Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

Der Klassenclown (Teil 3)

Endlich! Im drit­ten Teil der Fortsetzungsgeschichte „Der Klassenclown“ wird die gro­ße Wende vor­be­rei­tet. Eine Lebenserfahrung, die ich immer wie­der machen durf­te: Wenn ich mein Scheitern aus gan­zem Herzen ange­nom­men hat­te, lach­te mir völ­lig über­ra­schend das Lebensglück zu. So, als ob es ein Gesetz sei, das ich in einem for­schen Aphorismus for­mu­lie­ren will: Wer sein Scheitern annimmt, hat es bereits überwunden!
Viel Spaß beim Lesen!

Der Klassenclown (Teil 3)

(…) Justamente, als ich auf­ge­ge­ben hat­te, öff­ne­te sich plötz­lich eine Türe, die ich bis­lang gar nicht in Betracht gezo­gen hatte.
Um den Moment mei­nes völ­lig über­ra­schen­den Triumphes gut ver­ständ­lich zu schil­dern, will ich etwas wei­ter ausholen.
Der Englischlehrer für unse­re Klasse war ein ech­tes Original, das heißt, er hat­te Eigenarten ent­wi­ckelt, die außer ihm nie­mand mehr nach­voll­zie­hen konn­te. Seine Schuhe waren sicher­lich um die Jahrhundertwende ein­mal modisch gewe­sen und sein hell­brau­ner Anzug pass­te vor­züg­lich zum kack­brau­nen, wenig kun­den­freund­li­chen, karier­ten Englischbuch.
Dr. Rinnecker war ganz er selbst und aus einem Grund, der nur ihm und auch das wahr­schein­lich nur recht unbe­wusst klar war, knö­del­te er sei­ne Stimme. Es war, als ob ihm irgend­je­mand den Hals zudrück­te und er dage­gen anschrei­en muss­te, aber trotz aller Anstrengung nur einen gepress­ten Ton hervorbrachte.
Vielleicht ist es zum bes­se­ren Verständnis mei­ner im Folgenden beschrie­be­nen, weit­rei­chen­den Tat nötig, auf die Gründe mei­ner früh ent­wi­ckel­ten, prä­zi­sen Menschenbeobachtung einzugehen.
Da mir Eltern und Großeltern weder Bildung noch Wissen ver­mit­teln konn­ten, wuchs ich in mei­nem klei­nen Leben still beob­ach­tend neben ihnen her. Ich begriff früh, dass ich mein Welt- und Wirklichkeitsverständnis aus all jenen Menschen her­aus­le­sen muss­te, die mei­nen Lebensweg mehr oder weni­ger zufäl­lig kreuz­ten. Ich kam ihnen nach und nach auf die Schliche: Sie nutz­ten Worte, Wissen und Bildung aus­schließ­lich, um ihre eige­ne Wirklichkeit zu ver­schlei­ern. Mit mei­nem kind­lich wachen Gefühlsleben konn­te ich die unge­schmink­te Wirklichkeit der ande­ren sicher erspü­ren und ihren Wortnebel durch­drin­gen. Zwar war ich in nahe­zu allen Lebenssituationen immer und über­all über­for­dert, weil ich nie wuss­te, wie, wo und was die Umgangsformen vor­schrie­ben, aber in der Wahrnehmung mensch­li­cher Wirklichkeit wur­de ich immer souveräner.
Soweit zur Einschätzung mei­ner cha­rak­ter­li­chen Qualitäten, die ich hier erwäh­ne, um der Leserin und dem Leser zu ermög­li­chen, mei­nen fol­gen­den „Auftritt“ bes­ser zu verstehen.
Also flugs zurück in jene Englischstunde, die die Wende brach­te. Dr. Rinnecker war ein Mensch, den ich des­we­gen immer genau beob­ach­ten muss­te, weil ich mich kaum in mei­ner eige­nen Sprache aus­drü­cken konn­te und dem­entspre­chend auch schlecht in Englisch war, und er also mein natur­ge­setz­li­cher Feind war und, wie wir sehen wer­den, ich auch sein Feind.
Es ist aus­ge­spro­chen hilf­reich, wenn man sei­nen Feind gut kennt. Eine sei­ner vie­len fest­ste­hen­den Redensarten, mit denen er spon­ta­ne und flüs­si­ge Sprechweise vor­täusch­te und über­flüs­si­ge Redebeiträge ein­lei­te­te, war: „Aufgemerkt nun also!“, und dabei schnell­te sein Zeigefinger in die Höhe. Er nutz­te die Einheit von Geste und gespro­che­nem Wort immer dann, wenn er auf etwas, wie er mein­te, Wichtiges hin­wei­sen wollte.
