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Friedensgesang

Vorwort des Autors

Um mir politische Prozesse klarzumachen, neige ich als Theaterautor dazu, die Weltpolitik in kleinen, einfachen Theaterstücken darzustellen – allein zum Zwecke des Selbstverständnisses.
Ich besitze leider nur ein sehr kindliches Gemüt. Fein verästelte Gefühlssensationen, wie sie derzeit aus allen Redaktionen hervorquellen, sind für mich kaum nachvollziehbar. Denn wie gesagt, brauche ich es einfach überschaubar, so wie man einem Kind die Wahrheit erklären müsste und doch nicht kann. Also mache ich mich an diese undankbare Aufgabe, dem allzu neugierigen Kind in mir durch ein kleines, hunderttausendfach vereinfachtes Theaterstück die Wirklichkeit darzustellen.

Friedensgesang
Ein Einakter von Johannes Galli

Erste und einzige Szene

Rollen:
Maksym (kleiner und harmloser Junge im Alter von sieben Jahren)
Oma Olga (sehr entschlossene, zirka sechzigjährige Frau aus der Ostukraine)
Ruski (ein Straßengaukler im Kasperle Kostüm)
Kraini (ein Straßengaukler im Clown Kostüm)
Opa Danylo (trauriger alter Mann aus der Ostukraine, Ehemann von Oma Olga)
Anastasia (aufgeweckte neunjährige Enkelin von Oma Olga und Opa Danylo, Cousine von Maksym)
John Lennon (Sänger aus dem Himmel)
Europachor

