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Der gedrosselte Mann

In den frühen Neunzigern war ich ganz wild auf Märcheninterpretationen. Denn ich ahnte, dass hier Schätze des kollektiven Unterbewusstseins ruhten, die uns, wenn sie richtig gedeutet werden, aus allen Lebensmiseren herausführen könnten. Mein Freund, Lebensberater und Astrologe Wolfgang Maiworm und ich hatten in seinem Zentrum auf Lanzarote einen Kurs durchgeführt mit dem Titel: „Spiele dein Horoskop“. Seine Spezialität war es, das Horoskop zu erstellen, und meine Spezialität war es, das Spiel zu entfachen.
Das heißt: Die Spielerin oder der Spieler stellte sich in die Mitte des Raums und symbolisierte so die eigene Sonne, während neun Spieler die neun Planeten darstellten und mit Worten und spielerischen Gesten den Charakter der Sonnenspielerin oder des Sonnenspielers symbolisierten. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Tränen reichlich flossen. Überwiegend Freuden- und Lachtränen.
Nun ergab es sich, dass ich am Donnerstagabend in der Pyramide, also dem Gruppenraum, eine Aufführung darbieten sollte, in der ich ein Märchen spielerisch und mit der mir eigenen provokativen Art darstellen sollte. So grübelte ich hin und her und entschied mich für Drosselbart, denn ich folgte meinem verhängnisvollen Drang, den überzähligen Frauen eine Lehre zu erteilen.
Die Leserin und der Leser ahnen schon, was passierte: Auch schon im Jahre 1988 ließen sich Frauen nur schwerlich belehren und schon gar nicht von mir, der ich provozierende und deswegen mitunter verletzende Worte benutzte.
Die Pyramide, mein Auftrittsort, war mit circa achtzig Leuten gut gefüllt. Überall aus Lanzarote waren deutschsprachige Langzeiturlauber und Aussteiger eingeladen worden. Die Zuschauer zerfielen in circa zwanzig Männer und sechzig Frauen.
In Vorfreude rieb ich mir geistig die Hände und erwartete einen Abend mit glucksendem Gelächter und stürmischen Lachsalven. Und gleich schon am Eingang hatte ich meinen Hut deponiert, um klarzumachen, dass man beim Hinausgehen mit einer großzügigen Spende meine künstlerischen Darbietungen honorieren könnte. Ich hoffte, dass auf diese Weise meine Flugkosten wieder reinkämen.
Aber es kam anders. Also ich meine ziemlich anders. Um ehrlich zu sein völlig anders.
Gerade hatte ich mit meiner Märchenerzählung begonnen und die Bewerber gespielt, die um die Gunst der eitel schönen Prinzessin rangen. Bis hierhin lief alles erwartungsgemäß lustig ab, da ich die Bewerber sehr trottelhaft gespielt hatte. Die Frauen lachten vielleicht etwas lauter als gewöhnlich. Die Männer lachten vielleicht ein bisschen leiser als gewöhnlich. Und dann kam ich zum Hauptteil der gespielten Märcheninterpretation: Die Erziehung der Frau. Es wurde still im Raum, aber ich Trottel bemerkte nichts und brachte aberwitzige Ideen, wie Frauen zur Demut dem Mann gegenüber zu erziehen seien, dass sie ihm das Frühstück ans Bett zu bringen hatten und ihm Kaffee oder Tee unaufgefordert nachschenken sollten. Kurzum, die Frau sollte dem Mann tagens und nächtens für allerlei erfreuliche Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Ich spielte mich heiß, mischte eigene Sehnsucht in meine Darstellung mit hinein und bemerkte nicht, dass die Raumtemperatur Richtung Nullpunkt absackte. Im Gegenteil, immer neue Beispiele fielen mir ein, dass das Urbild die demütige Frau sei, während der Mann der mächtige, prinzipiengebende königliche Herrscher sein sollte. Ich wehrte mich gegen den Begriff der gleichen Augenhöhe und verwies auf die mittelalterliche Sitte, dass die Frau nicht neben dem Herrscher zu gehen habe, sondern drei Schritte hinter ihm. Dies war, wie ich im Nachhinein glaube, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Zwar dachte ich noch, dass die Frauen, die sich erhoben hatten und dem Ausgang zustrebten, vielleicht mit schwacher Blase zu kämpfen hatten oder sich mit undichten Menstruationsbinden herumplagten, was ich auch scherzhaft bemerkte. Aber als sich immer mehr Frauen erhoben und den Saal verließen und sich schließlich auch die Männer anschlossen, dämmerte mir, dass ich den Bogen überspannt hatte. Ich wollte noch zurückrudern, sprach noch von der Liebe als heilende, harmonisierende Kraft, aber es war gelaufen.
Geschmäht, verachtet und vereinsamt verneigte ich mich in den Rücken des hinausströmenden Publikums.
Wolfgang kam auf mich zu, reichte mir meinen leeren Hut, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte tröstend: „Komm, wir trinken ein Gläschen Rotwein.“
Es blieb nicht bei einem Gläschen …

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Du lieber Himmel, Johannes, binich froh, nicht an diesem Seminar teilgenommen zu haben: Dafür jedoch an einer viel späteren höchst interessanten und elegant modifizierten Märcheninterpretation, die mein Leben seither begleitet.
    Herzlichen Dank dafür.

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