Papagalli erzählt: Wie ich mich erzieherisch betätigte


Neulich dachte ich bei mir, ich müsste mal wieder sozial tätig werden. Also meldete ich mich beim „Freiwilligen Bund für soziale Unterstützung auf freiwilliger unbezahlter Basis“, kurz abgekürzt „FBFSUAFUB“. Als mich die zuständige Dame des Verteilungsbüros fragte,
was ich gerne machen würde, antwortete ich spontan, sozusagen aus der Hüfte, ich würde gerne in Seniorenheimen das Grimmsche Märchen vom Gevatter Tod vorlesen. Sie fand das keine gute Idee, sondern teilte mich für den Kindergarten „Grüne Sonnenblume“ in der Haubitzenstraße ein. Dorthin ging ich schnurstracks nach einem kleinen Frühstück in der Weintraube.
Die Leiterin des Kindergartens, Frau Hermine Meckelbuck-Vogelstier, war früher selbst einmal Kindergärtnerin gewesen, bevor sie sich heute in pädagogisch geschulte Bezugsperson umbenannt hatte. Sie beschrieb mir meine Aufgabe, ich solle um elf Uhr die Kleinen zu einem zweiten Frühstück zusammentrommeln, das ich auch selbständig vorbereiten sollte. Ich war voller Arbeitseifer und stellte ein wunderbares Müsli zusammen. Ich zerquetschte fünf Bananen mit einer Gabel, gab einen Schöpflöffel Honig dazu und drei Gläser Nutella. Dann vermengte ich alles und verfeinerte das Ganze mit einer Prise Weizenkleie. Schon nach dem ersten Löffel drehten die Kinder durch und wollten mehr. Ja, sie kämpften um ihren Anteil, schlugen mit den Esslöffeln um sich und verteidigten ihr Müsli nach Strich und Faden. Als Frau Meckelbuck-Vogelstier den Raum mit ihrem Kampfschrei „Was ist hier für ein Lärm?“ betrat, probierte sie sogleich mein Müsli. Ich dachte noch: ‚Ich hätte doch drei, vier Haferflocken hinzumischen sollen’, aber es war zu spät. Die Kinder hatten sich selbst, ihre Kleider, die Tischdecke, die Kissen und die Möbel im Kampf um die hammermäßig köstliche Speise verschmiert. Unhöflich und wirklich kein Vorbild für die Kinder schnauzte Frau Meckelbuck-Vogelstier mich an: „Verschwinden Sie und lassen Sie sich hier nie mehr blicken.“
Ich dachte bei mir: Undank ist der Welten Lohn. Aber ich gab nicht auf. Ich wollte immer noch etwas Soziales tun, wollte mich nützlich für die Gesellschaft, in der ich lebe, machen. So ging ich also zum Verein „Zur freiwilligen Nützlichmachung individueller Einzelmenschen im gesellschaftlichen Kontext“, kurz „ZfNiEigK“. Ich hatte kaum im Wartezimmer des Vereins Platz genommen, da winkte mich auch schon eine stämmige Dame an ihren Schreibtisch. Irritiert blickte ich auf ihren Oberlippendamenbart, vermied aber, Rückschlüsse aus meiner Beobachtung zu ziehen. Ich halte mich streng an das Gesetz: Man soll keine Vorurteile haben. Und also hatte ich auch keine Vorurteile. Die Frau hatte ein Namensschild angesteckt, aber der Name war sehr lang und für mich unaussprechlich. Damit die Geschichte, die ich erzählen will, im Fluss bleibt, nenne ich die Frau im Folgenden einfach Frau. Also, Frau fragte mich, ob ich rechnen könne. Bevor ich antworten konnte, sagte sie, ich könne als Nachhilfelehrer in Rechnen arbeiten. Den mir zugewiesenen Nachhilfeschüler fände ich in der Bazooka-Straße 4b, das sei am Marktplatz. Sie zeichnete mir mit einigen ungelenken Strichen einen Stadtplan auf eine Serviette und schickte mich dann los. Freundlich sagte ich: „Auf Wiedersehen Frau.“
Freundlich lächelnd raunzte sie mir zu: „Schlawurz knsn“… so jedenfalls hatte ich es verstanden. Entschlüsseln konnte ich es nicht, traute mich aber auch nicht zu fragen, was es bedeuten solle. Linkisch stand ich auf, neigte höflich meinen Kopf, sagte: „Vielen Dank“, wusste selbst nicht genau wofür, drehte mich um und nahm meinen Hut vom Haken an der Wand. Da schrie sie: „Halt, der Hut gehört mir!“
Ich hängte den Hut wieder auf den Haken, grinste entschuldigend, nuschelte: „Entschuldigung“ und stürzte hinaus in die Freiheit.
In der Bazooka-Straße angekommen fand ich eine kleine Schule. Darin saß Hermann und wartete auf seinen Rechnen-Nachhilfelehrer. Ich stellte mich kurz vor und dachte bei mir: ‚Hermann ist bestimmt kein leichter Fall.’
