Papagalli erzählt: Wie ich mich einmal sportlich ertüchtigte

♦ Neulich war mir nach Körperertüchtigung. Ein kritischer Blick in den Spiegel hatte mich überzeugt, dass mein Körper nicht mehr die Spannkraft früherer Jahre hatte, sondern sich zu seinen Ungunsten
verändert hatte. Ob das harte Wort „schwabbelig“ in diesem Zusammenhang genannt werden muss, lasse ich lieber im Unklaren. Ich will sagen, ich äußere mich nicht dazu. Hie und da könnte zwar der Begriff „schwabbelig“ seine Berechtigung haben, im Großen und Ganzen aber muss es objektiv diskutiert werden.

Ich wusste, dass in meinem fortgeschrittenen Alter nur noch erhabene Sportarten in Betracht kommen. Also machte ich mich auf den Weg. Mir war nach Tennis. In meiner Jugendzeit war meine Vorhand über die Grenzen gefürchtet gewesen, meine Rückhand nicht so und meine Aufschläge na ja… Als ich in dem vornehmen „Tennisclub Blau-Weiß“ anrief, empfahl mir die nette Dame, mich persönlich anzumelden und dabei schon in angemessener Tenniskleidung zu erscheinen. Mir fiel das Sprichwort ein „Kleider machen Leute“, und so wählte ich eine beige Wollstrickjacke, knielange Knickerbocker, karierte Wollsocken und natürlich weiße Tennisschuhe mit blauen Streifen. Ich glaube, mein Outfit kam nicht überzeugend rüber, denn nach dem Aufnahmegespräch, das ich schweigend überstand, teilte man mir per Email mit, dass der Club derzeit keine neuen Mitglieder aufnehmen könne.
Okay, dachte ich bei mir, dann eben Golf. Irgendwie wollte ich zur Oberschicht gehören. Als ich auf Anfrage hin über ein Info-Email vom hiesigen Golfclub den monatlich zu entrichtenden Beitrag erfuhr, schwenkte ich um auf Autorennen, um mir meinen Jugendtraum endlich zu erfüllen. Rennfahrer hatte ich schon immer werden wollen. Also fragte ich beim hiesigen Motorsportclub nach, wie man im Alter noch Rennfahrer werden könnte. Sie sagten, das ginge, man müsse halt einen Oldtimer vorzeigen. „Kein Problem“, sagte ich und fuhr in meinem alten Opel Manta vor. Trotz mehrmaligem Nachfragen bei der Vereinsleitung wurde ich links liegengelassen. Sie beachteten mich einfach nicht. Da konnte ich mit meinem Opel Manta, bei dem der Auspuff abgefallen war, so laut röhren, wie ich wollte. Sie nahmen mich nicht wahr. Mir wurde es zu blöd und ich donnerte davon. Ziemlich Rennfahrer-mäßig. Ich glaube, sie haben bereut, mich so schäbig behandelt zu haben.
Ziemlich erschüttert über die Arroganz all der Menschen, die mein Talent nicht erkennen konnten, beschloss ich, in der Weintraube mein wohlverdientes Mittagessen einzunehmen. Ich dachte noch: Nur Genies erkennen Genies. Mir war nach Specknudeln und also bestellte ich Specknudeln. Dazu eine Flasche Grauburgunder. Die Wartezeit auf meine Specknudeln verkürzte ich mir mit dem Lesen der hiesigen Tageszeitung. Da fiel mein Blick auf eine Anzeige: „Fühlen Sie sich bedroht? Verteidigen Sie sich selbst! Judo, Karate und viele asiatische Kampfsportarten mehr. Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Auch für Frauen geeignet.“
Ich spürte sofort, das war mein Ding, da musste ich hin! Selbstverteidigung, Körpertraining und dazu noch einige schicke Damen. Das war mein Ding! Schlank werden, Mann werden, kampffähig werden, und Frauen schauen diesem Prozess begeistert und aus vollem Herzen applaudierend zu… Ideal für mich!
Sofort rief ich an. Ein Platz war noch frei. Die Dame an der Rezeption, bei der ich mich telefonisch ausführlich erkundigte, fragte mich: „Sind Sie Anfänger oder Fortgeschrittener?“
Ohne nachzudenken, sprudelte die Wahrheit aus mir heraus: „Fortgeschrittener“, blies ich stolz ins Telefon.
Man erwartete mich um achtzehn Uhr zu einer Schnupperstunde. Nach der Stunde sollte ich dann entscheiden, ob ich in das Gesamtprogramm einsteigen wollte oder nicht. Um achtzehn Uhr staunte ich nicht schlecht. In einem großen Umkleideraum zog ich mich gemeinsam mit dreißig Frauen in lockere Kampfkleidung um. Ich jubelte und jauchzte. ‚Gott lebt’, dachte ich immer wieder, ‚und er liebt mich und präsentiert mir seine herrlichsten Geschöpfe.’
Auch der Übungsleiter empfing mich mit großem Hallo. „Endlich“, rief er, „haben wir einen echten Mann für unsere Rollenspiele.“
Der Jubel und Beifall der Frauen hätte mich misstrauisch machen sollen, aber ich merkte nichts. Stolzgebläht lachend blickte ich in die Runde. Und dann begann die Übungsstunde. Meine Aufgabe war es, jede Frau einzeln zu bedrohen und irgendwie zu attackieren. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir im Kurs für Fortgeschrittene waren. Immer wieder musste ich auf eine Frau zutreten, musste sie irgendwie bedrohlich bedrohen, und dann verteidigte sich die Frau. Mit ohrzermürbenden Kampfschreien erschreckten mich die Frauen und ließen dann eine Serie von Handkantenschlägen, Faustschlägen, Ellenbogenschlägen, Knieschlägen und Fußtritten folgen.
Der Übungsleiter, dem ich irgendwie leidtat, rief immer wieder: „Meine Damen, nicht so fest!“
Aber sie hielten sich nicht daran. Ich bedauerte sehr, drei Portionen Specknudeln gegessen zu haben, denn schon beim zweiten Schlag in den Magen kitzelten sie sich die Speiseröhre hoch. Ich schluckte sie aber tapfer wieder runter. Nach circa einer halben Stunde und fünf Faustschlägen an den Kopf, zwei Handkantenschlägen an den Hals, fünf Ellenbogenschlägen auf die Rippen, insgesamt drei Schlägen in den Magen und unzähligen Fußtritten in die Weichteilgegend, sackte ich zusammen wie ein nasser Sack.
Eine circa sechzigjährige Krankenschwester zog mich in den Nebenraum und hievte mich dort auf einen Massagetisch, um mich zu verarzten. Mit Riechsalz rief sie mich ins Leben zurück. Dann legte sie Kompressen und Bandagen an und flößte mir ein wenig kalten Kamillentee ein.
Ich war fertig, und natürlich beschloss ich, es bei dem Schnupperkurs zu belassen. Selbstverteidigung war nichts für mich. Und so schwabbelig war ich auch wieder nicht.
Nach einer halben Stunde Rekonvaleszenz, in der ich viel über Bedrohung nachgedacht hatte, kam eine Putzfrau ins Zimmer und schmiss mich raus mit der Begründung, sie müsse saubermachen und hier sei kein Platz für Faulenzer. Ich humpelte von dannen.