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Papagalli erzählt, wie er normalerweise immer Silvester feiert

Vielleicht fragt sich der eine oder die andere: Wie feiert eigentlich Papagalli Silvester? Wer so interessiert fragt, dem fliegen sofort reichlich Antworten um die Ohren.
Silvester feiere ich immer besinnlich. Besinnlich heißt für mich allein. An Silvester scheue ich den Rummel konsequent und schwinge das Tanzbein nicht, sondern bin zu Hause und feiere still in mich hinein. Silvester ist für mich erstmal: Großartige Speisen, die ich mir selbst ab 22 Uhr vornehm präsentiere. Ich meine mit Messer und Gabel, einem schönen Teller, reichlich Servietten und einem echten Weinglas. Ich habe mir Russische Eier zubereitet, teils mit Kaviarersatz, teils mit Lachsersatz. Mh, lecker. Dazu Kartoffelsalat mit Heringschwänzen. Und dazu ein Gläschen Veuve Durand Champagner für dreizehn Euro neunundneunzig die Flasche aus dem Aldi. Ja, an Silvester muss es Champagner sein!
Da lasse ich mich nicht lumpen. Während ich vornehm herumspeise, schaue ich Fernsehen: Ich zappe mich durch sämtliche Jahresrückblicke auf allen Sendern und wundere mich, was ich alles verpasst hatte – aber man kann es ja noch alles nachholen, und zwar jetzt!
Mein Gott, wo überall gekriegt wird. Welche Politiker nicht zurückgetreten sind, obwohl sie eigentlich müssten. Wie viele Sportler Höhepunkte erlebt haben und noch spannender: Niederlagen hinnehmen mussten. Es gibt schon gewaltige Schicksale und ich proste öfters dem Fernsehen zu, weil das gewaltige Schicksalslebensrad an mir vorbeigezogen ist.
Und dann kommt der Höhepunkt der Silvester Show: Ich trinke mich solidarisch durch das Europäische Festland.
Ja, auf Europa lasse ich nichts kommen. Niemals. Eine solche Ländervereinigung mit so vielen verschiedenen köstlichen Getränken gibt es auf der ganzen Welt nicht nochmal. Bestgelaunt beginne ich mit einem guten italienischen Grappa aus Florenz und schwenke dann in den Osten zu einem köstlichen polnischen Sliwowitz aus Krakau. „Muss es immer so hochprozentig sein?“, frage ich mich dann und nehme ein tschechisches Starkbier aus Budweis zu mir. Seit hunderten von Jahren ist klar, dass Russland irgendwie zu Europa gehört. Und darauf trinke ich mit einem astreinen Wodka aus St. Petersburg. Die Russen haben historisch eine starke Verbindung zu Frankreich, und also folgt ein schöner Pastis aus Lyon, herrlich eisgekühlt. Blicken wir in das Land des Don Quixote, irgendwie mein Idol, kommen wir sehr schnell nach Andalusien, die Heimat des wunderbar hochprozentigen Likörweins Sherry. Ach, Schwelgen ohne Ende! Soweit zu Südeuropa. Aber was ist mit Nordeuropa? Was ist mit Schottland? Trinken die da oben nichts? Im Gegenteil! Zwanzig Jahre im Eichenfass gereifter Scotch Whisky. Den möcht ich sehen, der da nein sagen kann. Setzen wir uns doch auf einen alten Fischkutter und fahren rüber nach Irland. Hallo? Die Jungs können mithalten mit einem Irish Whiskey aus Dublin. Und um richtig in Schwung zu kommen, davor noch ein sattes Guinness. Und dann schauen wir doch mal in der ehemaligen Weltmacht Großbritannien vorbei, genauer gesagt in London. Oh, London Dry Gin – köstlichster Wacholderschnaps – pure Medizin, hilft gegen fast alles! So sind sie ja auch alle entstanden, die ganzen Spirituosen.
Ursprünglich entstanden als alkoholischer Auszug bester Heilkräuter. Ach, da fällt mir noch das Heilkraut Zuckerrohr ein und das wärmende Extrakt Rum.
So, jetzt reicht’s aber und ich habe ja wohl deutlichst mein Voll-Europäer-Sein unter Beweis gestellt.
Und dann um Mitternacht schieb ich mir noch rechtzeitig den Sessel auf den Balkon, fläze mich gemütlich in den Sessel hinein, mümmle mich in meinen winterfesten Schlafsack und schaue mir das Feuerwerk an … am Himmel … und in meinem Kopf … Und dann ist Silvester und dann döse ich weg. Mir ist es ganz wichtig, gut ins neue Jahr hineinzuschlafen. Denn man sagt, was in der Silvesternacht geschieht, geschieht symbolhaft fürs ganze Jahr. Und gibt’s was Schöneres, als das ganze Jahr zu verschlafen? Und aus meinem Silvester-Tiefschlaf kann mich kein Böller, keine Rakete, kein Prosit-Neujahr-Geschreie mehr wecken.
Ich schlafe den Schlaf des Gerechten. Und noch während ich schlafe, arbeite ich ein ganzes Programm von Vorsätzen aus, mit denen ich mich im kommenden Jahr verbessern will. Da gibt es nämlich einige Angewohnheiten, die ich nicht so gut finde. Und dann wache ich im neuen Jahr auf in dem vollen Bewusstsein, alle frisch gefassten Vorsätze sofort knallhart im Hier und Jetzt einlösen zu wollen. Und das sieht so aus: Erstens: Keine Zigarette vorm Frühstück – auf keinen Fall! Zweitens: Keinen Absinth zum Frühstück … Ich will ehrlich zugeben, dass dieser Punkt heute leicht durchzuhalten ist, da die leere Absinth-Flasche am Boden herumrollt. Aber trotzdem … Drittens: Ein Schnapsgläschen voll H-Milch für meinen Eiweißbedarf. Viertens: Ich habe einfach zu viel Hüftspeck und muss abnehmen. Deswegen esse ich auf der Pizza nur noch Gemüsebeilagen … Gut, es darf mal eine Sardelle oder Salamischeibe auf dem obligatorischen Pizzakäse schwimmen, ich bin ja nicht pingelig.
Dann beschließe ich, das Frühstück heute am Neujahrstag ausfallen zu lassen, kann nun also frohgemut mein Zigarettchen schmauchen, was ich auch tue, denke dabei gedankenverloren an mich selbst und krieche dann nochmal in mein warmes Bett.
Und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mir zu gratulieren zu diesem herrlichen Neujahr-Einstand. Oder soll ich mir dreist zurufen: „Alles Gute zum Neuen Ja!“

Auszug aus:

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lieber Sylvester-reflektierender Connaisseur europäischer Spirituosen,

    danke für die eindrucksvolle Liste kenntnisreicher Schätze der Offenbarung,

    um in Zeiten der Corona-Krise rein gedanklich auf baldige Besserung hoffen zu können. …
    I am dreaming of a … London Dry Gin. War mir ein Vergnügen
    Charlotte

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