Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

3. Kein Baum

Wieder ein­mal saßen der Letzte Lehrer und sei­ne weni­gen Schüler zusam­men. Gemeinsam hat­ten sie eine Wahrnehmungsübung gemacht, die dar­in bestan­den hat­te, dass jeder genau das beschrei­ben soll­te, was er wahr­nahm. Der Letzte Lehrer hat­te zuvor die Schüler pro­vo­ziert und ihnen ver­sucht nach­zu­wei­sen, dass sie sich viel zu wenig auf ihre eige­nen Erfahrungen und Gedanken ver­lie­ßen.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer war­te­te auf die begeis­tert gestell­te Frage, die er ger­ne beant­wor­ten woll­te. Ein Schüler frag­te: „Nimmt nicht jeder Mensch das­sel­be wahr?“

Der Letzte Lehrer wähl­te als Antwort eine klei­ne Geschichte: „Es hat­te ein­mal ein Lehrer eine klei­ne Schar Schüler um sich ver­sam­melt. Sie bra­chen gemein­sam auf, um neue Wege zu erfor­schen und neue Erfahrungen zu machen. Auf ihrem Weg kamen sie in eine Gegend, die kei­ner kann­te. Der Lehrer, der sei­nen Schülern zu einer Erfahrung ver­hel­fen woll­te, zeig­te vor sich in eine baum­lo­se Gegend und sprach: ‘Seht ihr die­sen wun­der­schö­nen Baum dort vor­ne?‘ Auch als er sei­ne Frage mehr­mals ein­dring­lich wie­der­holt hat­te, schwie­gen die Schüler, denn sie sahen kei­nen Baum. Nach einer Weile der rat­lo­sen Stille blick­ten sie sich gegen­sei­tig an und war­te­ten lau­ernd, ob ein ande­rer Schüler etwas sähe oder ob der auch nichts sähe. Nach einer wei­te­ren Weile unsi­che­rer Stille gerie­ten die Schüler in gro­ße Not. Sie began­nen sich zu fra­gen, was gesche­hen würde, wenn einer wahr­heits­ge­mäß sag­te: ‘Ich sehe kei­nen Baum.’ Würde sie dann der Lehrer wegen offe­nen Widersprechens aus­schlie­ßen und weg­schi­cken, und das in einer Gegend, in der sich nie­mand aus­kann­te? Viele Schüler began­nen an sich selbst zu zwei­feln. Vielleicht war da ja doch ein Baum, aber sie waren zu unfä­hig, zu dumm oder zu unbe­wusst, um den Baum sehen zu kön­nen. Also schwie­gen sie alle.
Der Lehrer dach­te: ‘Wie erbärm­lich die­se Schüler sind. Sie sehen kei­nen Baum und wagen nicht, ihrer eige­nen Wahrnehmung zu ver­trau­en. Weder glau­ben sie mir noch glau­ben sie sich selbst. So gibt es kein Wachstum.’“

Die Schüler waren froh, dass der Letzte Lehrer sie nicht frag­te, ob sie den Baum sähen, der gar nicht da war, denn in die­sem Moment ahn­ten sie, dass sie kei­nen Deut bes­ser waren als die Schüler in der Geschichte.

aus: Johannes Galli — Der Letzte Lehrer — 108 Momente der Weisheit | Kurzgeschichten | Freiburg 2009 | S. 17f.  | © Galli Verlag e.V.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Ich ken­ne die­se Situation aus mei­nem pri­va­ten Umfeld zu gut. Ich habe mei­ne eige­ne Wahrnehmung, las­se mich aber durch die Wahrnehmung des ande­ren beein­flus­sen.

  2. Die obi­ge Geschichte erin­nert mich an das Andersen Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, wo die Gauner auch nur erfolg­reich sind, weil kei­ner sei­ner eige­nen Wahrnehmung traut und alle Angst haben, “für ihr Amt nicht zu tau­gen”, wenn sie wider­spre­chen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen