäneturm, und jetzt irren die Prinzen blind und poli­tisch völ­lig phan­ta­sie­los im Wählerwald umher. Sie sehen auf ein­mal kei­ne Zusammenhänge mehr, vor lau­ter Bäumen kei­nen Wald, vor lau­ter Taktik kei­ne Strategie, und kön­nen Reisewarnungen, Abstandsregeln und Hygienevorschriften nicht mehr als sinn­vol­le Maßnahmen ver­mit­teln. Und so hof­fen sie nur noch, dass end­lich der alles ent­schei­den­de Parteitag statt­fin­den wird, an dem alle erleuch­tet wer­den … oder so …

Autor: Johannes Galli | Geschrieben für die Zeitschrift “Lebens(t)räume

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Vielen Dank lie­ber Johannes Galli ! in der Geschichte die auf die Sprünge hilft, bekam Rapunzel Zwillinge, das wuss­te ich bis­her noch nicht ! man könn­te ja bei den Zwillingen anknüp­fen und eine wei­te­re Geschichte erzäh­len. Vielleicht das sie sich ver­lie­ren und spä­ter wie­der­fin­den oder so ähn­lich, oder wie im ech­ten Leben eben auch das bei­de sich in den sel­ben Mann ver­lie­ben, oder sie ent­de­cken bei sich beson­de­re Zauberkräfte oder oder oder !! ok, ist jetzt viel­leicht nix für Corona, aber könn­te den­noch span­nend wer­den. Liebe Grüße Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen