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Der Polizeiüberfall

Mexikanische Freunde hatten mich gewarnt, aber ich hatte es mir nicht vorstellen wollen: Bestechliche Polizei.
Wie sollte das denn gehen?
Polizei ist höchste Ordnungsmacht, die muss doch loyal und unbestechlich sein, wo kommen wir denn sonst hin? Ich meine, bestechliche Politiker okay, bestechliche Manager okay, aber Polizei? Bestechlich? Niemals!
Auf solch leidenschaftlich entrüstete Redebeiträge lachten meine mexikanischen Freunde bloß und warnten mich, dass bei einer verkehrsmäßigen Übertretung plötzlich ein Polizist kommen würde und sagen könnte: „Say hello to me!“ Und dann gebe man ihm die Hand, in der ein Geldschein wäre, und dann sagte man wie von der Staatsmacht gewünscht: „Hello!“ Und dann würde der mexikanische Polizist schon mal beide Augen zudrücken. Sollte ein Schein zu wenig sein, dann würde der Polizist nochmals ein „Hello!“ verlangen. Würden die Scheine zu viele sein, dann würde der Polizist schweigen und die Scheine freundlich einbehalten.
Bei mir war es damals anders, ganz anders.
Wiewohl ich mehrmals und teilweise sehr heftig „Hello!“ sagte, trat auf der Gegenseite keine Zufriedenheit ein.
Doch nun wie angekündigt zur Geschichte: Unbedingt hatte ich den bekannten Vulkan in der Nähe von Mexiko City sehen wollen. Sein Name ist Popokatepetl. Hinter diesem eher lustig klingenden Namen verbirgt sich ein mächtig aufragender Vulkan, etwa zwei Fahrstunden von Mexiko City entfernt.
Anschauen ja, aber jedwede Form der Besteigung war mir zuwider.
Außerdem wollte ich unbedingt vor Sonnenuntergang wieder zurück im sicheren Hotel sein. Es gibt angenehmere Vorstellungen, als sich spätabends in Mexiko City zu verfahren.
Als ich die Stadtgrenze von Mexiko City passierte, geschah es dann. Träge floss der Verkehr dahin und wir Autofahrer schwammen durch endlos breite, aber dennoch nicht breit genuge Straßen. Plötzlich entdeckte ich rechts von mir jene Straße, die direkt zu meinem Hotel führen würde, aber sie war eine Einbahnstraße und außerdem, wie sollte ich da rüber kommen? Also beschloss ich, mich treiben zu lassen, um vielleicht irgendwo an einer später kommenden Ampel nach rechts herausscheren zu können.
An den wahllos aufgestellten Ampeln orientierte sich niemand. An diesen Ampeln fand ein in Maßen interessantes Abwechseln von den Farben rot, gelb und grün statt, das wie bereits erwähnt keine Beachtung fand.
Da ich mich im Ausland ungern als Deutscher fühle, adaptiere ich schnell die Identität des Gastlandes, in diesem Fall Mexiko. Ich will sagen, ich fühlte mich als Mexikaner unter Mexikanern und schob mich ganz mexikanisch wie alle anderen auch an der roten Ampel vorbei, ohne ihr Beachtung zu schenken, die mich zu einer Handlung wie zum Beispiel Bremsen hätte hinreißen können. Ich hätte ein Verkehrschaos riskiert, hätte ich gebremst. Ach, hätte ich nur gebremst!
Plötzlich tauchten sie in graubraunen Uniformen rechts und links von mir auf, als hätten sie auf mich gewartet, und brüllten körpersprachlich klar verständlich, dass ich rechts ranfahren und anhalten sollte.
Ihre graubraunen Uniformen passten hervorragend zu ihren tiefbraunen Gesichtern, zu denen wiederum ihre schwarzen Schnauzer hervorragend passten, ganz zu Schweigen von den pompösen Uniformschirmmützen, zu denen ihre schwarzen, seitlich schweißverklebt hervorlugenden Haare hervorragend passten, zu denen aufs Wunderbarste ihre grimmig zur Schau gestellten Gesichter passten. Das Einzige, was in diese Komposition mexikanischer Stimmigkeiten nicht hineinpasste, war ich in meinem Mietauto, mit dem zusammen ich schuldig geworden war.
Lange spanische Rede, kurzer deutscher Sinn: Sie wollten alles, was ich hatte.
Was ich nicht hatte, war: Kreditkarte, Führerschein und Reisepass. Diese Identitätsbeweise hatte ich aus Angst vor mexikanischen Strauchdieben im relativ sicheren Hotel Safe zurückgelassen. Und genau dies wirkte nun auf meine deutsche Psyche verheerend. Ich entwickelte Schuldgefühle, denn ohne jegliche Identität und Fahrerlaubnis angetroffen, würde mir in Deutsch­land Ärger der übelsten Sorte ins Hause stehen. Der Deutsche in mir, der einen größeren Platz einnimmt, als mir lieb ist, war erschrocken. Dies witterten sie. Sie witterten Schuld und sie witterten Geld.
Zurecht!
In allerlei Beuteln am Körper versteckt hatte ich das, was alle immer wollen. Erst zückte ich meine Brieftasche und reichte sechzig Dollar, aber sie sahen Schweißperlen auf meiner Stirn und deuteten auf meinen Hüftledergürtel, an dem eine Ledertasche befestigt war, in der meine Reserve war: Fünfzig Dollar. Nachdem sie meine Reserve geleert hatten, zeigten sie noch auf den Reißverschluss in meinem Rucksack und fanden dort noch fünfzig Notreserve Dollar. Ich fühlte mich wie eine Weih­nachts­gans, die ausgenommen wurde, und geriet in den Sog ihrer Psyche.
Sie waren mir überlegen. Ich saß auf ihrer Gürtelhöhe, will sagen, blickte nicht nur auf die Fettwalzen, die sich über ihre zu eng geschnallten Gürtel stülpten, sondern auch auf die seitlich hängenden Revolver, deren Griffe vom vielen Gebrauch abgewetzt waren.
Nie denke ich im Alltag an Filmszenen, aber ausgerechnet damals sah ich vor meinem inneren Auge, wie mich die Kugel traf und ich auf den Straßenrand kippte und nun vor mich hin verschimmelte und niemand würde wissen, wo ich hingekommen war, und einige Besitzer von Garküchen freuten sich, weil sie billig viel Gulasch gefunden hätten, und irgendwann würde jemand meinen Hotelsafe öffnen und über meinen Pass erfahren, wer ich gewesen war, und mit der Kreditkarte sich ein schönes Leben machen, bis meine Bank stutzig würde und das Vergnügen sperren würde, doch dann wäre ich schon längst Knochen für Mexikos Hunde, die noch nicht in den Garküchen verschwunden waren.
Aus Freude, dass alles nicht so war, wie ich es mir da horrormäßig ausgedacht hatte, zeigte ich meinen beiden Ordnungswächtern auch noch meinen Brustbeutel, in dem noch fünfzig Dollar als allerletzte Sicherheitsnotreserve artig zusammengefaltet auf den Notfall warteten, der jetzt ja wohl eingetreten war. Intensiv grübelte ich dann noch nach, ob ich nicht doch noch eine allerletzte Supersicherheitsnotreserve hatte …
Sie winkten ab, denn sie hatten genug.
Ordnungsliebend steckten sie die Scheine in ein Notizbuch, das sie schnell zuklappten.
Wer nun glaubt, sie machten sich feige und hämisch aus dem Staube, unterstellt ihnen jene Undankbarkeit, die ihnen von Natur aus fremd ist. Nein, nun zeigten sie mir erst, was sie so alles bewirken konnten, wenn sie nur wollten. Nachdem die beiden also das Notizbuch zugeklappt hatten und ihr Gehalt für die nächsten zwei Jahre zwischen den Seiten klemmte, fragten sie freundlich, wo ich hinwollte. Ich nannte ihnen mein Hotel.
Ein Doppelpfiff aus ihrem Mund und alle Autos im Umkreis von fünfhundert Metern standen still. Das war faszinierend. Was eine rote Ampel nicht konnte, schafften die beiden mit links. er ganze Verkehr stand still.
Lachend mit blitzenden Zähnen winkten sie mir den Weg quer an mehreren Autos vorbei. Einer der beiden ging zu Fuß, um besser präsent zu sein, der andere fuhr im Schritttempo im Polizeiauto nebenher. Dieses blinkte und heulte sirenenmäßig auf, wann immer der Fahrer das wollte.
Natürlich blickten die massenweise angehaltenen Fahrer sehr missmutig drein, aber sie hielten ihre Mimik wegen der präsenten Staatsmacht in schmalen Ausdrucksgrenzen.
Aber noch hatten die beiden Polizisten den Höhepunkt ihrer Machtentfaltung nicht erreicht. Von dem Platz aus, auf dem die Fahrer wie schon berichtet stillstehen mussten, führte die bereits erwähnte Einbahnstraße ab, die mich schnell zu meinem Hotel führen würde, wenn ich mich nur gegen die erlaubte Fahrtrichtung bewegen dürfte.
Armwinkend und wild pfeifend hatten es die beiden Polizisten in einer halben Minute geschafft, dass sich alle Autos in der Einbahnstraße ängstlich zur Seite drängten. So hatte ich genügend Platz, um unter Polizeiaufsicht die Einbahnstraße gegen die Fahrtrichtung zum Hotel zu fahren.
Die beiden bereicherten Polizisten winkten mir noch gutgelaunt und freundlich zum Abschied zu und wendeten sich dann ärgerlich und genervt dem Verkehrschaos zu, das sich in den letzten Minuten unter ihrer Anleitung gebildet hatte.

Auszug aus:

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