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3. Kein Baum

Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie eine Wahrnehmungsübung gemacht, die darin bestanden hatte, dass jeder genau das beschreiben sollte, was er wahrnahm. Der Letzte Lehrer hatte zuvor die Schüler provoziert und ihnen versucht nachzuweisen, dass sie sich viel zu wenig auf ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken verließen.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte. Ein Schüler fragte: „Nimmt nicht jeder Mensch dasselbe wahr?“

Der Letzte Lehrer wählte als Antwort eine kleine Geschichte: „Es hatte einmal ein Lehrer eine kleine Schar Schüler um sich versammelt. Sie brachen gemeinsam auf, um neue Wege zu erforschen und neue Erfahrungen zu machen. Auf ihrem Weg kamen sie in eine Gegend, die keiner kannte. Der Lehrer, der seinen Schülern zu einer Erfahrung verhelfen wollte, zeigte vor sich in eine baumlose Gegend und sprach: ‘Seht ihr diesen wunderschönen Baum dort vorne?‘ Auch als er seine Frage mehrmals eindringlich wiederholt hatte, schwiegen die Schüler, denn sie sahen keinen Baum. Nach einer Weile der ratlosen Stille blickten sie sich gegenseitig an und warteten lauernd, ob ein anderer Schüler etwas sähe oder ob der auch nichts sähe. Nach einer weiteren Weile unsicherer Stille gerieten die Schüler in große Not. Sie begannen sich zu fragen, was geschehen würde, wenn einer wahrheitsgemäß sagte: ‘Ich sehe keinen Baum.’ Würde sie dann der Lehrer wegen offenen Widersprechens ausschließen und wegschicken, und das in einer Gegend, in der sich niemand auskannte? Viele Schüler begannen an sich selbst zu zweifeln. Vielleicht war da ja doch ein Baum, aber sie waren zu unfähig, zu dumm oder zu unbewusst, um den Baum sehen zu können. Also schwiegen sie alle.
Der Lehrer dachte: ‘Wie erbärmlich diese Schüler sind. Sie sehen keinen Baum und wagen nicht, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Weder glauben sie mir noch glauben sie sich selbst. So gibt es kein Wachstum.’“

Die Schüler waren froh, dass der Letzte Lehrer sie nicht fragte, ob sie den Baum sähen, der gar nicht da war, denn in diesem Moment ahnten sie, dass sie keinen Deut besser waren als die Schüler in der Geschichte.

aus: Johannes Galli – Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit | Kurzgeschichten | Freiburg 2009 | S. 17f.  | © Galli Verlag e.V.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich kenne diese Situation aus meinem privaten Umfeld zu gut. Ich habe meine eigene Wahrnehmung, lasse mich aber durch die Wahrnehmung des anderen beeinflussen.

  2. Die obige Geschichte erinnert mich an das Andersen Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, wo die Gauner auch nur erfolgreich sind, weil keiner seiner eigenen Wahrnehmung traut und alle Angst haben, „für ihr Amt nicht zu taugen“, wenn sie widersprechen.

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