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Glückliches Leid

Neulich traf ich einen alten Freund. Freudig schüttelten wir uns die Hände. Es tat gut, ihn wiederzusehen. Wir setzten uns auf ein Bier zusammen und er erzählte von seinem Glück und von seinen Erfolgen auf allen Ebenen. Er erzählte so anschaulich und so leidenschaftlich, dass ich ein bisschen neidisch wurde über so viel Glück und Erfolg. Ich kam da gar nicht mehr mit und fand keine Übereinstimmung mit ihm. Also verstummte ich immer mehr und gegen Ende des Gesprächs, als der Wirt kam, um zu kassieren, war ich sogar froh, dass ich wieder meines Weges gehen konnte. Ja, ich ärgerte mich sogar über meine Glücks- und Erfolglosigkeit, mit der ich im letzten Jahr zu ringen hatte.
Zum Abschied stellte er mir noch in Aussicht: „Wenn wir uns wieder mal treffen sollten, erzähle ich dir noch von weiteren Erfolgsmomenten.“
Ich dachte noch bei mir: „Hoffentlich treffen wir uns so schnell nicht wieder“, aber es kam anders, als ich mir gewünscht hatte, denn wir trafen uns zufällig wieder und ich spielte die Komödie der Wiedertreffensfreude. Aber was war denn mit ihm los? Er war abgemagert, bleich und weiß um die Nase. Sein Blick war trübe und nach innen gekehrt.
„Mir geht es nicht so gut“, sagte er sanft und ein wenig hilflos.
Ich fragte nicht weiter und sagte nichts, sondern legte meine Hand auf seine Hand. Sie war kühl und feucht. Seine Augen wurden feucht. Ich munterte ihn auf, zu sprechen, und sagte: „Wenn du was auf dem Herzen hast, sprich dich aus.“
Er erzählte mir von seiner Krankheit: Die plötzlichen Schmerzen, die brutale Diagnose, die Bestrahlungen, die Operation, und von seinem psychischen Leiden. Ich war erschüttert. Nicht so sehr über seine körperliche Gebrechlichkeit. Jeder von uns Älteren hat sein Paket zu tragen. Überall erscheinen Mängel. Altersbedingte Mängel. Krankheitsbedingte Mängel. Die Abwehrkräfte schwinden halt. Aber ich war erschüttert, wie sympathisch ich meinen alten Freund wieder fand.
Als wir uns dann verabschiedeten, nicht ohne einen neuen Termin zu vereinbaren, wo wir wieder miteinander sprechen wollten, machte ich noch einen langen Spaziergang und dachte nach. Ich stellte mich der Frage, wieso Leid Menschen so sympathisch macht und Erfolg und Glück so unsympathisch. Jaja, ich weiß, man darf es nicht verallgemeinern. Verallgemeinern ist immer falsch. Aber es geht ja auch nicht um Statistiken, es geht um Gefühle. Genauer gesagt um mein Gefühl. Und dem will ich einmal nachspüren. Mit Leid kann ich mich gut identifizieren, denn Leid habe ich selbst erfahren. Ich weiß, wie Leid riecht, schmeckt und sich anfühlt. Leid ist immer ein Zustand, in dem man sich nach Hilfe sehnt. Einfach irgendwie Hilfe: Eine Geste, ein freundlicher Blick, ein freundliches Wort – und schon ist das Leid ein wenig gelindert.
Ich muss an dieser Stelle eine Begriffsbestimmung durchführen, um Klarheit zu schaffen, welchen Unterschied ich zwischen Mitleid und Mitgefühl sehe. Mitleid ist etwas Hochmütiges, etwas Arrogantes, von oben herab: „Oh, du Armer. Was habe ich für ein Glück gehabt, dass ich nicht in dem Zustand bin, wie du jetzt bist.“
Ich spreche aber nicht von Mitleid, ich spreche von Mitgefühl. Mitgefühl heißt: „Ich stehe auf der gleichen Stufe wie du. Und so kann ich dich erkennen, wie du wirklich bist und wie ich wirklich bin.“
Und ich habe den furchtbaren Verdacht, dass wir Menschen nur im Leid wirklich sind. Und so absurd es klingt, so wahr ist es: Wir Menschen sind nur im tiefsten Leid glückselig vereint. 

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lieber Johannes,
    die Definition zwischen Mitleid und Mitgefühl trifft den Nagel auf den Kopf. Der Unterschied ist grenzenlos und macht „Glückliches Leid“ erfahrbar.
    Dankbare Charlotte

  2. Lieber Johannes,
    ich möchte mal gewagt behaupten, dass uns Krankheiten anfallen, damit wir vom Hochmut in die Demut kommen. Auch ich habe lange herumgeprotzt, wie fit und gesund ich noch bin in meinem Alter, dicht an 70, bis es mich erwischt hat. Jetzt sehe ich jeden Menschen, der humpelt, der langsam geht, der schwermütig spricht, der dick ist, der ausgezehrt ist, der müde und matte Augen hat – und so weiter – anders: Ich erhebe mich nicht mehr hochmütig über ihn, sondern frage mich still nach seinem Leid, das er mit diesem Körper tragen und aushalten muss.
    Vielen Dank für diesen Blog!
    Liebe Grüße Gabriele

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