Papagalli erzählt: Wie ich mich politisch engagierte

♦ Neulich war mir wieder einmal nach spontaner politischer Meinungskundgebung. Ich horchte herum – irgendwo in unserer Stadt musste doch eine Demo sein. Dort wollte ich mich einreihen. Schließlich bin ich nicht mit allem einverstanden, was in diesem unserem Staat passiert. Und das muss man doch auch irgendwie ausdrücken. Ich suchte eine Demo, und bald schon fand ich sie. Freudigen Herzens reihte ich mich ein in die Einheitsfront. Und natürlich wurde mein Engagement belohnt. Sie hieß Anita und lief in der Reihe schräg vor mir. Ich kam mit ihr ins Gespräch. Sie wusste viel genauer als ich, wogegen sie demonstrierte. Ich fand ihre Erregung toll. Rote Wangen, Kampfschreie… Ich muss ehrlich sagen, ich mag starke Frauen. Sie sind so… so… stark irgendwie! Lange Rede, kurzer Sinn, wo landete meine kleine Affäre mit Anita? Nach der Demo lud ich sie auf ein Tässchen Kaffee im „Heustober“, meinem Lieblingscafé, ein. Dort gab es nämlich prima Eierlikörsandkuchen. Ich bestellte mir zwei Kuchenstücke und dazu einen Caffè latte. Ich machte keine Witze über Latte und so… Sie blieb vorsichtig, sehr vorsichtig, und bestellte nur ein Mineralwasser. Wir sprachen nachbereitend noch eine Weile über die Ziele der Demonstration, und jetzt erfuhr ich auch, wofür ich demonstriert hatte: Mehr Lohn für Kindergärtnerinnen. Nun konnte ich meinen heiligen Zorn über die Ungerechtigkeit im deutschen Bezahlungssystem voll ausdrücken. Sie war Betroffene, das heißt Kindergärtnerin, die mehr Geld forderte. Ich fragte sie, ob ich sie einmal im Kindergarten besuchen könnte, weil ich mich in dieses Thema tiefer einarbeiten wollte, sozusagen Arbeitsplatzrecherche. Sie freute sich über mein Interesse, das war deutlich zu spüren. Und auch ich war ganz stolz über mich, dass ich so klar Stellung bezog für die Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt.
Sie lud mich ein, sie in ihrem Kindergarten zu besuchen. Ich war selig. Hieß das nicht, dass alles weiterging? Hieß das nicht, dass sie wild auf mich war? Hieß das nicht, dass sie es kaum erwarten konnte, die Affäre mit mir voranzutreiben? Ich bin der Letzte, der sich einer sich anbahnenden Affäre in den Weg stellt. Und geschniegelt und gestriegelt stand ich am nächsten Vormittag im Kindergarten „Pustekuchen“ in der Bazooka Allee. Anita war gerade damit beschäftigt, zwei streitende Kinder zu beruhigen, und so hatte ich noch Zeit, selbst gemalte Bilder der Kinder anzuschauen, die im Gang angebracht waren. Ich konnte die zeichnerisch genial dargestellten Symbole nicht deuten, sondern die Bilder hinterließen Fragen bei mir. Zum Beispiel: War das ein Haus oder ein Krokodil? War das ein Baum oder ein Telegrafenmast? War das eine Hauskatze oder ein Wal? Auf jeden Fall war ich hellauf begeistert über den apokryphen Symbolismus, der diesen Zeichnungen innewohnte.
Gerade, als ich darüber nachgrübelte, ob der große Vogel vielleicht doch ein Nashorn sei, kam Anita, begrüßte mich freudig lächelnd und lud mich auf ein Müsli ein, das sie gerade für die Kinder zubereitet hatte. Ich bewunderte, wie ruhig sie bleiben konnte bei all dem Geschreie, Generve und Gezerre, das die Kinder vollführten.
Während ein kleiner Junge mir die Hose mit Müsli und Bananenbrei vollschmierte, reichte mir Anita einen Fragebogen, mit dem ich den Antrag stellen sollte, in die Gewerkschaft einzutreten. Als sie mir erzählte, dass ihr Verlobter ein hoher Gewerkschaftsfunktionär sei, horchte ich auf. Auf meine Nachfrage bestätigte sie einen Heiratstermin im Herbst. Lächelnd sagte ich ihr, meine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft wolle ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen, im Moment müsse ich mich aber um meine Hose kümmern, damit das Müsli nicht eintrocknen würde. Und unter dem Vorwand, meine Hose auf der Toilette zu säubern, schlich ich mich auf und davon.
