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Von einem, der auszog, die Virus kennenzulernen

Ach du Gott! Was ist mir denn da wie­der für ein Grammatik Fehler unter­lau­fen? „Die Virus“?! Seit wann ist denn ein Virus weib­lich? An ande­rer Stelle habe ich schon ein­mal nach­ge­wie­sen, dass „der Virus“ männ­lich ist. Inzwischen aber wur­de ich durch maß­geb­li­che Virologen auf­ge­klärt, dass „das Virus“ säch­lich ist. Und trotz­dem behaup­te ich dies­mal frech und unbe­lehr­bar, dass „die Virus“ weib­lich ist.

Doch nun nach die­ser bedenk­li­chen Einleitung will ich mich hin­ein­stür­zen ins Grimmsche Märchen. Natürlich mit Bezügen zur heu­ti­gen kri­sen­haf­ten Zeit. Also, los geht’s!

Da hat­te ein Vater zwei Söhne. Einen älte­ren, der ziem­lich klug war und des­we­gen auch ein bekann­ter Virologe wur­de, und einen jün­ge­ren Sohn, einen ziem­lich tum­ben Burschen, der von nichts eine Ahnung hat­te, nichts stu­dier­te, kei­ne Schulausbildung anstreb­te und gene­rell einen ziem­lich fau­len Lenz schob. Ob er Drogen nahm, ist unge­wiss, aber bei die­ser Lebensauffassung eher wahr­schein­lich. Gehört aber nicht hier­her. Denn Drogen spie­len, so die über­ein­stim­men­de Forschung, bei Corona eine unter­ge­ord­ne­te Rolle.

Der Virologensohn müh­te sich in sei­nem Labor, und wenn er von sei­nem Elektromikroskop auf­schau­te, sag­te er immer ent­setzt: „Oh, ist das gru­se­lig.“

Der tum­be Sohn, der in der Ecke unmo­ti­viert in Comic-Heften her­um­schmö­ker­te, hör­te das und wuss­te nicht, was Gruseln ist. Und da er fal­sche Rückschlüsse zog, glaub­te er, dass es ihn auch gru­seln müss­te, um sei­nen Vater zu beein­dru­cken. Dann, so dach­te er, wür­de er vom Vater akzep­tiert wer­den. Aber wie so vie­le zweit­ge­bo­re­ne Söhne täusch­te er sich da. Als er dies bemerk­te, beschloss er, hin­aus in die Welt zu zie­hen, um Gruseln zu ler­nen.

Gesagt, getan: Also zog unser tum­ber Sohn hin­aus in die Welt, um das Gruseln zu ler­nen. Und er frag­te sich durch, ob jemand wüss­te, wie er das Gruseln erler­nen kön­ne. Die Menschen rie­fen: „Nichts leich­ter als das“, und sie erklär­ten ihm, dass auch er einen Mundschutz tra­gen müs­se, so wie sie. Dann wür­de ihm schon gru­seln. Unser jun­ger Freund zog einen Mundschutz an, aber es gru­sel­te ihn nicht.

Andere erklär­ten ihm, dass er wegen einer Pandemie sich dau­ernd die Hände waschen müss­te. Das tat er mit gro­ßer Freude, denn über­all war genü­gend Seife und Wasser vor­han­den. Und es gru­sel­te ihn wie­der nicht.

Dann erklär­ten ihm eini­ge Menschen die Kontaktsperre. Und wie­der gru­sel­te ihn nicht. Denn er leb­te schon ein Leben lang in Kontaktsperre.

Da traf er eine Frau, die hat­te Schutzkleidung an, Einmalhandschuhe, einen bun­ten Mundschutz und ein Plastikvisier und schrie: „Komm mir nicht näher als 1,5 Meter. Und vor allem rühr mich nicht an!“

An die­ser Stelle kann ver­mu­tet wer­den, dass der Bursche doch ein biss­chen unter Drogen stand. Denn sei­ne Reaktion fiel über­ra­schend deut­lich aus. Als sie so vor ihm stand, wie oben beschrie­ben, wuss­te er auf ein­mal, was Gruseln ist. Er grins­te dank­bar und sag­te: „Endlich weiß ich, was Gruseln ist!“

Er ver­zich­te­te auf ein Händeschütteln oder gar eine freund­li­che Umarmung, dreh­te sich auf der Stelle um und mach­te sich auf den Weg nach Hause zu sei­nem Vater. Und dem erklär­te er stol­zen Sinnes, dass er aus der Welt zurück­kom­me und sei­nem Bruder als Virologenassistent hel­fen wol­le, da er jetzt wis­se, was Gruseln ist.

Der Vater war gerührt über die Entwicklung sei­nes Sohnes und woll­te ihn in sei­ne Arme schlie­ßen. Aber da fiel ihm zum Glück noch die Kontaktregel ein. Und außer­dem woll­te er sicher­ge­hen, dass sein zweit­bes­ter Sohn sich erst ein­mal in Quarantäne bege­ben wür­de. Denn er hat­te auf sei­nen Reisen auch Länder besucht, für die eine Reisewarnung der Bundesregierung vor­lag.

Nach all die­sen Maßnahmen gru­sel­te es den zweit­bes­ten Sohn nun wirk­lich und er half dem bes­ten Bruder bei des­sen Forschungsarbeit. Und bei­den gru­sel­te tag­täg­lich.

So ende­te das Märchen wie immer mit einem Happy End, auch wenn ich dar­auf ver­zich­tet habe, die im Märchen gefor­der­te Verheiratung des Burschen mit einer Prinzessin zu berich­ten. Doch der Korrektheit hal­ber will ich sagen, dass die Prinzessin unse­rem lie­ben Kerl nachts einen Eimer kal­tes Wasser mit klei­nen Fischen dar­in ins Gesicht schüt­te­te und er aus­rief: „Oh, mich gruselt’s!“

Und wenn sie nicht gestor­ben sind, dann gruselt’s ihnen noch heu­te!

Hinweis: Weitere Literatur, Musik und DVDs von Johannes Galli zum Thema Märchen fin­det die geneig­te Leserin oder der geneig­te Leser hier.

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