Genau die­ser Ausruf: „Aufgemerkt nun also!“ drang eines schö­nen Vormittags an mein Ohr und tor­kel­te wenig ernst genom­men und schon gar nicht auf mich bezo­gen in mei­nem Hirn umher, als ich gera­de in der Frage ver­sun­ken war, wel­chen geheim­nis­vol­len Winkel ihre edle Nase zu ihrer Stirn bil­de­te. Als das „Aufgemerkt nun also!“ sich wie­der­hol­te, klang es so nahe, dass es mir eine Reaktion abzwang. Also hob ich mei­nen Kopf, der schein­hei­lig über einem mir völ­lig unver­ständ­li­chen eng­li­schen Text her­um­ge­han­gen hat­te, und blick­te ent­lang eines brau­nen Anzugjacketts hin zum tau­ben­blau­en Hemd, über des­sen Kragen ein trut­hahn­ähn­li­cher Hals rote Wellen schlug. Mutig blick­te ich noch wei­ter hoch. Kaum hat­te ich aller­dings mei­nen Blick in sei­nen unheil­vol­len getaucht, da woll­te ich schnell fort­tau­chen, abtau­chen, weg­tau­chen. Aber das ließ er nicht zu. Streng hielt er mei­nen Blick fest und knö­del­te wild drauf­los: „Galli, auf­ge­merkt nun also, what did William the Conquerer do in the year 1066?“
Diese Frage traf mich voll­stän­dig unvor­be­rei­tet, aber ehr­lich gesagt, auch vor­be­rei­tet hät­te ich wahr­schein­lich kei­ne Antwort parat gehabt.
Anfangs sto­cher­te ich kaum moti­viert und wenig hoff­nungs­froh in mei­nem von mäch­ti­gen Wissenslücken durch­zo­ge­nen Hirn her­um. Um Zeit zu gewin­nen, gab ich mich nach­denk­lich. Und wirk­lich, ich dach­te ange­strengt nach: Was mach­te denn Wilhelm damals? Vielleicht hat­te er die Spartaner besiegt, aber war das nicht Cäsar? Vielleicht hat­te er gegen Alexander den Großen gekämpft, aber der hat­te doch die Kelten besiegt? Oder hat er Rom gegrün­det, aber Wilhelm klingt doch nicht ita­lie­nisch? Irgendwann in die­sem unnüt­zen Gedankenstrudel trat hoff­nungs­lo­ser Stillstand ein und Aussichtslosigkeit paar­te sich mit trot­zi­gen Anmerkungen zum Erziehungssystem im Allgemeinen. Was inter­es­sier­te mich, was die­ser Wilhelm Nochwas vor 900 Jahren tat? Ich hät­te lie­ber gewusst, was ich heu­te, 900 Jahre spä­ter, tun könn­te, um mei­ne Angebetete zu erobern.
Die Augen von Dr. Rinnecker such­ten mei­nen Blick und bohr­ten sich dann, als ich hin­schau­en muss­te, bös­ar­tig in mich hin­ein. Er woll­te unbe­dingt eine Antwort, da er aber bereits spür­te, dass er kei­ne bekom­men wür­de, und trotz­dem wei­ter dar­auf beharr­te, wuss­te ich, er woll­te Krieg.
„What did William the Conquerer do in the year 1066?“, wie­der­hol­te er auf­säs­sig, und Spuckebällchen bil­de­ten sich in sei­nen Mundwinkeln.
Ich bemerk­te, wie sich die Blicke der Mitschüler lang­sam auf mich richteten.
Jeder spür­te, da lag etwas in der Luft. War ich bis­lang noch der Neue gewe­sen und hat­te eine gewis­se Schonzeit für mich in Anspruch neh­men kön­nen, so muss­te ich jetzt Farbe beken­nen. Mit sei­nem fei­nen Gespür für Menschen, die schwä­cher waren als er, hat­te sich Rinnecker nun auf mich gestürzt.
„Was mach­te Wilhelm der Eroberer im Jahre 1066?“, frag­te er lau­ernd mil­de. Wie, war­um sprach er plötz­lich deutsch? Zweifelte er, ob ich den eng­li­schen Satz über­haupt ver­stan­den hat­te, über­haupt eng­lisch spre­chen konnte?
Die Stille im Klassenzimmer knis­ter­te. Ich wuss­te, ich war dran, so oder so. Schweißperlen bil­de­ten sich auf mei­ner Stirn und lie­fen mir die Schläfen ent­lang über die Wange und den Hals und ver­schwan­den dann end­lich, hof­fent­lich unge­se­hen, im Kragen. Kurz über­leg­te ich, ob ich, um Zeit zu gewin­nen, die Frage wie­der­ho­len soll­te, aber ich befürch­te­te, bei dem Eigennamen William the Conquerer so vie­le Aussprachefehler zu machen, dass mei­ne Inkompetenz sofort offen­bar wer­den würde.
Dann geschah es! (…)

Auszug aus:

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen