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Der pumpende Frosch

Es war im Jahre 2009. Ich hat­te mit mei­ner Theatergruppe ein klei­nes Galli Theater in New York eta­bliert, und wir hat­ten schö­ne Erfolge zu ver­zeich­nen. Vor allem unse­re Märcheninszenierungen auf Englisch und Deutsch hat­ten gro­ßen Zulauf. Walt Disney hat­te eine Menge Vorarbeit geleis­tet und die Grimmschen Märchen in Amerika sehr bekannt gemacht. Mit unse­ren Mitspielinszenierungen hat­ten wir wie gesagt gro­ßen Erfolg, und so wur­de ich eines Tages vom Generalkonsul der deut­schen Botschaft in New York, Elmar Jakobs, höchst­per­sön­lich zu einem Vortrag über Märchen eingeladen.
Im schi­cken Anzug, blank geputz­ten Schuhen, mit frisch gewa­sche­nen Haaren und mich von der bes­ten Seite zei­gend, rede­te ich selbst­be­wusst über Märcheninterpretationen und die tie­fe Symbolik von Märchen und Mythen. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort hat­te mich der Vorsitzende des Galli Theater Fördervereins ange­fleht, bei mei­nen Deutungen auf jeg­li­che Form der sexu­el­len Provokation zu ver­zich­ten. Das sei in Amerika höchst ver­pönt. Ich ver­sprach David, mich als abso­lut zah­men, för­de­rungs­wür­di­gen Theatermacher zu inszenieren.
Und so begann ich mei­nen Vortrag sehr weit­schwei­fig, unin­spi­riert, harm­los und dem­entspre­chend langweilig.
Die etwa fünf­zig Gäste – meist Therapeuten, Manager, Ärzte und so – hör­ten mir mäßig gespannt zu. In ihren Pausen, zu denen ich immer wie­der auf­ge­for­dert wur­de, plap­per­ten sie auf­ge­regt und enga­giert über dies und das und ver­zehr­ten die köst­lichs­ten Canapés, die ich je geges­sen hatte.
Ich berei­te­te schon das Schlusswort vor, als plötz­lich zu mei­ner Überraschung eine Frage an mich her­an­prall­te. Eine schick geklei­de­te Dame aus dem Goethe Institut stell­te mir die Frage, ob der pum­pen­de Frosch aus dem Märchen „Der Froschkönig“ nicht ein Symbol für den eri­gie­ren­den Penis des Mannes im Vorspiel sei?
Nach dem ers­ten Schock wur­de mir bewusst, dass ich gna­den­los, hem­mungs­los und anstands­los mit die­ser Frage über­for­dert war. Zumal jetzt alle hun­dert Augen mich anglotz­ten, wie ich mich aus die­ser pein­li­chen Situation her­aus­win­den würde.
Also hub ich an und schwalm­te breit und bedeu­tungs­los, von einem Allgemeinplatz zum ande­ren krie­chend, mit schweiß­nas­ser Stirn, gerö­te­tem Kopf und tro­cke­nem Mund über die his­to­ri­schen Zusammenhänge, in denen die Märchen ent­stan­den, und auch über die ver­schie­de­nen Interpretationsebenen, die bei der Deutung von Märchen mög­lich sind. Außerdem erwähn­te ich, dass ver­schie­de­ne Kulturen durch sehr ver­schie­de­ne Moralvorstellungen geprägt sei­en. Natürlich ver­mied ich, auf aktu­el­le Moralvorstellungen ein­zu­ge­hen, und war pein­lichst bemüht, mei­ne eige­nen Moralvorstellungen auf keins­te Weise irgend­wie durch­schim­mern zu las­sen. Mit ande­ren Worten: Ich ver­such­te, mit vie­len klu­gen Worten nichts zu sagen. Eine Kunst, die ich mir von Politikern abge­hört hat­te und inzwi­schen zu einer Meisterschaft ent­wi­ckelt habe.
Die Fangfrage, ob ich Freudianer sei, die an mich her­an­ge­schleu­dert wur­de, umging ich weit­läu­fig, indem ich mich als Sokratianer oute­te. Ich zitier­te natür­lich den gro­ßen Werbeslogan des Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“
Dann war mein Vortrag auch schon am Ende ange­langt, und in den mäßi­gen Applaus ver­beug­te ich mich höf­lich char­mant und bedau­er­te dabei, dass ich mei­ne ursprüng­li­che Absicht, für die finan­zi­el­le Unterstützung mei­nes Theaters zu wer­ben, ver­ges­sen hatte.
Die Frau vom Goethe Institut sah ich nicht mehr. Man erzähl­te mir spä­ter, sie habe in einem mit­ge­brach­ten Schuhkarton die rest­li­chen Canapés ein­ge­sam­melt und für ihre Kollegen und Familie mit­ge­nom­men. Auch den Generalkonsul ver­lor ich im Aufbruchsgedränge aus den Augen. David und Evi vom Galli Theater Förderverein, die mich ursprüng­lich hat­ten nach Hause brin­gen wol­len, konn­te ich nicht mehr fin­den. So muss­te ich allei­ne nach Hause dackeln. Im New Yorker Straßen-Gedränge beschloss ich, die­sen Abend zu ver­ges­sen, was mir auch bis heu­te gelun­gen war.

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