Tel. 0163 76 55 881
Überspringen zu Hauptinhalt

Die Prise Salz

Es ist nun unbe­dingt an der Zeit, die Entstehungsbedingungen mei­ner merk­wür­di­gen Karriere nach­voll­zieh­bar vor­zu­stel­len. Immer wie­der wer­de ich gefragt, wie ich denn mein Schau­spieltalent ent­deckt und ent­wi­ckelt habe. An die­ser Stelle muss ich offen­ba­ren: Film, Zirkus und Theater haben mich nie inter­es­siert. Nie habe ich eine Schauspielschule oder ähn­li­ches besucht. Und doch gelang es mir von Beginn an, mit mei­ner Schauspielkunst nicht nur mich, son­dern auch mei­ne klei­ne Familie, die neben mir her­an­wuchs, zu ernäh­ren. Nun will ich den Versuch wagen dar­zu­stel­len, wie sich mein Talent gebil­det und ent­wi­ckelt hat. Hierzu will ich drei Begebenheiten schil­dern.
Eine Geschichte sei an den Anfang gestellt, die eine phi­lo­so­phi­sche Frage von nicht enden wol­len­den Dimensionen in sich birgt. Das ist die Frage nach dem Wesen, das hin­ter all den Rollen steht, die wir Menschen tag­täg­lich spie­len müs­sen. Wer in uns ermög­licht es, dass wir blitz­schnell von einer Rolle in die ande­re schlüp­fen kön­nen?
Natürlich will ich die­ser Frage nicht wei­ter theo­re­tisch nach­ge­hen, son­dern in einer wür­zi­gen Geschichte erzäh­len, wie mich die­se Frage fand und mich bis heu­te nicht mehr los­lässt.
Diese klei­ne und schein­bar unbe­deu­ten­de Geschichte, die sich in mei­ner spä­ten Kindheit ereig­ne­te, sei hier als unbe­ding­tes Kernstück mei­ner Ausbildung in lebens­na­hem Schauspiel vor­ge­stellt.
Meine Ausbildungsleiterin zum fle­xi­blen Schauspiel auf der all­täg­li­chen Lebensbühne war mei­ne Mutter. Ihr häu­fig über­ra­schend durch­ge­führ­ter Rollenwechsel hat mich von Anbeginn unse­res gegen­sei­ti­gen Kennenlernens immer wie­der ver­blüfft. Von einem Moment zum ande­ren konn­te sich Mutter ohne Vorwarnung in eine völ­lig ande­re Person ver­wan­deln. Dies ver­un­si­cher­te nicht nur mich. Auch mein Vater, Verwandte und Nachbarn waren immer wie­der aufs Neue über­rascht, wie schnell mei­ne Mutter in den für sie zustän­di­gen Rollen ein- und aus­ge­hen konn­te.
Es ist nicht an der Zeit, mei­ne Ausbildungsleiterin zu kri­ti­sie­ren. Im Gegenteil, der blitz­schnel­le Rollenwechsel mei­ner Mutter ist Grundlage mei­ner psy­chi­schen Entwicklung, die mich zum schau­spie­lern­den Philosophen mach­te. Doch nun will ich kon­kret wer­den und end­lich die Schlüsselgeschichte erzäh­len.
In mei­ner spä­te­ren Kindheit und frü­hen Jugendzeit war das Abendessen in mei­ner Familie, bestehend aus Mutter, Vater, Schwesterchen und mir, ein fes­tes Ritual: Täglich pünkt­lich um acht­zehn Uhr wur­de das Abendessen auf­ge­tischt. Sodann wur­de es in wun­der­ba­rer Harmonie in unse­rer wun­der­ba­ren Kleinfamilie ein­ge­nom­men. Leider muss ich geste­hen, dass Harmonie nicht immer die beherr­schen­de Stimmung beim täg­lich letz­ten Abendmahl war. Es konn­te durch­aus gesche­hen, dass der Haussegen schief hing, dann wur­de aus dem har­mo­nisch geplan­ten Abendessen ein Horrorszenario.
Hier also nun end­lich nach reich­li­cher Einleitung die Geschichte, die grund­le­gen­de Bedeutung für mei­ne Sicht des mensch­li­chen Lebens erreicht hat. Wieder ein­mal hat­te Vater es nicht las­sen kön­nen, Mutter scharf in die Schranken zu wei­sen. Unglücklicherweise nutz­te er genau jenen Satz, von dem er wuss­te, dass er sie unbe­dingt zur Raserei brin­gen wür­de. Dieser Reizsatz harsch vor­ge­tra­gen war: „Das ver­stehst du nicht!“
Obwohl Mutter nicht viel ver­stand, konn­te sie die­sen Satz aus Vaters Mund nicht hören und wenn Vater die­sen Satz abschoss, schoss sie sofort gna­den­los zurück.
