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Dornröschens hundertjähriges Koma

Ei, frei­lich! Irgendwann ein­mal hat­te das präch­ti­ge Königspaar Glück, und sie beka­men ein Kind. Dieses Babymädchen war schön wie eine Rose. Und der König mit sei­nem Hang zur Verniedlichung von allem, was klein und weib­lich war, nann­te es für­der­hin „Röschen“.

Und Röschen hat­te eine schö­ne Kindheit, fand gleich einen Platz in der Kita, war dar­auf­hin gern gese­hen im Kindergarten, auch bei den Kindergärtnerinnen war sie sehr beliebt, da der Vater eine Runde Schutzkleidung und Mundschutze und Desinfektionsmittel für den Kindergarten hat­te sprin­gen las­sen. Auch spä­ter in der Schule war Röschen beliebt, da sie prin­zi­pi­ell 1,5m Abstand hielt zu jedem und sich mehr­mals am Tage die Hände wusch und des­in­fi­zier­te. Auch wisch­te sie immer die Klinke zur Toilette ab.

An ihrem fünf­zehn­ten Geburtstag waren die Eltern gera­de auf Geschäftsreise, und Röschen über­leg­te, was sie tun soll­te. Irgendwas Rebellisches muss­te es sein, denn sie war in dem Alter, in dem jun­ge Mädchen sich neu ori­en­tie­ren und nicht mehr alles glau­ben, was die Eltern sagen. Da erin­ner­te sie sich, dass ihre Eltern gesagt hat­ten: „Röschen, besu­che auf kei­nen Fall Mamas Schwester. Denn die ist im Pflegeheim, und da darfst du nicht hin­ge­hen!“

Aber wie gesagt, Röschen hielt sich nicht dar­an und ging schnur­stracks ins Pflegeheim und schlich sich dort zu ihrer alten Tante. Denn die hat­te ihr vor Zeiten ver­spro­chen, ihr das Nähen bei­zu­brin­gen.

Als ein Pfleger des Pflegeheims sie ansprach, was sie hier zu suchen habe, log sie ihn an, sie wür­de die not­wen­di­gen Schnelltests brin­gen. Da freu­te sich der Pfleger, sag­te: „Na end­lich!“, und ließ sie durch.

Bei der Tante ange­kom­men, nahm Röschen ihren Mundschutz ab und küss­te die Tante, die gar kei­nen Mundschutz getra­gen hat­te. Sie scherz­ten bei­de noch eine Weile über die Mundschutzpflicht und hiel­ten sie für über­trie­ben. Und sogleich fing die Nähstunde an.

Aua“, rief Röschen, als sie sich mit der Nadel stach. Und da war die Besuchszeit auch schon vor­bei. Und Röschen ver­ab­schie­de­te sich mit einem dicken Schmatz von ihrer Tante und ging wie­der nach Hause.

Nach vier Tagen bekam Röschen einen tro­cke­nen Husten und Fieber. Mit erns­ter Miene frag­te der König sie: „Wo warst du vor vier Tagen?“

Röschen gestand mit fie­ber­hei­ßem Kopf, wo sie gewe­sen war.

Da rief die Königin: „Mein Gott, das ist ja genau die Inkubationszeit!“

Sofort rief der König die bes­ten Ärzte in sei­nem Land an, dass sie sofort kom­men soll­ten, um sich Röschen anzu­schau­en. Die Ärzte aber kamen nicht, mit dem Hinweis, sie woll­ten sich nicht anste­cken, denn sie hät­ten kei­ne aus­rei­chen­de Schutzkleidung, nicht genü­gend Mundschutze und Tests hät­ten sie sowie­so über­haupt nicht und Schnelltest schon gar nicht.

Kaum hat­te der König sein Schlafzimmer in eine Krankenhaus-Intensivstation ver­wan­delt, da fiel Röschen ins Koma und wur­de an eine alte Lungenmaschine ange­schlos­sen, die der König aus sei­nem Gerümpelkeller eigen­hän­dig her­bei­ge­schleppt und in Gang gesetzt hat­te. Und alles funk­tio­nier­te.

Aber irgend­wie wur­den alle ziem­lich müde und die Dornenhecke drau­ßen vorm Fenster wuchs immer mehr, immer grö­ßer. In die­ser Quarantänesituation dös­ten alle vor sich hin und durf­ten wegen der Kontaktsperre nicht raus. Bald konn­ten sie auch wegen der Dornenhecke, die immer wei­ter alles zuwuchs, nicht mehr raus.

Nun kamen eini­ge Ärzte, die sich anbie­dern woll­ten, der Königstochter hei­lend zu hel­fen. Aber sie waren zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort und kamen nicht durch die Hecke.

Findige Journalisten und Reporter, die immer auf der Suche nach fet­ten Schlagzeilen waren, nann­ten die Königstochter „Dornröschen“.

Kurz bevor er selbst ein­ge­schla­fen war, hat­te der König noch ver­fügt, dass jener Arzt, dem es gelin­gen wür­de, sei­ne Tochter zu ret­ten, einen Nobelpreis bekä­me. Und jeder der Ärzte träum­te davon, mit einem Supermittel den gan­zen Virenspuk auf­zu­lö­sen und als strah­len­der Held in die Annalen der Geschichte ein­zu­ge­hen, inklu­siv Nobelpreis.

Im Märchen heißt es: Das ging hun­dert Jahre so. Aber wir wis­sen, dass damit gemeint war: Das ging lan­ge so! Denn im Mittelalter über­trieb man ger­ne, um etwas zu ver­deut­li­chen.

Viele Ärzte reis­ten an, und als sie der mäch­ti­gen Hecke, die sich um das Schloss rank­te, ansich­tig wur­den, ver­ließ sie der Mut und sie kehr­ten um. Manche Unbelehrbare ver­fin­gen sich im Gesträuch und muss­ten von Hilfskräften mit gro­ßen Gartenscheren, die sich die Helfer in einem geöff­ne­ten Baumarkt besorgt hat­ten, her­aus­ge­schnit­ten wer­den.

Hier kann das Märchen nicht enden, dach­ten sich die Verfasser. Und sie folg­ten damit den Wünschen der Kinder auf ein Happy End, und also lie­ßen sie zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort einen Virologen erschei­nen, der durch flam­men­de Reden in Radio und Fernsehen alle Eingeschlafenen auf­weck­te und neben dem Nobelpreis noch eine hüb­sche Prinzessin ein­heims­te. Er hat­te sie unter Umgehung der Kontaktregel herz­haft geküsst, und das nor­ma­le Leben kehr­te für alle wie­der. Alle rie­ten zur Vorsicht, vor Leichtsinn wur­de gewarnt, so wie es Regierungen immer tun, wenn die Gefahr vor­über ist.

Autor: Johannes Galli | Geschrieben für die Zeitschrift “Lebens(t)räume

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