Ort: Mitten im Kriegsgeschehen irgendwo in der Ostukraine

(Auf der Bühne sieht es aus, als habe eine Bombe eingeschlagen. Überall liegen Trümmer verteilt: Stofffetzen, Bombenteile, Holzteile, Einrichtungsgegenstände, Bauschutt, angebrannte Papiere und Bettwäsche, teilweise verkohlte Spielzeugpanzer, Spielzeugraketen und Kuscheltiere.
Von links treten auf Maksym und Oma Olga. Die beiden gehen Hand in Hand. Maksym trägt einen kleinen Rucksack, Oma Olga einen großen Rucksack.)
Oma Olga: Hier hat eine Bombe eingeschlagen.
Maksym (ängstlich): Müssen wir das alles aufräumen?
Oma Olga: Nein, wir lassen das liegen. Denn wir müssen fliehen.
Maksym: Warum müssen wir fliehen?
Oma Olga: Weil die Russen unser Land wollen.
Maksym: Dann sollen sie es doch haben.
Oma Olga: Du bist mir ein schöner Kämpfer. Das Land gehört uns.
Maksym: Und was sagen die Russen?
Oma Olga: Die sagen, das Land gehört ihnen.
Maksym: Und wer hat recht?
Oma Olga: Wir haben natürlich recht!
Maksym: Aha, ich verstehe.
Oma Olga: Was verstehst du?
Maksym: Warum es Krieg gibt.
Oma Olga: Und warum gibt es Krieg?
Maksym: Es geht darum, wer recht hat.
Oma Olga: Aber das Land gehört uns.
Maksym: Das sagen die Russen auch.
Oma Olga (entsetzt): Sag mal, was ist denn mit dir los? Auf welcher Seite stehst du eigentlich?
Maksym: Auf gar keiner Seite. Ich will den blöden Krieg nicht.
Oma Olga (erbost): Hör mal zu, du kleiner Klugscheißer: Niemand will Krieg.
Maksym: Aber wenn niemand Krieg will, warum gibt es ihn dann? (deutet nach rechts) Schau mal, Oma, da sind zwei Gaukler, die machen Straßentheater. Da will ich zuschauen.
(Ruski und Kraini treten von rechts auf. Sie sind mit einem Seil am Bauch miteinander verbunden. Sie halten in ihren Händen Pappknüppel und schlagen aufeinander ein.)
Ruski: Du Lump! (haut Kraini aufs Haupt)
Kraini: Selber Lump! (haut Ruski aufs Haupt)
Ruski: Du großer Lump! (haut Kraini noch fester aufs Haupt)
Kraini: Selber großer Lump! (haut Ruski noch fester aufs Haupt)
Ruski: Du größter Lump! (haut Kraini so fest aufs Haupt, dass der Pappknüppel bricht)
Kraini: Du größter Lump! (haut Ruski so fest aufs Haupt, dass auch sein Pappknüppel bricht)
(Oma Olga, die entsetzt zuschaut, weint.)
Maksym (schreit zu den Gauklern): Hört sofort auf damit, das tut doch weh! Seht ihr nicht, dass meine Oma weint?
(Die beiden Gaukler halten inne und blicken auf Maksym und Oma Olga.)
Ruski und Kraini (unisono): Was sollen wir tun?
Maksym (altklug): Es tut mir leid, aber einer von euch beiden muss sich ergeben!
Ruski und Kraini (unisono): Niemals!
(Mit den beiden Pappknüppelstümpfen hauen Ruski und Kraini wieder aufeinander ein und gehen dabei nach rechts ab, sich gegenseitig am Seil mitziehend.)
Oma Olga (wendet sich entsetzt dem kleinen Maksym zu): Was ist denn das für eine unmännliche Haltung?
Maksym: So machen es Illya und ich.
Oma Olga (genervt): Ah, Illya, dein großer Bruder.
Maksym: Er ist viel stärker als ich und hat ziemlich viele Muskeln und er ärgert mich immer.
Oma Olga: Und du läufst weg?
Maksym: Nee, ich kämpfe!
Oma Olga: Und dann?
Maksym: Dann kämpft er auch und … meistens ist er stärker.
Oma Olga: Und dann, was machst du dann?
Maksym: Bevor er mich grün und blau schlägt, ergebe ich mich und winke mit meinem weißen Taschentuch.
Oma Olga: Und dann?
Maksym: Dann hört er auf.
Oma Olga: Und dann verspottet er dich!
Maksym: Stimmt!
Oma Olga (verächtlich): Das hast du jetzt davon, du kleiner Feigling!
Maksym (schreit entrüstet): Ich bin kein Feigling!
Oma Olga: Doch, du bist ein Feigling.
Maksym: Es ist viel tapferer, sich zu ergeben, als immer weiter zu kämpfen.
Oma Olga: So spricht ein Feigling!
Maksym (hebt ein Stöckchen vom Boden auf, steckt darauf sein weißes Taschentuch und ruft laut): He, ihr beiden Gaukler! Wir ergeben uns!
Ruski und Kraini (strecken den Kopf hinterm Vorhang hervor und fragen unisono): Wirklich?
Oma Olga (tapfer die Faust reckend): Nein, wir ergeben uns niemals! Lieber sterbe ich den Heldentod.
Maksym (schreit Oma Olga an): Du mit deinem Heldentod! Ich will leben. (bricht schluchzend zusammen) Ich will leben! (wiederholt) Ich will leben!
(Von rechts erscheint Opa Danylo mit seiner Enkelin Anastasia an seiner linken Hand. Anastasia hält in ihrer linken Hand einen Käfig mit zwei weißen Tauben darin.)
Oma Olga: Danylo, woher kommst du und wohin gehst du?
Opa Danylo: Ich komme aus unserem Heim und bin auf der Flucht, genau wie du.
Oma Olga (verwundert): Du willst auch fliehen?
Opa Danylo: Natürlich! Wir waren ein Leben lang zusammen. Uns kann nichts trennen. Also fliehen wir zusammen.
Oma Olga: Willst du nicht für unser Land kämpfen?
Opa Danylo: Ich kämpfe nur für dich.
Oma Olga: Warum?
Opa Danylo: Weil ich dich liebe.
Oma Olga: Aber unser aller Liebe ist in Gefahr.
Opa Danylo: Für Liebe lässt sich nicht kämpfen. Für Liebe lässt sich nur lieben.
Oma Olga: Oh, Danylo!
(Oma Olga und Opa Danylo stellen sich dicht zusammen, Stirn an Stirn, schließen die Augen und versinken einen Moment in ihrer Liebe.)
Anastasia: Maksym, willst du für die Freiheit kämpfen?
Maksym: Für die Freiheit kämpfen heißt, dass irgendjemand in Gefangenschaft bleibt.
Anastasia: Für was kämpfst du?
Maksym: Genau wie Opa Danylo kämpfe ich für die Liebe.
Anastasia: Aber für die Liebe kann man nicht kämpfen. Für Liebe kann man nur lieben.
(Anastasia und Maksym beugen sich beide über den Käfig und öffnen die Tür. Die beiden weißen Tauben flattern heraus und setzen sich auf die Schultern von Anastasia und Maksym. Aus dem Theaterhimmel herunter schwebt ein Sänger, der aussieht wie John Lennon. Er sitzt an einem weißen Klavier und spielt und singt „Imagine“.
Begleitet wird er dabei vom Europa Chor, der auftritt und sich hinten auf der Bühne im Halbkreis aufstellt.)
John Lennon und Europachor (singen):
Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us, only sky
Imagine all the people
Livin’ for today …
Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too
Imagine all the people
Livin’ life in peace …
You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one.
(An dieser Stelle holen die in weiß gekleideten Frauen und Kinder aus dem Europachor aus ihren Ärmeln weiße Tauben hervor, die sofort durch den Raum flattern und sich auf die Schultern und Köpfe der Chormitglieder setzen. Zwei Tauben setzen sich auch auf die Schultern von Oma Olga und Opa Danylo.
Dann wird es totenstill.
Von rechts erscheint Ruski und von links Kraini.
Die vier Tauben, die auf den Schultern von Oma Olga, Opa Danylo, Maksym und Anastasia saßen, flattern zu Ruski und Kraini. Jeweils eine Taube setzt sich auf die rechte und linke Schulter von Ruski und Kraini.
John Lennon setzt wieder ein und singt. Der Europachor stimmt mit ein.)
John Lennon und Europachor (singen):
You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one.
(Ruski und Kraini gehen aufeinander zu, umarmen sich und tauschen den Bruderkuss aus.
Alle klatschen und die Tauben fliegen hinaus in die Welt.)

– ENDE –

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare

  1. Maksym’s tapfere Einstellung erinnert mich an eine Geschichte von Brecht, wo ein Besatzer bei einem Bewohner eines Landes einzieht und ihn fragt: „Willst du mir dienen?“ Der Bewohner bringt sofort Essen, stellt sein Bett zur Verfügung und übergibt all sein Hab und Gut an den Besatzer. Dieser wird über die Jahre fett, bequem und krank und stirbt schließlich. Nachdem der Tote fortgeschafft, das Haus gereinigt und in die ursprüngliche Ordnung zurückversetzt wurde, öffnet der Bewohner sein Fenster und schreit hinaus „Nein!!!“

    1. Lieber Michael,
      Die Geschichte, die du referierst, stammt aus der Reihe der 46 Herr Keuner Geschichten von Berthold Brecht. Und die spezielle Geschichte, auf die du anspielst, heißt Herr Egge.
      Liebe Grüße,
      Johannes

  2. „Ruski und Kraini“ – What an idea!

    Lieber Johannes

    Haben Sie lieben Dank für dieses Friedensstück. Es holt mich gerade heraus aus meiner Starre von Hilflosigkeit, die mir gerade inne ist.
    Ich würde da gerne mitspielen oder es mit zusammen mit meiner Theatercrew hobbymäßig inszenieren. Darf ich denn diesen Text dreimal ausdrucken für dieses Vorhaben?

    Mit verbindlichem Gruß
    Ihre Moni Tisowsky

  3. Hey Johannes,
    ich würde gerne einen Gedanken mit dir teilen, den ich heute morgen hatte… (Inspiriert von einem „Kinderbuch für Erwachsene“)

    Egal wie erschreckend die Welt auf deinem Weg auch ist, Hauptsache du hast einen Freund der dich zum lachen bringt… damit du das Atmen nicht vergisst.

    Lieb Grüße
    Manu

  4. Lieber Johannes,
    Danke für das Stück, das mir Hoffnung gibt und die einzige Lösung dieser Katastrophe zu sein scheint.
    Danke!
    Ilki

  5. Lieber Johannes,
    Dein neuerstes Theaterstück ist göttlich. Unendlich gepriesen sei der bibelstarke Friedensgesang, der der Welt Hoffnung schenkt. Er erinnert mich an Michael Endes „Die unendliche Geschichte“.
    Lieben Danke
    Charlotte

  6. Lieber Johannes,
    vielen Dank für Deine immer wieder anregenden und berührenden Blog-Beiträge. Es ist ein sehr berührendes Stück und ich bewege in mir, wie und in welcher Form es in Berlin aufzuführen ist. Ich danke Dir für die Erinnerung daran, die Hoffnung auf Frieden nicht aufzugeben und mit den Waffen einer Künstlerin in die Tat zu kommen.
    Hasta siempre
    Mariona Martinez

    1. Verehrter Herr Galli, mit diesem Theaterstück haben Sie eine kraftvolle Vision geschaffen, die den einzig möglichen Weg zum Frieden aufweist. Warum nicht lieber mit Oma Olga und Opa Danylo als Helden vom Frieden träumen als wild rum zu spekulieren. Oder glauben Sie, dass Wolo S. alias David gegen Goliath auf göttlichen Beistand setzen kann?
      Hoffen wir auf weisse Tauben und John Lennon!
      Ihre ergebene Cassandre

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