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Zwei Grad kälter — Teil 3

Ein Theaterstück von Johannes Galli

Dritte Szene

Rollen:
Uwe Wimmer (in sei­ner legen­dä­ren Bienen-Badehose und Gummistiefeln)
Mega Kuhl (eine sehr attrak­ti­ve Neoprenanzug Verkaufsleiterin)
Bruno Knochokrach (Security)

Ort: An den Umkleidekabinen

(Uwe war­tet an den Umkleidekabinen auf die Neoprenanzug Verkaufsleiterin.
Dann erscheint mit Fanfaren Frau Mega Kuhl, die sehr attrak­ti­ve Verkaufsleiterin in pin­kem und sehr adrett auf Taille zuge­schnit­te­nen, eng anlie­gen­den Neoprenanzug.)
Uwe (mit leich­ter Verbeugung): Gestatten Sie? Uwe Wimmer.
Mega (bla­siert): Ich gestat­te. Mein Name ist Mega Kuhl. Ich erlau­be Ihnen, mich mit mei­nem Vornamen anzusprechen.
Uwe: Hallo Kuhl.
Mega: Das ist mein Nachname, du Hirnie.
Uwe: Und was ist dann Ihr Vorname?
Mega: Das ist der Name, der vor mei­nem Nachnamen steht.
Uwe: Was stand da nochmal?
Mega: Das wird mir jetzt zu blöd. Und über­haupt: Wieso ste­hen Sie in Gummistiefeln vor mir?
Uwe: Das ist, weil ich im kal­ten Wasser so schnell an den Füßen frie­re. Ich sage näm­lich immer in mei­nem Kurzgedicht: Hast du war­me Füße, geht’s dir immer gut.
Mega: Aber das reimt sich ja gar nicht.
Uwe: Es reimt sich nicht, aber hält die Füße warm.
Mega: So, du Dumpfbacke, was willst du?
Uwe: Einen Neoprenanzug.
Mega: Für wen?
Uwe: Für mich natürlich.
Mega: Oh, da haben wir eini­ge Sonderangebote. Den Pinky Elephant, sehr modisch. Dann der Hot Burner, in Flammenfarben, hält sehr gut warm. Und der San Francisco mit Flower Power Aufdruck, ori­gi­nal von Salvadore Picasso.
Uwe: Wie teu­er ist der?
Mega: Da haben Sie Glück, er ist gera­de heruntergesetzt.
Uwe: Auf wieviel?
Mega: 799 Euro!
Uwe: Oh Gott!
Mega (schul­ter­zu­ckend): In der Zeit der galop­pie­ren­den Inflation wer­den die Produkte Stunde für Stunde teurer!
Uwe: Also gut, den Anzug nehm ich.
Mega: Welchen jetzt?
Uwe: Na, das Modell San Francisco mit Original Blumengemälden von Picasso Salvadore.
Mega (kor­ri­gie­rend): Sie mei­nen von Salvadore Picasso!
Uwe: Genau, den mein ich!
Mega: Ein wirk­lich schö­ner Neoprenanzug, und vor allem die Farben sind wasserfest.
Uwe: Haben Sie den in mei­ner Größe da?
Mega: Leider nein.
Uwe: Dann neh­me ich die nächst­grö­ße­re Größe.
Mega: Auch die haben wir lei­der im Moment nicht vorrätig.
Uwe: Vielleicht kön­nen Sie ein Exemplar aus dem Lager holen.
Mega (lacht laut): Die Lager sind seit Monaten leer wie ein Hallenbad im Hochsommer.
Uwe: Wieso sind die Lagerhallen so leer?
Mega: Sag mal, du Spacko, lebst du hin­ter dem Mond?
Uwe: Nein.
Mega: Können Sie sich’s nicht vorstellen?
Uwe (genervt): Nein.
Mega: Dann gebe ich Ihnen ein Stichwort: Lieferkettenprobleme.
Uwe: Aha!
Mega: Wissen Sie über­haupt, wor­aus Neopren her­ge­stellt wird?
Uwe: Keine Ahnung!
Mega: Na, rate mal, du Trottel: Aus Stoff? Aus Leder? Oder aus Plastik?
Uwe: Aus Kork!
Mega: Du Witzbold! Aus Schaumstoffplastik! Und dazu braucht man Erdölkonzentrat, hohe Temperaturen und Erdgas!
Uwe: Okay, dann neh­me ich den Hot Burner in Flammenfarben, hof­fent­lich auch wasserfest.
Mega: Natürlich sind die Farben was­ser­fest, du Scherzkeks. Aber lei­der Pech gehabt: Hot Burner ist ausverkauft!
Uwe: Wann kommt die neue Ladung?
Mega: Welche neue Ladung?
Uwe: Dann neh­me ich Ihr ers­tes Angebot, den Pinky Elephant.
Mega: Du Spaßvogel! Ich habe es doch gera­de erklärt.
Uwe: Also, Sie haben gar kei­ne Neoprenanzüge?
Mega: Das habe ich nicht gesagt. Einen habe ich noch.
Uwe (erfreut): Den neh­me ich!
(Mega lacht, dreht sich um und holt einen Kinderneoprenanzug.)
Uwe (schreit): Der passt mir doch nicht!
