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2. Die vereitelte Bergwanderung

Wieder ein­mal saßen der Letzte Lehrer und sei­ne weni­gen Schüler zusam­men. Vor Wochen hat­ten sie beschlos­sen, eine Bergwanderung durch­zu­füh­ren. Drastisch und mit ein­drucks­vol­ler thea­tra­li­scher Untermalung hat­te damals der Letzte Lehrer die Gefährlichkeit die­ser bevor­ste­hen­den Bergwanderung in einer Rede geschil­dert. Besonders betont hat­te er, dass das Wetter uner­war­tet schnell umschla­gen kön­ne. Er hat­te die Schüler regel­recht ange­fleht, sich gut und vor­aus­schau­end vor­zu­be­rei­ten. Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer war­te­te auf die begeis­tert gestell­te Frage, die er ger­ne beant­wor­ten woll­te.

Der Letzte Lehrer aber trau­te sei­nen Augen nicht. Da saßen eini­ge Schüler vor ihm in Taucheranzügen, tru­gen Flossen an den Füßen und hat­ten Taucherbrillen flott an die Stirn geklemmt. Andere Schüler waren in Jogginganzügen und mit Turnschuhen erschie­nen. Andere Schüler wie­der­um tru­gen ein sport­li­ches Trikot, Sonnenbrillen und hat­ten Fußballschuhe an. Die meis­ten Schülerinnen hat­ten Bikinis oder Badeanzüge an und tru­gen Badetaschen in der Hand.

Der Letzte Lehrer sag­te zu einem Schüler, der im Taucheranzug vor ihm saß: „Wir gehen in die Berge. Wieso trägst du eine Taucherausrüstung?“ Der Schüler sag­te: „Ich hat­te die­se Taucherausrüstung gera­de zur Hand. Eine Bergsteigerausrüstung zu besor­gen wäre mit zu gro­ßer Mühe ver­bun­den gewe­sen.“ Ähnliche Argumente brach­ten auch die ande­ren vom Letzten Lehrer befrag­ten Schüler her­vor.

Die Ursache für die fal­sche Ausrüstung war bei allen gleich gewe­sen: Sie hat­ten ver­säumt, sich lang­fris­tig sorg­fäl­tig auf die Reise vor­zu­be­rei­ten. Dann am letz­ten Abend vor dem geplan­ten Reisebeginn hat­ten sie das genom­men, was sie zufäl­lig zur Hand hat­ten. Der Letzte Lehrer ließ die Schultern fal­len und dach­te, ehr­lich zu sich selbst, es sei wohl noch nicht an der Zeit, in die Berge zu gehen. Die Schüler, die dem Letzten Lehrer die Enttäuschung anse­hen konn­ten, ver­spra­chen ihm, das nächs­te Mal bes­ser vor­be­rei­tet zu sein und recht­zei­tig mit der Vorbereitung zu begin­nen.

Aber der Letzte Lehrer ver­spür­te tie­fe Zweifel:  Würden die­se Schüler zu einem spä­te­ren Zeitpunkt wirk­lich bes­ser vor­be­rei­tet sein?

aus: Johannes Galli — Der Letzte Lehrer — 108 Momente der Weisheit | Kurzgeschichten | Freiburg 2009 | S. 15f.  | © Galli Verlag e.V.

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