Reinhold die Ratte

♦ Reinhold das Rattenmännchen hatte sein Revier in Bacharach am Rhein am Ufer desselben. Er lebte in einem großen Rattenrudel, das aus Wanderratten, Wasserratten, Landratten und wie gesagt auch Uferratten bestand. Dieses große Rattenrudel war demokratisch organisiert, aber ehrlich gesagt, Reinhold interessierte sich nicht für Politik und ging auch nie zu irgendeiner Wahl. Er war verfressen, das muss man schon sagen. Denn alles, was ihm in den Weg kam, fraß er auf. Und einmal wollte er sogar einen Menschen anknabbern. Dass er damit aber des Menschen Leben rettete, erzählt unsere Geschichte.
Allmorgendlich im Spätherbst bildete sich eine riesige Nebelschwade. Nennen wir sie ruhig zur besseren Orientierung so, wie sie auch wirklich hieß: Ingeborg. Ingeborg war eine gemächliche Nebelschwade und verbreitete die allseits beliebte Herbststimmung. Die Schifffahrer allerdings liebten Ingeborg nicht besonders, da man durch sie schlecht hindurchsehen konnte. Und das nervte die Schifffahrer, dass sie sozusagen im Blindflug über den Rhein fahren mussten. Einmal hätte Ingeborg beinahe einen Schiffauffahrunfall begünstigt. Zwar gab man später allgemein Ingeborg die Schuld für den Fastauffahrunfall, aber das war nicht die Wahrheit. Die Wahrheit war, dass Schifffahrtskapitän Ernst-August Trinkschlauch über dem Steuer eingeschlafen war. Naja, Glück gehabt.
Übrigens hatte Reinhold aufgeregt dem Spektakel zugesehen und die beiden Däumchen
seiner Vorderpfoten gedrückt, in der Hoffnung,
dass ein Schiffauffahrunfall geschehe.
Jaja, so sind die Menschen… Wünschen oft das Unglück von anderen.
Eines Tages geschah in Reinholds Revier etwas Merkwürdiges. Wieder hatte sich Ingeborg überm Rhein gebildet und wieder hoffte Reinhold auf ein Schifffahrtsunglück. Da erschien das Unglück im Rücken Reinholds. Gisela Moorhuhn, eine gar nicht mal so schlecht aussehende dreißigjährige Mitarbeiterin in einer stadtbekannten chemischen Schnellreinigung, hatte einen Abschiedsbrief erhalten, und zwar von ihrem heißgeliebten Verlobten Horst-Heinrich. Der schrieb ihr nämlich, dass er in den verdammten Krieg ziehen müsste, um das Vaterland zu verteidigen. Es war aber gar kein Krieg. Gisela bemerkte sofort, dass Horst-Heinrich sich diesen Krieg nur ausgedacht hatte, um abzuhauen. Ihr zerriss es das Herz, und sie beschloss, sofort in den Rhein zu hüpfen. Und sie lief noch im Morgenmantel hin zum Rheinufer. Sie wollte mit erhobenem Haupt im herbstlich kühlen Rhein untergehen. Sollte Horst-Heinrich sich doch bis an sein Lebensende schuldbeladen fühlen. Das war ihr Plan. Aber dieser Plan misslang. Warum?
Als nämlich Gisela auf die Ufersteine geklettert war, um von dort direkt in den Rhein hinein zu hopsen, hörte sie plötzlich, wie die Ratte Reinhold herantapste. Ratte Reinhold fletschte die Zähne und wollte zubeißen. Er wollte Gisela eine Zehe abbeißen und hatte überschlagen, dass er dadurch für mindestens zwei Tage Nahrung hätte. Aber Gisela hasste Ratten. Gellend schrie sie auf und laut kreischend lief sie zurück. An Selbstmord dachte sie nicht weiter.
Jaja, so ist der Mensch. Wenn er Angst hat, vergisst er all seine Pläne.

Veröffentlicht unter Blog, Kurzgeschichte
3 Kommentare auf “Reinhold die Ratte
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Was so eine gefräßige Nebelschwade so alles bedeckt und veröffentlicht !

  2. Pia sagt:

    So schlimm, kann ja der Schmerz über die Trennung von ihrem Geliebten nicht gewesen sein…und vielleicht hat Gisela Moorhuhn durch den Schock in der Begegnung mit Ratte Reinhold eine Erkenntnis gewonnen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Galli goes Twitter!

Folgen Sie jetzt Johannes Galli auf Twitter:

Home

Schlagwörter