Ich weiß heu­te nicht mehr, wor­um der Streit damals ging, ehr­lich gesagt: Auch damals ver­stand ich nicht, wor­um der Streit damals gegan­gen war, und ich glau­be, auch mei­ne Eltern wuss­ten nicht genau, wie die­ser Streit begon­nen hat­te und wo er hin­füh­ren soll­te. Meine Eltern strit­ten viel, aber sie ver­söhn­ten sich dann auch wie­der viel, so dass über all die Jahre eine gewis­se Ausgeglichenheit ent­stand.
Hier muss ich kurz inne­hal­ten, um dem von mir in die Welt gesetz­ten Eindruck, Mutter ver­ste­he nichts, ent­ge­gen­zu­wir­ken. Dies muss ein­ge­grenzt wer­den. Intellektuell ver­stand sie viel­leicht nicht viel, aber rein ein­füh­lungs­mä­ßig ver­stand sie blitz­schnell alles. Mir war sie viel zu schnell. Mit kei­ner noch so geni­al vor­ge­tra­ge­nen Lüge hat­te ich jemals Erfolg bei ihr.
Nun hof­fe ich, dass ihr guter Ruf wie­der­her­ge­stellt ist und ich zur Schilderung des Streites zurück­keh­ren kann. Dieser Streit hat bei mir eine umfas­sen­de Bewusstseinserweiterung bewirkt, des­we­gen sei­ne prä­zi­se Darstellung.
Blitzschnell hat­te sich also das nutz­lo­se Streitgespräch hoch­ge­schau­kelt, und das gemein­sa­me har­mo­ni­sche Essen war gründ­lich ver­dor­ben. Mutter schwieg ver­bit­tert und Vater blick­te ent­nervt auf sei­nen lee­ren Teller und sein lee­res Bierglas. Da klin­gel­te es an der Wohnungstür.
Eine Nachbarin stör­te unse­re Zwietracht.
Nachdem Mutter miss­mu­tig die Wohnungstür geöff­net hat­te, for­mu­lier­te die Nachbarin ihre Not: Sie hat­te einen Kuchen backen wol­len und mit­ten­drin fest­ge­stellt, daß sie kein Salz mehr hat­te. Nun woll­te sie aus unse­rem wohl­aus­ge­stat­te­ten Haushalt eine Prise Salz aus­lei­hen. Ausführlich bat sie wegen der Störung um Entschuldigung, die ihr selbst­ver­ständ­lich gewährt wur­de.
Mir fiel die Kinnlade auf den Tisch über das, was sich jetzt vor mei­nen Augen abspiel­te: Eben noch emo­tio­nal den Kriegszustand gegen Vater aus­ge­ru­fen und unbe­dingt bereit, die Scheidung ein­zu­rei­chen, ­flö­te­te Mutter nun in bes­ter Laune: „Liebling, du hast ja gar kein Bier mehr, soll ich dir etwas nachschen­ken?“
Flugs war sie am Kühlschrank, hol­te eine Flasche Bier her­aus, öff­ne­te sie und schenk­te Vater das schäu­men­de Hopfen- und Malzgetränk ein, so wie er es lieb­te. Allerliebst lach­te sie dann noch scher­zend: „Du hast ja heu­te gar kei­nen Appetit, möch­test du noch etwas essen? Ein Würstchen, Tomate, Essiggurke, Kartoffelsalat. Was darf es denn sein?“
Vater, der Mutter kann­te und über ihren Rollenwechsel wenig erstaunt war, nutz­te die Gunst der Stunde und ließ sich noch ein Wiener Würstchen auf­tun, außer­dem noch Tomate, Essiggurke und Kartoffelsalat.
Dann flö­te­te auch er: „Sei doch bit­te so nett und rei­che mir den Senf!“
„Aber ger­ne, Liebling.“
„Danke!“
„Gern gesche­hen!“
So hat­ten die bei­den unter dem scharf kon­trol­lie­ren­den Auge der Nachbarin die köst­li­che Inszenierung: „Glückliche und über­aus höf­li­che Kleinfamilie beim har­mo­ni­schen Abendessen“ sou­ve­rän zum Besten gege­ben.
Als die Nachbarin ihre Prise Salz bekom­men hat­te — Mutter war groß­zü­gig gewe­sen — ver­schwand sie so unauf­fäl­lig, wie sie auf­fäl­lig gekom­men war.
(…)

Auszug aus:

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Lieber Johannes,
    welch eine herr­lich anschau­li­che Darstellung dei­ner ers­ten Schauspiellehrer! Und wenn man sich das Ganze noch im ori­gi­nal hes­si­schen Ambiente vor­stellt ist es eine köst­li­che Erfrischung beim Lesen und erin­nert an dei­ne genia­le Bühnenfigur “Forscherschorsch” und dei­ne Solo-Performance “Die sie­ben Kellerkinder®”.
    Vielen Dank für dei­ne Blogs!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

An den Anfang scrollen