Mega: Das muss man aus­pro­bie­ren. Er ist zuge­schnit­ten für einen acht- bis zehn­jäh­ri­gen Jungen.
Uwe (schreit): Ich bin doch kei­ne neun Jahre alt.
Mega: Ich habe ja auch gesagt acht bis zehn Jahre, außer­dem ist der Anzug sowie­so reser­viert für einen Sechzehnjährigen.
Uwe: Dem passt er doch dann auch nicht!
Mega: Herr Uwe Wimmer, las­sen Sie sich von einer erfah­re­nen Verkaufsleiterin etwas Wichtiges erklä­ren: Es gibt Probleme, die Sie haben, und es gibt Probleme, die ich habe. Und dass der reser­vier­te Anzug dem jun­gen Kunden nicht pas­sen wird, ist ein­deu­tig nicht Ihr Problem, son­dern mein Problem.
Uwe: Jetzt reicht’s mir!
Mega: Das ist sehr güns­tig, denn ich habe im Moment beschlos­sen, Ihnen gar kei­nen Neoprenanzug zu verkaufen.
Uwe: Verkaufen Sie viel­leicht Einzelteile?
Mega: Was ver­ste­hen Sie unter Einzelteile?
Uwe: Eine Neoprenbadehose?
Mega: Nein!
Uwe: Eine Neoprenbademütze?
Mega: Nein!
Uwe: Eine Taucherbrille?
Mega: Nein!
Uwe: Einen Schnorchel?
Mega: Ja, wir haben noch einen Schnorchel, der ist aber nicht wasserdicht!
Uwe: Was haben Sie denn dann überhaupt?
Mega: Wir haben noch Restposten.
Uwe: Oh, pri­ma, die nehm ich! Was sind denn die Restposten? Flossen?
Mega: Genau! Allerdings haben wir nur noch eine lin­ke Flosse!
Uwe: Vielleicht Neoprenhandschuhe?
Mega: Stimmt! Aber nur noch einen rech­ten Handschuh!
Uwe (ent­spannt): Okay, lin­ke Flosse und rech­ten Handschuh nehm ich! Besser als nix.
Mega: Zu spät. Hören Sie die Durchsage!
(Mega und Uwe sind bei­de still und lau­schen auf die Durchsage durch das gan­ze Schwimmbad. Aus dem Lautsprecher ertönt die Durchsage.)
Durchsage: Wir bit­ten alle Badegäste, das Schwimmbecken zu räu­men. Wir haben soeben begon­nen, das Wasser aus dem Becken zu lassen.
Uwe (blickt Mega ent­geis­tert an): Was ist denn jetzt los?
Mega (lächelt hin­ter­grün­dig): Wir haben hin­ter dem Schwimmbad eine Plantage ein­ge­rich­tet für Raps, Weizen und Futtermais. Und wegen der Wetterlage muss die Plantage gewäs­sert wer­den. (lacht schel­misch) Und da neh­men wir das Wasser aus dem Schwimmbecken.
Uwe: Aber das ist doch Chlorwasser!
Mega (lacht): Chlorwasser hat eine wun­der­ba­re Nebenwirkung. Es tötet die Chlorlaus, die Chlorfliege, den Chlorkäfer, vor allem aber die gefähr­li­che Chlormilbe – kurz gesagt: Alles, was lebt.
Uwe: Ich glau­be, dann gehe ich lieber.
(Uwe will gehen, hält aber dann inne.)
Mega: Was ist?
Uwe: Ich hät­te ger­ne mein Eintrittsgeld zurück, weil ich die Leistung des Schwimmbads ja nicht in Anspruch nehme.
Mega: Wegen mir kön­nen Sie sie ger­ne in Anspruch nehmen!
Uwe: Heißt das, Sie geben mir das Geld nicht zurück?
Mega: Sie kön­nen sich vor­stel­len: In die­ser Situation brau­chen wir jeden Pfennig!
Uwe: Dann wer­de ich mich beschweren.
Mega: Kein Problem!
(Mega dreht sich um und ruft die Security.)
Mega (ruft): Herr Knochokrach, kön­nen Sie mal bit­te kommen?
(Bruno Knochokrach tritt auf. Er ist 2,04m groß. Ein ein­zi­ges rie­si­ges Muskelpaket, buschi­ge Augenbrauen, düs­te­rer Blick, plat­te Nase, zahn­lo­ser Mund. Der unbe­haar­te Kopf sitzt direkt auf den brei­ten Schultern.)
Mega (zu Knochokrach): Der Herr möch­te sich beschwe­ren und sein Geld zurück.
Knochokrach (mit dröh­nen­der Bass-Stimme zu Uwe): He, Fuzzi, du willst doch kei­nen Ärger machen, oder?
Uwe: Keineswegs!
Knochokrach: Na, also, geht doch!
Uwe (klein­laut): Sie kön­nen das Geld behal­ten, ich spen­de es.
Knochokrach und Mega (uni­so­no): Dankeschön!
(Uwe steigt auf sein klapp­ri­ges Damenrad und fährt unauf­fäl­lig freund­lich win­kend zurück nach Hause. Ein Schutzblech fällt schep­pernd zu Boden.)

- ENDE -

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