Kurzgeschichte: Rudi das Schlauchboot

♦ Rudi hieß ein gelb-orangefarbenes Gummischlauchboot. Es gehörte zum Hausstand des Nepomuk Moospichelhering. Die Frau von Nepomuk war Maria, und wenn wir wissen, dass ihr Mädchenname Maria Morgenschweiß war, können wir gut verstehen, dass sie bei der unvermeidlichen Eheschließung – das erste Kind war schon unterwegs – den Namen ihres Ehegatten Moospichelhering annahm. Die Namen der drei Kinder, die Maria austrug, waren Noel (sie hatte darum gekämpft, dass er nicht Nepomuk hieß), das zweite Kind hieß Chantal (er hatte darum gekämpft, dass es nicht Maria hieß). Das dritte Kind heiß Angelico. Er war ein Nachzügler, wahrscheinlich gezeugt während des Italienurlaubs. Aber das tut erstmal noch nichts zur Sache. Obwohl wir später sehen werden, dass es doch etwas zur Sache tut.
Betrachten wir uns den Italienurlaub, um den es hier geht, etwas genauer. In diesem besagten Urlaub war Maria nämlich extra jeden Tag in die nahegelegene italienische Hafenstadt gefahren, um – wie sie sagte – frische Melonen zu kaufen. Aber fragen wir uns: Musste das jedes Mal fünf Stunden dauern? Naja… Wir sagen erstmal nichts dazu.
Auch Nepomuk sagte nichts dazu und paddelte mit den Kindern in Rudi dem Schlauchboot vergnügt in der Adria. Ach, war das ein Spaß! Man kletterte kopfüber in Rudi, sprang von ihm ins salzige Wasser oder schaukelte im leichten Wellengang nervenberuhigend vor sich hin. An Land war Rudi als Matratzenersatz weich und warm. Ach Rudi, du warst das Zentrum für die ganze Familie – außer Maria.
Und wie war es nach dem Italienurlaub? Da ging es doch am hiesigen Baggersee weiter.
Ja, Rudi war gefragt.
Jedes Wochenende fuhren die Moospichelherings, diesmal mit Maria, im Ford Galaxy zum nahegelegenen Baggersee, pumpten dort den Rudi auf und paddelten oder genauer gesagt ruderten zum Spaß und Vergnügen am Seeufer herum. Ach, das war ein Jux und eine Dollerei.
Einmal wurden sie alle vom Regen überrascht. Aber das machte nichts, weil der findige Noel den Rudi einfach umgedreht hatte, auf zwei Rudern abgestützt, und so lagen sie darunter im Trockenen, während auf die Gummibodenhaut von Rudi der Regen prasselte. Ach, es war eine schöne Zeit.
Doch wissen wir auch: Alles ist vergänglich.
Erst als im Nachbarhäuschen der Italiener Angelico Punto einzog, merkte Nepomuk, dass Maria komisch drauf war. Die Vorstellung, eines Tages Maria Punto zu heißen, hatte sie so erregt, dass ihre Leidenschaft, die in Italien geweckt worden war, wieder aufflammte. Was sie nicht wusste, war, dass Angelico Punto – der Sohn eines italienischen Melonenverkäufers – ein Spion war.
Als Nepomuk hinter die Sache kam, reichte er sofort die Scheidung ein. Aber der Schmerz saß tief. Als später dann auch die Kinder aus dem Haus waren, wurde es sehr einsam um Nepomuk. So blies er winters abends im Keller den Rudi auf, legte sich darein, trank einen Kasten Bier, blies Trübsal, und schwere Tränen rollten ihm die Wangen herunter. Er versank in Erinnerungen.
Jaja, Erinnerungen werden dann am schönsten, wenn sie für immer vorüber sind.
Armer Nepomuk.
Naja…

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

Veröffentlicht unter Blog, Kurzgeschichte

Galli goes Twitter!

Folgen Sie jetzt Johannes Galli auf Twitter:

Home

Schlagwörter