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Denkzettel 08 – Die dritte Regel

Nach einer sehr genauen Untersuchung, ich musste auch meine Schuhe ausziehen, um auszuschließen, dass ich dort Sprengstoff transportierte, wurde ich ins Flugzeug vorgelassen. Das war in Los Angeles gewesen. Nun würde ich erst wieder in Mexiko City aussteigen.
Das Flugzeug war recht leer und so kam ich schließlich neben einem Mexikaner zum Sitzen. Braun, mit Schnauzer, weißem Nylon­hemd und freundlich rundem Kopf, stellte er sich mir gleich als Juan José vor.
Ich war leicht mürrisch, weil ich noch etwas schreiben wollte und also meine Energie nicht im Small Talk verpuffen lassen wollte.
Natürlich ließ ich meine interkulturelle Sensibilität spielen und war deswegen nur sehr zart mürrisch. Juan José akzeptierte auch eine kurze Weile lang meinen Wunsch, in relativer Stille mein Leben schreibend zu verarbeiten.
Als die Flugbegleiterin das Speisetablett vor uns stellte und wir uns gegenseitig höflich guten Appetit wünschten, war leider das Eis zwischen Juan José und mir endgültig gebrochen.
In recht flüssigem Englisch fragte er, was ich da schreibe. Ich bin so reiseerfahren, dass ich weiß, dass wenn diese Frage kommt, ich keine Chance mehr habe, von der Umwelt abgeschottet in eigenen Gedankenwelten zu verweilen. Also klappte ich mein Heft zu und ergab mich meinem Schicksal.
„Ich schreibe Businesstheaterstücke“, wählte ich die Antwort, die normalerweise dem Gegen­über, sofern er im Business tätig ist, immer einen Interesseschub entlockt und ein relativ anspruchsvolles Gespräch nach sich zieht, nach sich schleppt oder auch nach sich stocken lässt.
Im Falle Juan José wirkte meine Antwort auf ihn sehr anregend. Ein Wort gab das andere und Juan José plauderte heftig drauflos, dass er im mittleren Management sei und bei einem internationalen Automobilkonzern arbeite.
Bescheiden versuchte ich meine Erfahrung im Training von Managern in der Automobilbranche an den Mann zu bringen. Aber Juan José war nicht nach Belehrung zumute und schon gar nicht durch mich. Endlich wollte er die Chance nutzen, einen anderen, in diesem Falle mich, ausführlich zu belehren. Ich kenne das. Seit Jahren treffe ich immer mehr Menschen, die mich belehren wollen. Vielleicht liegt da etwas in meinem Blick, das dem Gegenüber immer wieder zuruft: „Belehre mich … belehre mich … belehre mich …“ Vielleicht ruht aber auch in meinem Unbewussten etwas Rotzblödes, auf das Menschen reagieren, indem sie mir über Belehrung umfassend helfen wollen, oder es ist generell der Be­leh­rungsdruck weltweit angestiegen … ich weiß es nicht.
Was ich sicher weiß, ist, dass Juan José unter hohem Belehrungsdruck stand. Aufgeregt fragte er mich, ob ich seine Methode kenne, also nicht die, die er selbst entwickelt hatte, sondern die, die er anwendete. Ob ich mich dafür interessiere?
Er nahm nicht ganz zurecht meine leicht nach unten gerichteten Mundwinkel als Zustimmung und begann mir munter zu erläutern, dass alle effektive Zusammenarbeit zwischen Angestellten und Angestellten und Angestellten und Boss im Hinblick auf ein gemeinsames Projekt ganz einfach sei, man müsse sich nur an drei Regeln halten. Nun beugte ich mich ihm wirklich interessiert zu. Regeln hört man doch immer gern, oder?
Sogleich prallte auch schon die erste Regel gegen mich: „Wer bist du?“
„Aha!“, sagte ich etwas enttäuscht, denn es war ja mehr eine Frage als eine Regel. Aber diese Frage überzeugte mich durchaus. Um ein Projekt erfolgreich durchzuführen, sollte man wissen, wer man ist, sonst gerät man in eine schwer zu durchschauende Konfusion. Wenn dann noch andere dazukommen, die auch nicht wissen, wer sie sind, kann sehr schnell ein nicht mehr entwirrbares Chaos entstehen.
Er ließ mir kaum Zeit zum Atmen und tischte mir sofort die zweite Regel auf, die ent­täu­schen­der­wei­se schon wieder eine Frage war: „Wo willst du hin?“
Ich nickte, weil ich ihm an dieser Stelle voll zustimmte, dass wenn man ein Projekt ­vorantreiben wollte, man unbedingt wissen sollte, wo das Ganze hinsollte. Wie wollte man denn richtig loslegen, wenn man nicht wüsste, in welche Richtung?
Dann streckte er den dritten Finger in die Höhe, um die dritte Regel beziehungsweise wie ich vermutete die dritte Frage gestisch eindrucksvoll vorzubereiten. Aber dann passierte es. Ihm fiel die dritte Regel nicht ein. Obwohl er, wie er mir anfangs immer wieder versichert hatte, sich täglich nach diesen drei Regeln richtete und sie als Ursache für seinen nicht enden wollenden Erfolg auf der mittleren Managementebene erkannt hatte, fiel ihm die dritte Regel nicht ein.
Es wurde still um ihn. Immer noch starrte er auf seinen Finger, den er wie am Nichts angenagelt in die Höhe hielt.
Der Pilot brüllte ins Mikrophon und brachte uns allen, die zuhören mussten, knatternd zu Gehör, dass er nun mit dem Sinkflug auf Mexiko City beginnen würde.
Ich lächelte Juan José unverbindlich zu, um ihn zu ermuntern, doch noch aus den endlosen Tiefen seines Gemüts die dritte Regel hervorzukramen. Er lächelte freundlich zurück und senkte dann die dritte Regel, äh, ich meine Finger, und legte sie beziehungsweise ihn zu den anderen Regeln unveröffentlicht in seinen Schoß zurück.
Ich öffnete mein Heft wieder und nutzte die Viertelstunde Sinkflug, um noch ein wenig zu ­schreiben.
Juan José schwieg die ganze Zeit über und brütete weiter über die dritte Regel, die seinen Erfolg ­bewirkte. Sie fiel ihm bis zu unserem leicht verhaltenen Abschied nicht mehr ein.

Auszug aus:

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Mein Belehrungsdruck: Juan José
    Ich kann mich ja auch noch so blamieren, wenn ich am Schluss auch noch ein Bisschen über mich selbst lachen kann, ist das doch der grösste Erfolg.

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