Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

In der Virenschule 

Neulich hat­te ich einen Traum. Also, ehr­lich gesagt bin ich nicht der Typ, der sei­ne Träume ver­öf­fent­licht. Ich hal­te es da eher mit alt­klu­gen Sprichwörtern wie „Träume sind Schäume” oder „Träume sind wie Schall und Rauch”. Allerdings wider­spre­chen mir vie­le nam­haf­te und auch namen­lo­se Psychologen mit dem deut­li­chen Hinweis, Träume sei­en ver­schlüs­sel­te Informationen des Unterbewusstseins. Natürlich bezweif­le ich das, denn ein Unterbewusstsein liegt ja dem Wort gemäß unter mei­nem Bewusstsein und ich kann es also mit mei­nem Bewusstsein gar nicht erfas­sen. Bei dem Traum aller­dings, den ich aus­führ­lich schil­dern will, han­delt es sich um ein so merk­wür­di­ges Thema, dass mein Traum viel­leicht doch eine Bedeutung hat. Und da im Mittelpunkt des Traumes vie­le Corona Viren stan­den, ist ja viel­leicht eine Botschaft in dem Traum ent­hal­ten, die an mei­nem Bewusstsein vor­bei für die Menschheit wich­tig ist.
Nun bemer­ke ich schon, dass die Leserin und der Leser die­ser Zeilen vor Aufregung vibrie­ren und mich anfle­hen, doch end­lich die Katze aus dem Sack bezie­hungs­wei­se den Traum aus dem Unterbewusstsein raus­zu­las­sen. Hier ist er endlich:
Es war ein ganz nor­ma­ler Alltag in der Virenschule. Wir klei­nen Virenschüler saßen dicht gedrängt in klei­nen Schulbänken und hat­ten Mini Laptops vor uns zum Mitschreiben. Vor uns am Virenlehrerpult stand ein ziem­lich auf­ge­bla­se­ner Lehrervirus. Er war schon alt, ein biss­chen gebeugt, hat­te eine ver­nu­schel­te Sprache, eine Brille und kurz­ge­schnit­te­ne Haartracht, schon leicht ergraut. Ansonsten typisch Virus, eine Form wie ein Kugelfisch und über­all Ausstülpungen in den Farben vio­lett, blau, weiß, rot. Wegen des Alters waren die Farben schon ziem­lich ver­blasst. Die Pädagogik, die der Lehrervirus anwand­te, war ziem­lich stu­pi­de. Kein moder­ner inter­ak­ti­ver Unterricht, son­dern dumm­dreis­tes Wiederholen. Hier ein Beispiel:
Lehrervirus: „Ihr müsst wachsen!”
Wir alle im Chor: „Wir müs­sen wachsen!“
Lehrervirus: „Ihr müsst euren Gastwirt lan­ge am Leben halten!“
Wir alle im Chor: „Wir müs­sen unse­ren Gastwirt lan­ge am Leben halten!“
Lehrervirus: „Ihr müsst euch durch Zellteilung vermehren!“’
Wir alle im Chor: „Wir müs­sen uns durch Zellteilung vermehren!“
Lehrervirus: „Wenn die Menschen euch weg­imp­fen wol­len, müsst ihr mutieren.“
Hä? Ich blick­te zur Seite, über­all fra­gend ungläu­bi­ge Gesichter. Was ist denn mutie­ren? Einige von uns mel­de­ten sich, aber der Lehrervirus war stur­köp­fig und brab­bel­te wei­ter, ohne die Meldungen zu berück­sich­ti­gen: „Ihr dürft euer Genom nicht sequen­zie­ren las­sen. Euer Genom ist und bleibt euer urei­gens­tes Geheimnis.“
Und er sprach wei­ter, obwohl wir alle auf­ge­hört hat­ten, sei­ne Lehrsätze zu wie­der­ho­len: „Denn wenn sie euer Genom ent­schlüs­selt haben, kön­nen sie einen Impfstoff bas­teln, der euch weg­fegt wie ein Laubgebläse den Straßendreck!“
Wieder ver­stand ich nichts. Genom … Was soll­te denn das sein? Sequenzieren … Impfstoff … Wovon sprach der Lehrervirus?
Ich klapp­te mei­nen Laptop zu und lausch­te dem Tumult, der um mich her­um ent­stan­den war. Da sprang mich die Erkenntnis von hin­ten an, dass ich in die­ser Klasse kei­ne Chance hat­te, mit­zu­kom­men. Viele waren Fortgeschrittene, grins­ten über­heb­lich und häm­mer­ten Weisheiten in ihre Laptops. Aber eini­gen erging es so wie mir.
Alle klapp­ten nun die Laptops zu und wir ver­ab­re­de­ten uns. Wir woll­ten in der Pause in der Bibliothek nach­le­sen, was Mutationen sei­en, wie man mutiert und wie man dem ver­ma­le­dei­ten Sequenzieren der Genome durch die mikro­sko­p­äu­gi­gen mensch­li­chen Wissenschaftler durch Geheimhaltung der Sequenzierung entkommt.
Kurz danach began­nen wir eine hef­ti­ge Diskussion in der Bibliothek. Unsere aktu­ells­te Frage war: Sollen wir mutie­ren? Ich war dafür und schlug vor, uns ver­schie­de­ne Namen zu geben: Alpha, Beta, Gamma … aber ich kam nicht durch mit mei­ner guten Idee. Ein biss­chen belei­digt zog ich mich aus der Diskussion zurück und dach­te trot­zig: „Ihr wer­det schon noch sehen!“
Und genau in die­sem Moment nah­men sie mei­ne Idee doch auf. Ein paar woll­ten Alpha sein, ande­re Beta, eini­ge Gamma, die meis­ten Delta. Ich aber, ein Virus von aus­ge­spro­che­ner Individualität, woll­te Epsilon sein.
Als ich dann auf­wach­te, fühl­te ich mich merk­wür­dig ein­sam und aus­ge­schlos­sen, also, ich mei­ne: Irgendwie Epsilon.

close

Immer auf dem neusten Stand

ABONNIERE DEN PERSÖNLICHEN NEWSLETTER VON JOHANNES GALLI UND ERFAHRE ALLES ÜBER SEINE NEUSTEN WERKE

Wir sen­den kei­nen Spam! Erfahre mehr in unse­rer Datenschutzerklärung.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lieber Johannes,
    ein höchst inspi­ri­ren­der Traum, der mich ver­lei­tet, zu träu­men, ich wär dabei.
    Sozusagen eine träu­men­de Virenmutation.
    Charlotte

  2. Ach Gottchen ist das süß… Da bekommt man ja direkt Mitgefühl für die klei­nen Viren. (Die sind ja völ­lig lost)
    Mein Mitleid hält sich aller­dings in Grenzen… (@;

    Ich bin zwar kein Experte, nur wie ich ein­mal im “Homeschooling” gehört habe, kön­nen Viren auch als Beschleuniger für Evolution dienen…
    … und viel­leicht (mit viel Glück) dreht einer die­ser armen Teufel wie­der um und wird zum “Engel”

    Mir hat der klei­ne Corona auf jeden Fall voll den tol­len Tritt in den Hintern gegeben.… 

    Es macht ein­fach sooo viel Spass dei­nen Geschichten zu lau­schen… Selbst wenn ich oft nur Bahnhof ver­ste­he… mir wird da ein­fach warm ums Herz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen