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König Drosselbart als Virologe

Ach herrje, am Königshof herrscht Unruhe. Denn die junge Prinzessin soll endlich heiraten. Heirat ist wichtig, denn dadurch kann man sein Reich vergrößern. Also zitiert der alte König die junge, arrogante Prinzessin zu sich und verkündet ihr, dass sie nun endlich heiraten müsse, und zwar sofort.

Die Prinzessin, typisch weiblich und also von unbeugsamem Charakter, lacht ihren Vater aus und sagt ihm, dass sie in diesen Zeiten keinen Arzt braucht, da sie gesund lebt und auch zu niemandem Kontakt hat und auch fürderhin keinen Kontakt wünscht. Der erzürnte Vater sagt ihr, dass sie so mit der Krise nicht umgehen kann, und befiehlt ihr, einen der vielen medizinischen Ratgeber zu heiraten beziehungsweise dessen Rat zu befolgen.

Und schon geht’s los!

Der erste medizinische Berater weist ihr nach, dass ein Mundschutz das Wichtigste ist. Die Prinzessin lacht und verspottet ihn als Mundschützling.

Der Nächste empfiehlt, täglich mehrmals Hände zu waschen. Die Prinzessin lehnt ihn ab, nennt ihn Händewäscher und behauptet, in ihrer parfümierten Seife sei genug Antivirenmittel, dass es für einen ganzen Tag reiche.

Der Dritte empfiehlt völlige Isolation, damit sie nicht angesteckt werde.

Der Vierte empfiehlt Isolation, damit sie niemanden anstecke, wenn sie infiziert wäre.

Beiden antwortet sie schnippisch, sie lebe sowieso schon in Isolation und wolle auch nicht, dass sich das ändert.

Und dann kommt da noch einer, der die Quarantäne empfiehlt und ihr verbieten will, im Schlossgarten herumzuhüpfen. Kühl antwortet sie ihm, dass außer Familienangehörigen niemand in der Nähe sei, wenn sie spazieren gehe.

Der Sechste empfiehlt eine App, damit sie immer informiert sei, wenn sie sich in der Nähe einer Gefahrenquelle aufhalte. Dem sagt sie, sie lehne elektronischen Schnick-Schnack prinzipiell ab und außerdem habe sie ein viel zu altes Handy.

Der König ist über ihren Hochmut und ihre Starrköpfigkeit so entrüstet, dass er ihr ein Ultimatum stellt und schreit: „Der nächste Arzt, der dich berät, dem unterwirfst du dich.“

Sie lacht und glaubt nicht, dass der Vater ernst mache. Aber er macht ernst. Und es kommt ein Virologe ans Schloss, der eigentlich nur eine Fernsehserie einrichten will und erstaunt ist, dass ihm gleich eine junge Frau zugesprochen wird. Er nimmt die Aufgabe an und macht sich an die Arbeit und zieht mit der Prinzessin fort übers Land.

Auf ihrer Reise hat die arme Prinzessin viel Mühsal zu erdulden. Denn sie muss viel lernen: Wann man einen Mundschutz tragen muss, wann man Schutzkleidung tragen muss, wie lange und wie oft man sich die Hände waschen muss, wie man sich in einer Kontaktsperre verhält, wie viel Abstand man halten muss, was Quarantäne bedeutet und welches Handy Betriebssystem man braucht, um die Corona App zu installieren.

Anfangs wehrt sich die Prinzessin noch, aber dann hagelt es Gesetze, bei deren Übertretung sie nicht nur harte Geldbußen erwarten, sondern sogar Freiheitsentzug. Und so wird unsere ehemals arrogante und selbstherrliche Prinzessin mürbe und ergibt sich den Hygienegesetzen und medizinischen Regierungsanordnungen.

Und am Ende gefällt sie dem Virologen so gut, dass der sie heiratet. Und in seinem hygienisch einwandfreien Haus leben sie glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann überleben sie noch heute.

Autor: Johannes Galli | Geschrieben für die Zeitschrift “Lebens(t)räume” 

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Lieber Johannes,
    Du lieber Himmel, wer hätte gedacht, das aus dem märchenhaft –
    scheusalen Dosselbart ein Retter aus Wahnsinn, Arroganz und Intoleranz geworden ist. Die Corona-Pandemie hält wohl noch viele weitere gesellschaftliche Veränderungen parat. Damit ist Gottseidank zu hoffen.
    Dein Beitrag ist Spitze…

  2. Und ihre Persönlichkeit war an Irrsinn und Gesetzen zerbrochen, sodass sie nicht einmal mehr gefragt wurde ob auch sie den Virologen heiraten möchte, Sozial vereinsamt, bar jeder Grundrechte, wird sie zu einem weiteren regierungsgesponserten Möbelstück im Hygienoleum des Virologen und wandelte fortan betrübt im Garten der gekappten Wurzeln und gestutzten Bäume der Lebendigkeit und Lebensfreude. Und wenn sie nicht gestorben sind küssen sie sich noch heute auf den Mundschutz um sich dann schnell zum Desinfektionsmittelspender neben dem Bett umzudrehen und…. Phantasie Ende. Dafür fehlen mir die Worte.
    Da meine Phantasie auch in Corona Zeiten noch Flügel hat, wollte ich mich nicht zurück halten und ließ meine Gedanken zu der Interpretation weitersprudeln.

  3. Mit großer Neugierde und Begeisterung verfolge ich die modernen Märcheninterpretationen von Johannes Galli in diesem Blog. Fasziniert bin ich über die sprachliche Raffinesse und die aktuellen Bezüge, ohne den ursprünglichen Kern der Märchen außer acht zu lassen. Genial!

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