Papagalli erzählt: Wie ich so einkaufe

♦ Samstags gehe ich immer einkaufen. Dabei habe ich manchmal merkwürdige Begegnungen. Von einigen will ich erzählen. Zum Beispiel war ich in der Bäckerei Forckenschwanz in der Bahnhofstraße! Ich wollte mir ein Schweinsohr kaufen. Einfach so… hatte Appetit drauf! So Blätterteig mit Zuckerguss drauf. Was im Mund so schön süß zerbröselt. Es war eine verdammt gute Bäckerei, und also stand ich in einer ziemlich langen Schlange. Die Bedienung sah aus wie ein nicht ausgebackener Streuselkuchen und arbeitete im Zeitlupentempo. Will sagen, wir Käufer kamen kaum vorwärts. Da tippte mir etwas auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah erst nur fünf Bratwürste, die ich dann langsam als Finger identifizierte. Sie gehörten zu einem Mann, der ehrlich gesagt aussah wie eine wandelnde Metzgerei. Körper wie ein roher Hinterschinken, Gesicht wie eine Blutwurst, Ohren wie vom Schwein, Nase wie eine Salami usw. Er sprach breites Hessisch, was an sich ja nicht unsympathisch ist. Und er donnerte los: „So ’n Pleedsinn.“
Ich versuchte, höflich zu bleiben, und antwortete dem menschgewordenen Schinkenspeck ausweichend: „Man kann es so sehen oder so sehen.“
„Un isch saache dir“, prustete er hervor, „des Benzin kost zu vill! Des kost jo noch mehr als wie Heizöl.“ Und er grinste ein Griebenschmalzlächeln, als er sagte: „Früher gab’s Straßeräuber, hoit gibt’s die Benzinsteuää. Wenn isch die Dreggsägg erwische, dann schlaach isch se grien und blau…“
Ich lächelte freundlich beschwichtigend, womit ich darauf hinweisen wollte, dass ich mit Steuereintreibung nichts zu tun hatte. Ich tat so, als ob ich über seine hingerotzten Plattheiten nachdächte, und zustimmend nickte ich mit dem Kopf, denn seine Bratwursthand lag immer noch auf meiner Schulter – bedrohlich nah am Hals.
„Isch waas, wie de Haas leeft“, sagte er.
Für einen kurzen Moment war ich irritiert. Hatte er den Hasen gemeint, also das Tier, das mit langen Ohren übers Feld hoppelt? Oder hatte er Hass gemeint? Mein Schweigen missfiel ihm. Und leicht angenervt fuhr er fort: „Do guckste pleed aus de Wäsch, hä? Du Dormel! Du host doch vom Lebe kou Ahnung.“
Natürlich hatte der Presssack damit ins Schwarze getroffen. Ich hatte allerdings manchmal das Gefühl, vom Leben keine Ahnung zu haben. Aber ich wollte mich noch nicht geschlagen geben. Ich verfüge über einen abgerundeten Intellekt und musste mich hier von diesem Schweinebraten übers Leben belehren lassen. Das fuchste mich.
Da wurde unser Streitgespräch abrupt beendet. Die Bäckereiverkäuferin schnauzte mich an: „Wolle mir was kaafe oder simmer hier zum Babbele?“
Ich war in der Zange. Vor mir ungesüßter Hefeteig und hinter mir versalzenes Hackfleisch. Ich stotterte auf ihre Frage, denn ich hatte vergessen, was ich wollte. Rinderkeule schob mich zur Seite und rief: „Vier Schweinsohre bidde.“
Jetzt fiel mir wieder ein, was ich gewollt hatte. Aber es war zu spät. Ich musste mich wieder hinten in der Schlange anstellen. Aber diese Niederlage wollte ich nicht hinnehmen, und so verschwand ich im Dunkel, aus dem ich gekommen war.
Ein andermal ging mir Metzgermeister Schlemmelfuhl ziemlich auf die Nerven. Warum? Er plapperte einfach zu viel. Anstatt hurtig seine lange Kundenschlange abzubauen, redete er angeberisch laut mit Klara Nieswurz, der Frau des stellvertretenden Finanzamtsekretärs Fred Nieswurz. Nervös hibbelte ich hin und her und verdrehte die Augen, in der Hoffnung, Schlemmelfuhl würde das Gespräch mit Nieswurz freundlich, aber bestimmt abbrechen und mit gewinnendem Lächeln nachschieben: „Der Nächste bitte!“ Aber sie sprachen weiter, ohne Rücksicht zu nehmen. Und welches Thema erhitzte sie so? Die saublöde Frage, ob Menschenfleisch eher wie Schweinefleisch oder wie Kalbfleisch schmecke. Natürlich hatten beide keine Erfahrung und ihre dummdreisten Spekulationen widerten mich an. Was für eine Frage. Sind wir vielleicht Kannibalen? Tiere essen ist doch okay, aber doch nicht Menschen! Wo kommen wir denn da hin?
Ich schämte mich, Zeuge dieses blödsinnigen Gesprächs geworden zu sein. Ich stand kurz vorm totalen Durchdrehen und drehte mich um, um rein blickmäßig Verbündete zu finden. Aber ich blickte in völlig gelangweilte, desinteressierte Gesichter. Keiner hatte den beiden zugehört. Endlich erklang Schlemmelfuhls tiefe Bassstimme und er sagte die Worte, die mich erlösten: „Der Nächste bitte!“
Wieder ein andermal hatte ich plötzlich Lust auf Parma Schinken. Ich hab das öfters, da kommt eine Lust aus heiterem Himmel auf mich hernieder und zwingt mich zur hemmungslosen Lustbefriedigung. Diesmal war’s Parma Schinken. Es war um die Mittagszeit und ich machte mich auf zu Feinkost Michelmann. Zu Feinkost Michelmann gehe ich normalerweise nie, denn der ist viel zu teuer. Aber diesmal musste ich doch hingehen. Es sollte mein letzter Besuch im Feinkostladen Michelmann gewesen sein. Wie es dazu kam, will ich jetzt erzählen. Ich hatte scheinbar Glück, denn nur eine alte Dame war vor mir. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass ich in Wirklichkeit Pech hatte. Denn hinter diese Dame geraten zu sein, war so schlimm, wie in einer zwanzig Meter langen Schlange im Baumarkt anstehen zu müssen.
Ihre schrille Stimme zwang einen zum zuhören, was sie wollte. Und was wollte sie? Ich will es sehr kurz gefasst weitergeben: Sie war auf ihrer Yacht zwischen Feuerland und Patagonien hin und her gekreuzt, also nicht sie, denn sie hatte ja einen Kapitän angeheuert, und der hatte sie in einer Bucht an Land geführt, und da hatte sie einen köstlichen Fisch gegessen. Also der Fisch war nach Landessitte gesalzen und gedörrt, aber hatte köstlich geschmeckt. Leider habe sie den Namen des Fisches vergessen, wolle jetzt aber versuchen, diesen Fisch wiederzufinden. Der Verkäufer war nicht zu beneiden. Ich meine, ich auch nicht, aber er noch weniger. Er musste viele Fischkonserven aus dem Lager hervorkramen und ablesen, wo dieser Fisch gefangen worden war. Feuerland oder Patagonien waren bislang noch nicht dabei gewesen.
Als kein Ende abzusehen war, wurde ich unruhig und betrachtete mir die Dame genauer: Nerzjäckchen, Diamantenbrosche, Smaragdohrringe, die ihr die Ohrläppchen bis auf die Schultern zogen, Ringe, die um ihre Finger schlackerten, an jedem Handgelenk eine Uhr, so teuer wie ein Kleinfamilienhaus. Also voll der Geldprotz.
Dann verlor ich die Nerven. Mit nicht gerade freundlicher Stimme sagte ich: „Ja, haben wir’s bald?“ Das war natürlich ein Fehler. Ich merkte es an der Reaktion des Verkäufers, der zusammenzuckte. Sie drehte sich langsam um, ganz langsam. Sie maß mich von Kopf bis Fuß mit einem wutentbrannten Blick. Dann sprach sie zu dem Verkäufer: „Entschuldigen Sie bitte, ein Geschäft, in dem es erlaubt ist, dass man von Pennern angesprochen wird, ist nicht mein Geschäft. Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich Ihr Geschäft in Zukunft nicht nur meide, sondern auch unter keinen Umständen weiterempfehle. Guten Tag!“
Mit erhobenem Haupt schritt sie zum Ausgang. Ihren gefüllten Einkaufskorb ließ sie auf der Theke stehen. Der Verkäufer herrschte mich an: „Vielen Dank, du Penner! Weißt du, wer das war?“
„Keine Ahnung“, sagte ich wahrheitsgemäß. Ich muss ehrlich zugeben, dass es mich hart getroffen hatte, schon zum zweiten Mal „Penner“ genannt worden zu sein. Nun gut, ich hatte über meinen Schlafanzug einen alten Mantel gezogen, und meine nackten Füße steckten in bequem ausgelatschten Pantoffeln. Ich war nicht rasiert und nicht gekämmt. Aber deswegen bin ich doch noch lange kein Penner. Schließlich habe ich einen festen Wohnsitz.
Außer sich vor Wut schrie der Verkäufer: „Das war Frau Manteuffl! Wenn die hier einkauft, lässt sie immer mindestens einen Tausender hier. Was willst du überhaupt, du Penner?“
Das war ein Mal „Penner“ zu viel. Mir reichte es. Stolz erhobenen Hauptes schritt ich zum Ausgang und zitierte Frau Manteuffl: „Entschuldigen Sie bitte, ein Geschäft, in dem es erlaubt ist, einen ordentlichen Mitbürger „Penner“ zu nennen, ist nicht mein Geschäft. Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich Ihr Geschäft in Zukunft nicht nur meide, sondern auch unter keinen Umständen weiterempfehle. Guten Tag!“
Die Fischkonserve flog knapp an meiner linken Schulter vorbei. Ich war froh, draußen zu sein, und war entrüstet über das schockierende Erlebnis. Mein Appetit auf Parma Schinken war mir vergangen.

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