Ein andermal war mir wieder nach politischer Betätigung. Wenn ich so einen Anfall habe, sieht das bei mir so aus: Ich schnappe mir am Morgen die Tageszeitung und gehe zum Grauen Bock, meinem Stammlokal. Man kennt mich dort, und ehe ich mit dem Finger schnipsen kann, steht ein Hefeweizen gepaart mit Bratwurst mit Sauerkraut und Bratkartoffeln vor mir. Und dazu natürlich der obligatorische kostenlose Topf Senf. So auch an jenem schicksalshaften Morgen, an dem sich meine politische Potenz offenbaren sollte. Und während ich mein zweites Frühstück die Kehle runterspülte, studierte ich die Zeitung unter der Rubrik: Bürgerinitiativen. Warum? Na, ich wollte mich engagieren! Eine Tat ist wichtiger als tausend Worte. Das ist meine Meinung.
Da fiel mein trübes Auge auf eine Anzeige: „Bürgerinitiative Erkenschwick-Meißendorf gegen KKW Müll“. Weil dort in der Nähe sei ein Porzellanbergwerk, das für ein Endlager nominiert wurde. Ich dachte mir noch, da wo berechtigter Protest ist, da muss ich hin! Denn den muss ich unterstützen. Ja, ich bin ein aktiver Bürger. Ich wollte aber nichts überstürzen. Also blieb ich noch bis zum Nachmittag im Grauen Bock und nahm zum Mittagessen einige Dunkelbiere gepaart mit Bratwurst mit Sauerkraut und Bratkartoffeln zu mir. Und dazu natürlich den obligatorischen kostenlosen Topf Senf.
Ich plauderte ein wenig mit Ludmilla, der Putzfrau. Ich erkundigte mich bei ihr nach den Lebensbedingungen in der Ukraine und hörte bei der Gelegenheit, dass es dort nicht so rosig aussieht. Ich versprach ihr, mich persönlich um die Situation in der Ukraine zu kümmern. Und am späten Nachmittag machte ich mich endlich auf den Weg nach Erkenschwick-Meißendorf. Ludmilla half mir noch bis zur Tür.
„Den Rest schaff ich alleine“, sagte ich noch und setzte mich erstmal auf die graue Bank vorm Grauen Bock. Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte, war es dunkel. Bei einigen Passanten erkundigte ich mich noch, wo der Bus nach Erkenschwick-Meißendorf abfährt. Alle zuckten mit den Schultern. Keiner wusste was Genaues. Da beschloss ich, mein Abendessen im Grauen Bock einzunehmen, und spendierte mir dazu ein paar Fläschchen Bock-Bier. Ich fing mit den Gästen eine lautstarke Diskussion über Atommüllendlagerung an und wies nach, wie wichtig es für einen Bürger ist, sich zu engagieren. Aber diese Diskussion führte zu nichts.
‚Ist doch nicht schlimm’, schoss es mir durch den Kopf.
Ein andermal im Grauen Bock war mir wieder mal nach Anhebung des politischen Bildungsniveaus des Stammtischs zumute, und so warf ich locker nach der zweiten oder dritten Runde Grappa eine Fangfrage in die Runde. Die Frage lautete: „Wie heißt unser derzeitiger Bundespräsident?“
Alle dachten angestrengt nach. Stirnen legten sich in Falten, Wangen röteten sich und die Bedienung, der es zu blöd war, dauernd Grappa nachzuschenken, stellte die ganze Flasche auf den Tisch. Und dann hagelte es Namen. Am peinlichsten war Waschbremer Aloisis. Der hatte gleich „Gauck“ in die Runde geschrien, und wir brüllten vor Lachen.
„Lebst du hinterm Mond?“, sagte Schnackl Ferdinand und warf einen neuen Namen in die Runde: „Steinbrenner!“
Wieder Gelächter. Jetzt hagelte es Namensvariationen wie „Steinbeißer“, „Steinbrecher“, „Steinheimer“, „Steinhammer“… Ich schüttelte den Kopf vor so viel politischer Unbildung und Wurschtigkeit. Ich meine, der Bundespräsident ist der Höchste im ganzen Staat, und seine Untertanen kennen ihn noch nicht einmal. Wo kommen wir denn da hin? Ich wollte bei dieser Gelegenheit meine politische Überlegenheit aufblitzen lassen und dann am Ende mit dem vollständigen Namen alle überraschen: Hans-Peter Steinmüller!
Aber der katholische Pfarrer Guido Hirnbrenner kam mir zuvor und mit predigterprobtem, röhrendem Bariton rief er: „Unser Bundespräsident heißt Frank-Walter Steinmeier!“
Ich war froh, dass ich nichts gesagt hatte. Das wäre eine Blamage gewesen. Ich nickte Pfarrer Hirnbrenner bestätigend zu, lächelte wissend in die Runde und goss mir einen Grappa nach.

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