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Das Suchttagebuch

Gerade zum neu­en Jahr hin nei­gen die Menschen dazu, gute Vorsätze zu haben. Man möch­te gesün­der, schö­ner, rei­ner und erfolg­rei­cher werden.
Im Folgenden lie­fe­re ich eine umfas­sen­de Wegbeschreibung aus allen Süchten, nicht nur den Alltagssüchten, her­aus. Forsch fas­se ich mal alle Süchte zusam­men, die mir gera­de ein­fal­len: Kaffee, Zigaretten, Bier, Wein, Zucker, Medikamente und vie­le ande­re Süchte mehr. Ach, halt! Fresssucht habe ich ver­ges­sen und natür­lich die har­ten Drogen. Schnaps, Gras, Extasy, Speed, Kokain… Ups, Fernsehsucht hab ich noch vergessen.
Wollen wir an die­ser Stelle defi­nie­ren, was Sucht eigent­lich ist. Sucht ist die­je­ni­ge Angewohnheit, mit der man nicht auf­hö­ren kann, obwohl man es will. Nehmen wir mal an, dass einer mit einer Sucht auf­hö­ren will. Gerade zum Jahresende bezie­hungs­wei­se Jahresneuanfang ist man doch schnell zu einem lei­den­schaft­li­chen Schwur bereit, weil man über­zeugt ist, dass die Sucht einen von Konzentration und Willenskraft abhält. Und des­halb will man die Sucht über­win­den. Was dann? Es besteht die Gefahr, dass, wenn wir mit Suchtunterdrückung her­um­ex­pe­ri­men­tie­ren, uns ledig­lich eine Suchtverschiebung, aber kei­ne Suchtüberwindung gelingt.
Ich will noch ein biss­chen aus­ho­len. Wie sieht sie aus, die Wirklichkeit? Oft glau­ben wir allen Ernstes, dass wir mit Vorsatz und Willensstärke unse­re Sucht über­win­den kön­nen. Ich gebe zu, dass es am Anfang klappt, viel­leicht mal einen Monat oder drei oder ein Jahr, aber dann kommt der Jojo-Effekt daher und hat einen wie­der am Kragen.
Nun aber kommt der aller­wich­tigs­te Ratschlag zual­ler­erst: Mach mit dei­ner Sucht wei­ter wie bis­her. Vielleicht staunst du jetzt, denn du hast erwar­tet, ich wür­de den mora­li­schen Zeigefinger hoch­wuch­ten und dir vor der Nase rum­fuch­teln. Das mach ich keineswegs.
„Ab nächs­ter Woche höre ich auf zu rau­chen.“ Oder: „Bis Ostern habe ich drei Kilo abge­nom­men und esse nie mehr fet­te, süße Speisen.“ Oder: „Ab mor­gen statt Kaffee nur noch Kräutertee.“ Oder gar: „Ich trin­ke nur noch Samstagabends ein klei­nes Gläschen Rotwein.“ So oder so ähn­lich klingt es, dilet­tan­ti­sche Suchtverdrängungsmechanismen in Kraft zu setzen.
Und hier nun mein ent­schie­de­ner, wohl­durch­dach­ter Rat: Mach bit­te wei­ter wie bis­her, unbe­dingt. Aber dies­mal mit Bewusstsein! Immer wie­der, wenn du dei­ner Sucht erliegst, nimmst du dein Suchttagebuch und trägst Ort, Zeit und Situation ein, in der dich die Sucht über­mannt hat. Außerdem soll­ten auch alle han­deln­den Personen auf­ge­führt wer­den. Wichtig ist, dass du dir genau notierst, wel­che Gedanken, wel­che Gefühle und wel­che kör­per­li­chen Empfindungen du in dem Moment hat­test, als du dei­ner Sucht nach­ge­ge­ben hast. Schon nach neun Tagen regel­mä­ßi­ger Tagebuchaufzeichnungen, in denen du nun nach und nach das Motiv für dei­ne Suchttat ergrün­dest, lernst du dich ken­nen. Und je mehr du dich ken­nen­lernst, umso mehr kannst du dich steu­ern. Und je mehr du dich steu­ern kannst, umso mehr kannst du Suchtmomente überwinden.
So, das war’s schon. Einfach, prä­zi­se, wir­kungs­voll. Nicht die Sucht ver­drän­gen oder ver­schie­ben, son­dern die Sucht ins Bewusstsein heben. Sich ganz bewusst sei­ner eige­nen Angewohnheit stellen.
Ich will es noch mal erklä­ren, denn eben­so ein­fach, wie es klingt, ist es schwer, es durch­zu­füh­ren. Warum? Zu Suchtmitteln grei­fen wir in dem Moment, in dem wir das gera­de Erlebte nicht wahr­neh­men wol­len und uns sozu­sa­gen mit dem Suchtmittel aus dem Moment her­aus­ka­ta­pul­tie­ren. Beispiel: Wenn ein Raucher etwas sagen müss­te, eine ehr­li­che Antwort geben müss­te, zieht er es vor, zu schwei­gen und sich eine Zigarette anzu­zün­den. Wenn zwei Menschen mit­ein­an­der offen und ehr­lich reden soll­ten, zie­hen sie es vor, fet­ten Kuchen zu essen. Wann immer man ernst­haf­te Gespräche, die sich um die ech­ten eige­nen Sorgen dre­hen, füh­ren soll­te, greift man lie­ber zu einem Bier oder zu einem Glas Wein und schweigt oder lenkt das Gespräch in unver­fäng­li­che Flachheit. Und dazu kommt noch die Schulmedizin, die sagt: Rauchen ist schlecht für die Lungen, Kaffee schlecht fürs Herz, Alkohol schlecht für die Leber, Süßigkeiten schlecht für die Zähne, fet­te Speisen schlecht für die Bauchspeicheldrüse, Marihuana schlecht fürs Nervensystem und so wei­ter und so fort. Keine Droge ist aus sich selbst her­aus schlecht. Es ist die Sucht. Es ist die Sucht, die uns die Droge im Übermaß kon­su­mie­ren lässt. Süchte aller Art sind Lebensverhinderer. Indem wir das wirk­li­che, dyna­mi­sche Leben nicht zulas­sen, unter­stüt­zen wir unser Illusionsgewebe. Und das ist die ver­hee­ren­de Wirkung der Süchte. Das Leben zieht an uns vor­bei und wir sind gefan­gen in unse­ren Illusionswelten. Und genau so sieht die Welt aus. Energiepolitik, Klimawandel, Völkerwanderung, Waffenlieferung, Terrorbekämpfung, alles wird beschö­nigt, nicht ernst­haft dis­ku­tiert. Die Wirklichkeit kön­nen wir nur erken­nen, indem wir unser Bewusstsein erwei­tern und bei uns selbst beginnen.

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