Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

Der vergiftete Apfel

Es emp­fiehlt sich in die­sen schwie­ri­gen Zeiten, ein wenig in den gro­ßen, alten und wei­sen Büchern der Menschheit her­um­zu­spä­hen, ob sich da nichts Anwendbares für unse­re momen­ta­ne Krisensituation fin­den lässt. Neben dem Buch der Bücher sind es die gro­ßen Märchensammlungen aller Völker, die in sym­bol­haf­ter Form einen unglaub­li­chen Wissens- und Erfahrungsschatz in sich ber­gen.
Oh, das trifft sich gut, denn ich lie­be Märchen über alles!
In Märchen wird das Prinzip Hoffnung gelebt. Und des­we­gen wer­den Märchen als Literatur für Kinder zuge­ord­net, denn Kinder brau­chen Hoffnung, um zu gedei­hen.
Märchen sind immer nach dem glei­chen Muster erzählt: Die Heldin oder der Held erlebt zu Beginn einen Zustand rela­ti­ver Harmonie. Dann geschieht irgend­ei­ne Katastrophe, irgend­ein Unglück bricht her­ein und die Heldin oder der Held muss sich bewäh­ren und trans­for­mie­ren. Und am Ende ist ein Zustand höhe­rer Harmonie erreicht als vor­her. Wir sehen: Genau das Richtige für unse­re Kinder in der heu­ti­gen Zeit!
Aber war­um sol­len die Erwachsenen von Hoffnung aus­ge­schlos­sen sein? Sie brau­chen doch auch Hoffnung! Und also sind Märchen auch geis­ti­ge Nahrung für Erwachsene, je nach­dem, wie man sie inter­pre­tiert.
An die­ser Stelle muss ich dar­auf hin­wei­sen, dass sich Märcheninterpretationen jeder Bewertung ent­zie­hen. Es gibt also kei­ne rich­ti­ge oder fal­sche Interpretation, son­dern es gibt nur eine eige­ne Interpretation. Genau so, wie man Träume nicht in rich­ti­ge und fal­sche Träume unter­schei­den kann, kann man auch Märcheninterpretationen nicht in rich­ti­ge und fal­sche unter­schei­den. Es sind Interpretationen, die jeder für sich selbst macht.
Nach die­sen ein­lei­ten­den Worten möch­te ich mich nun einem Märchen zuwen­den: Schneewittchen! Da geht es näm­lich um Leber und Lunge. Und die Lunge ist ja heut­zu­ta­ge ins Zentrum vie­ler Überlegungen gerückt. Aber der Reihe nach: Ein hüb­sches Mädchen mit Namen Schneewittchen, weil Haut weiß wie Schnee, Lippen rot wie blut und Haare schwarz wie Ebenholz, ver­liert schon früh ihre ech­te Mutter.
Was bedeu­tet das? In ihrem Leben fehlt das ech­te Weiblich-Mütterliche. An die frei gewor­de­ne Stelle tritt eine männ­lich domi­nie­ren­de Stiefmutter. So wie heu­te? Sind die Frauen heu­te ver­männ­licht? Keine ech­ten Mütter mehr, son­dern domi­nie­ren­de Stiefmütter?
Entschuldigung, ich fra­ge ja nur! Das wird doch noch erlaubt sein … Nein, ich habe kein alt­mo­di­sches Frauenbild, kei­ne vor­ge­fer­tig­te Meinung, kein schub­la­den­haf­tes Klischeedenken. Ich asso­zi­ie­re nur ein biss­chen her­um.
Also, wei­ter geht’s im Märchen. Die Stiefmutter bekämpft Schneewittchen, weil die her­an­wächst und von Tag zu Tag schö­ner wird. Das Alte kämpft gegen das Junge.
Nun ja, wer nach Schönheit und Erfolg giert, muss akzep­tie­ren, dass der ewi­ge Vorteil bei den Jungen liegt und der Nachteil bei den unver­meid­lich immer älter wer­den­den. Da hilft auch kei­ne phar­ma­zeu­ti­sche Hilfestellung.
Die Stiefmutter wird bit­ter­bö­se und sie gibt einem Jäger den Befehl, Schneewittchen umzu­brin­gen. Typisch männ­li­che Konfliktbewältigung. Mord liegt in der Luft wie ein gefähr­li­cher Virus. Als Beweis muss der Jäger der Stiefmutter Leber und Lunge des Mädchens brin­gen. Leber als Symbol für Leben und Lunge als Symbol für Kommunikation.
Der Jäger konn­te sie täu­schen, aber am Ende schaff­te es die böse Stiefmutter doch, in einer Mutation – äh, ich mei­ne Verkleidung – das Schneewittchen zu infiz… ich mei­ne ver­gif­ten über einen rohen unge­schäl­ten Apfel, auf des­sen Oberfläche sich ver­hee­ren­de Viren tum­mel­ten.
Schneewittchen hielt sich an kei­ne Abstandsregel, nahm ohne Mundschutz und Einmalhandschuhe den Apfel von der Stiefmutter ent­ge­gen, biss hin­ein, hat­te kein star­kes Immunsystem zur Hand, denn ihre sie­ben Chakren, die nor­ma­ler­wei­se ihr Immunsystem aus­mach­ten, waren als sie­ben Zwerge ver­klei­det bei der unter­ir­di­schen Arbeit im Bergbau bezie­hungs­wei­se im abge­dräng­ten Unterbewusstsein. Und so fiel sie ins Koma, sym­bo­li­siert durch einen Glassarg. Eine Beatmungsmaschine war nicht ver­füg­bar, denn der Gesundheitsminister des Königreiches hat­te vor lau­ter Privatisierungsideen ver­ges­sen, genü­gend Beatmungsmaschinen für das Land vor­zu­be­stel­len.
Aber Liebe bewirkt Heilung, und ein lie­ben­der Prinz, also ein Mensch wie du und ich, ret­tet unse­re bezau­bern­de Heldin.
Das heißt für uns: Je mehr wir lie­ben, umso mehr kön­nen wir hei­len, sogar uns selbst!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. Diese Interpretation ist ein­fach bril­li­ant! Eine wun­der­ba­re Idee, das aktu­el­le Zeitgeschehen mit­hil­fe der Märchen in einen grö­ße­ren spi­ri­tu­el­len Kontext zu set­zen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen