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Die Prise Salz

Es ist nun unbedingt an der Zeit, die Entstehungsbedingungen meiner merkwürdigen Karriere nachvollziehbar vorzustellen. Immer wieder werde ich gefragt, wie ich denn mein Schau­spieltalent entdeckt und entwickelt habe. An dieser Stelle muss ich offenbaren: Film, Zirkus und Theater haben mich nie interessiert. Nie habe ich eine Schauspielschule oder ähnliches besucht. Und doch gelang es mir von Beginn an, mit meiner Schauspielkunst nicht nur mich, sondern auch meine kleine Familie, die neben mir heranwuchs, zu ernähren. Nun will ich den Versuch wagen darzustellen, wie sich mein Talent gebildet und entwickelt hat. Hierzu will ich drei Begebenheiten schildern.
Eine Geschichte sei an den Anfang gestellt, die eine philosophische Frage von nicht enden wollenden Dimensionen in sich birgt. Das ist die Frage nach dem Wesen, das hinter all den Rollen steht, die wir Menschen tagtäglich spielen müssen. Wer in uns ermöglicht es, dass wir blitzschnell von einer Rolle in die andere schlüpfen können?
Natürlich will ich dieser Frage nicht weiter theoretisch nachgehen, sondern in einer würzigen Geschichte erzählen, wie mich diese Frage fand und mich bis heute nicht mehr loslässt.
Diese kleine und scheinbar unbedeutende Geschichte, die sich in meiner späten Kindheit ereignete, sei hier als unbedingtes Kernstück meiner Ausbildung in lebensnahem Schauspiel vorgestellt.
Meine Ausbildungsleiterin zum flexiblen Schauspiel auf der alltäglichen Lebensbühne war meine Mutter. Ihr häufig überraschend durchgeführter Rollenwechsel hat mich von Anbeginn unseres gegenseitigen Kennenlernens immer wieder verblüfft. Von einem Moment zum anderen konnte sich Mutter ohne Vorwarnung in eine völlig andere Person verwandeln. Dies verunsicherte nicht nur mich. Auch mein Vater, Verwandte und Nachbarn waren immer wieder aufs Neue überrascht, wie schnell meine Mutter in den für sie zuständigen Rollen ein- und ausgehen konnte.
Es ist nicht an der Zeit, meine Ausbildungsleiterin zu kritisieren. Im Gegenteil, der blitzschnelle Rollenwechsel meiner Mutter ist Grundlage meiner psychischen Entwicklung, die mich zum schauspielernden Philosophen machte. Doch nun will ich konkret werden und endlich die Schlüsselgeschichte erzählen.
In meiner späteren Kindheit und frühen Jugendzeit war das Abendessen in meiner Familie, bestehend aus Mutter, Vater, Schwesterchen und mir, ein festes Ritual: Täglich pünktlich um achtzehn Uhr wurde das Abendessen aufgetischt. Sodann wurde es in wunderbarer Harmonie in unserer wunderbaren Kleinfamilie eingenommen. Leider muss ich gestehen, dass Harmonie nicht immer die beherrschende Stimmung beim täglich letzten Abendmahl war. Es konnte durchaus geschehen, dass der Haussegen schief hing, dann wurde aus dem harmonisch geplanten Abendessen ein Horrorszenario.
Hier also nun endlich nach reichlicher Einleitung die Geschichte, die grundlegende Bedeutung für meine Sicht des menschlichen Lebens erreicht hat. Wieder einmal hatte Vater es nicht lassen können, Mutter scharf in die Schranken zu weisen. Unglücklicherweise nutzte er genau jenen Satz, von dem er wusste, dass er sie unbedingt zur Raserei bringen würde. Dieser Reizsatz harsch vorgetragen war: „Das verstehst du nicht!“
Obwohl Mutter nicht viel verstand, konnte sie diesen Satz aus Vaters Mund nicht hören und wenn Vater diesen Satz abschoss, schoss sie sofort gnadenlos zurück.
Ich weiß heute nicht mehr, worum der Streit damals ging, ehrlich gesagt: Auch damals verstand ich nicht, worum der Streit damals gegangen war, und ich glaube, auch meine Eltern wussten nicht genau, wie dieser Streit begonnen hatte und wo er hinführen sollte. Meine Eltern stritten viel, aber sie versöhnten sich dann auch wieder viel, so dass über all die Jahre eine gewisse Ausgeglichenheit entstand.
Hier muss ich kurz innehalten, um dem von mir in die Welt gesetzten Eindruck, Mutter verstehe nichts, entgegenzuwirken. Dies muss eingegrenzt werden. Intellektuell verstand sie vielleicht nicht viel, aber rein einfühlungsmäßig verstand sie blitzschnell alles. Mir war sie viel zu schnell. Mit keiner noch so genial vorgetragenen Lüge hatte ich jemals Erfolg bei ihr.
Nun hoffe ich, dass ihr guter Ruf wiederhergestellt ist und ich zur Schilderung des Streites zurückkehren kann. Dieser Streit hat bei mir eine umfassende Bewusstseinserweiterung bewirkt, deswegen seine präzise Darstellung.
Blitzschnell hatte sich also das nutzlose Streitgespräch hochgeschaukelt, und das gemeinsame harmonische Essen war gründlich verdorben. Mutter schwieg verbittert und Vater blickte entnervt auf seinen leeren Teller und sein leeres Bierglas. Da klingelte es an der Wohnungstür.
Eine Nachbarin störte unsere Zwietracht.
Nachdem Mutter missmutig die Wohnungstür geöffnet hatte, formulierte die Nachbarin ihre Not: Sie hatte einen Kuchen backen wollen und mittendrin festgestellt, daß sie kein Salz mehr hatte. Nun wollte sie aus unserem wohlausgestatteten Haushalt eine Prise Salz ausleihen. Ausführlich bat sie wegen der Störung um Entschuldigung, die ihr selbstverständlich gewährt wurde.
Mir fiel die Kinnlade auf den Tisch über das, was sich jetzt vor meinen Augen abspielte: Eben noch emotional den Kriegszustand gegen Vater ausgerufen und unbedingt bereit, die Scheidung einzureichen, ­flötete Mutter nun in bester Laune: „Liebling, du hast ja gar kein Bier mehr, soll ich dir etwas nachschen­ken?“
Flugs war sie am Kühlschrank, holte eine Flasche Bier heraus, öffnete sie und schenkte Vater das schäumende Hopfen- und Malzgetränk ein, so wie er es liebte. Allerliebst lachte sie dann noch scherzend: „Du hast ja heute gar keinen Appetit, möchtest du noch etwas essen? Ein Würstchen, Tomate, Essiggurke, Kartoffelsalat. Was darf es denn sein?“
Vater, der Mutter kannte und über ihren Rollenwechsel wenig erstaunt war, nutzte die Gunst der Stunde und ließ sich noch ein Wiener Würstchen auftun, außerdem noch Tomate, Essiggurke und Kartoffelsalat.
Dann flötete auch er: „Sei doch bitte so nett und reiche mir den Senf!“
„Aber gerne, Liebling.“
„Danke!“
„Gern geschehen!“
So hatten die beiden unter dem scharf kontrollierenden Auge der Nachbarin die köstliche Inszenierung: „Glückliche und überaus höfliche Kleinfamilie beim harmonischen Abendessen“ souverän zum Besten gegeben.
Als die Nachbarin ihre Prise Salz bekommen hatte – Mutter war großzügig gewesen – verschwand sie so unauffällig, wie sie auffällig gekommen war.
(…)

Auszug aus:

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lieber Johannes,
    welch eine herrlich anschauliche Darstellung deiner ersten Schauspiellehrer! Und wenn man sich das Ganze noch im original hessischen Ambiente vorstellt ist es eine köstliche Erfrischung beim Lesen und erinnert an deine geniale Bühnenfigur „Forscherschorsch“ und deine Solo-Performance „Die sieben Kellerkinder®“.
    Vielen Dank für deine Blogs!

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