Ich wollte mit ihm die Grundrechnungsarten durchgehen und wählte viele Apfelbeispiele, also zum Beispiel: „Wieviel sind 19 Äpfel und 36 Äpfel?“
Erwartungsgemäß verweigerte Hermann die Antwort. Dann machte ich die Frage leichter: „Wie viel sind 17 Äpfel und 4 Äpfel?“
Hermann verweigerte wieder die Antwort. Nun baute ich einen Scherz ein: „Wie viel sind 8 Äpfel und 3 Pfirsiche?“
Hermann lachte nicht, sondern schwieg verbittert. Ich übte mich in Geduld und sagte mit samtweicher, wohlklingender Stimme: „Hermann, willst du nicht oder kannst du nicht?“
Ruhig blickte mir Hermann in die Augen und sagte: „Ich will nichts lernen. Lernen ist blöd. Lernen ist saublöd.“
Geduldig lächelnd kramte ich eine Hammerfrage hervor: „Hermann, willst du in deinem ganzen Leben nichts lernen?“
Er antwortete nicht, nahm seinen Schulranzen und ging wortlos fort. Ich war ernüchtert und dachte noch eine Weile nach über Hermann und die menschliche Verweigerung, Neues zu lernen. Mir schien es, als lerne die Menschheit immer das Alte und nie das Neue. Bei Hermann war es so, dass der noch nicht mal das Alte lernen wollte. Mit trüben Gedanken überladen ging ich nach Hause.
Kaum zu Hause angekommen erreichte mich der Anruf meiner Nichte. Sie fragte, ob sie ihren Sohn Daniel vorbei schicken könnte, denn der habe einige politikwissenschaftliche Fragen. Und da ich ein weiser alter Mann sei, könne ich ihm bestimmt helfen. Ich bestätigte ihr, dass ich ein weiser Mann sei und dass Daniel jederzeit kommen könne, wenn es ihm sein dichter Terminplan erlaube. Zwei Wochen später erschien Daniel. Er hatte eine Flasche Kognak als Geschenk für mich dabei. Ich hieß ihn herzlich willkommen und kochte uns einen starken Kaffee. Er trank aber nur Mineralwasser und fragte mich, warum ich mir selbst nur eine halbe Tasse Kaffee einschenkte. Ich sagte: „Das wirst du gleich sehen“, und füllte die Tasse mit Kognak auf. Dann sagte ich: „Los, Daniel, schieß los! Frage mich, und ich schwöre dir, du wirst mit Antworten überhäuft.“
Das ließ sich Daniel nicht zweimal sagen und er fragte: „Warum gibt es sauarme und superreiche Menschen?“
Ich nahm einen tiefen Schluck Kaffee-Kognak und erklärte ihm: „Daniel, das ist halt eben so.“ Als er mich fragend anschaute, fuhr ich erläuternd fort: „Das war nicht immer so. Das hat sich im Laufe der kulturhistorischen Weltgeschichte so entwickelt.“
Daniel fragte weiter: „Und das findest du gerecht? Milliardenreichtum auf der einen Seite und Hungerarmut auf der anderen Seite.“
Ich nahm einen weiteren Schluck Kaffee-Kognak und sagte: „Hör zu, Daniel, das ist so: Die Frage nach der Gerechtigkeit ist immer mit dem Blickwinkel gekoppelt. Ich meine, ich will sagen, Gerechtigkeit ist ein Begriff, der sehr dehnbar ist. Also, man kann ihn nach der einen Seite dehnen und nach der anderen Seite dehnen. Nächste Frage!“, munterte ich ihn auf.
Inzwischen war meine Kaffee Tasse fast alle. Ich füllte den Kaffeerest mit Kognak wieder auf.
Daniel fragte: „Warum dürfen reiche Trottel studieren und arme Hochbegabte nicht?“
Ich schlürfte von meinem Kognak-Kaffee und fragte, ob er nicht noch was trinken wolle. Er sagte: „Nein, danke. Das Mineralwasser reicht mir.“
Darauf sagte ich: „Ich will aber jetzt auf deine Frage zurückkommen. Wie war sie nochmal?“
Geduldig wiederholte er: „Warum dürfen reiche Trottel studieren und arme Hochbegabte nicht?“
Ich nahm noch einen tiefen Schluck und antwortete ihm dann: „Ich glaube, die Schwierigkeit liegt darin, dass Hochbegabte schwerer zu entdecken sind. Ich meine, der reiche Trottel ist leicht zu erkennen. Er ist einfach reich! Der Hochbegabte ist nicht so leicht zu erkennen, weil er oft seine Begabung versteckt.“
Ich merkte noch die Wirkung des Kognaks in einer unglaublichen Müdigkeit. Mir sackte der Kopf auf die Brust. Irgendwie musste ich eingeschlafen sein. Denn als ich den Kopf wieder hob, war Daniel nicht mehr da. Stattdessen lag ein gelber Zettel auf dem Tisch. Darauf stand: „Danke, wofür auch immer.“ Ich fand das eine nette Geste von ihm, denn ich glaube, so richtig weiterhelfen konnte ich ihm nicht.

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