Papagalli erzählt: Wie ich meinen Namen bekam

Es ist an der Zeit, mich meinem begeisterten Publikum vorzustellen. Wer bin ich eigentlich? Und wieso veröffentliche ich so qualitätsvolle Texte und weise Lebensbetrachtungen? Die Antwort ist einfach: Eines Tages beschloss ich, in meinem Leben herumzuspähen, ob mir irgendetwas Besonderes, sozusagen etwas Erzählenswertes, geschehen ist. Ich meine: Trauma in der Kindheit, Drogenexzesse im Jugendalter, früher Tod von Mutter oder Vater oder von beiden. Nichts! Wohin ich auch blicke, nichts Besonderes! Und mit gesenktem Haupte muss ich gestehen: Ich bin nichts Besonderes. Voll der Durchschnitt. Nett bis bedeutungslos. Aber merkwürdig, wirklich merkwürdig: Diese Erkenntnis betrübt mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. So viele bedeutungsvolle Menschen sind so bedeutungsvoll, dass andere Menschen die Biographie kennenlernen wollen. Und jetzt kommt mein Trumpf: Meine Biographie will niemand kennenlernen. Und jetzt kommt mein Doppeltrumpf: Deswegen kann ich ja die Wahrheit schreiben. Und also zeichnet sich meine Biographie dadurch aus, dass sie wahr sein könnte. Meine Hammerlebensbetrachtung mute ich niemandem in einer geballten Form zu, sondern veröffentliche sie in kleinen homöopathischen Dosen.
Diesmal will ich dir erzählen, woher mein Name „Papagalli“ kommt. Es war so: Ein paar Jahre nach der Pubertät fuhr ich aus lauter Jux und Dollerei nach Italien. Ich hatte damals noch nicht meinen legendären Opel Manta, sondern kroch mit einem alten Volkswagen durch die Gegend. Kaum war ich über die Grenze geschrappt, so gelüstete mir nach original italienischer Speise. Also Augen auf und herumgespäht. Und zack, da war es schon: „Fontanello“, ein italienisches Fachrestaurant. Das Restaurant war an einen Bauernhof angeschlossen und versprach Bio-Pasta und Bio-Pizza. Genau das Richtige für mich!
Als ich eintrat, spürte ich sogleich: Ich war in Italien angekommen. Es roch nach Pizza und nach Pasta und Tomate und Basilikum… Ach, herrlich! Und dann fiel mein von der Fahrt ermüdetes Auge auch noch auf eine köstliche Bedienung, die, wie sich bald herausstellte, fließend deutsch sprach. Ach, Herr im Himmel, manchmal gibt es doch schon das Paradies auf Erden. Sie hieß Zamponella und war wohl die Tochter des Hauses. Noch bevor sie mir einen Platz in dem vollständig leeren Restaurant zuwies, hatte sie mir schon erzählt, dass sie in Störnbach-Breitenfeld lebe und arbeite und jetzt zur Ferienzeit in dem elterlichen Betrieb aushelfe.
Zamponella reichte mir die Speisekarte. Diese legte ich souverän zur Seite, da ich schon längst wusste, was ich wollte. Eine Pizza Bolognese und eine Liter-Flasche Montepulciano d’Abruzzo. Die wagenradgroße Pizza wurde schon nach kurzer Zeit dampfend serviert. Ich träufelte zum Abschmecken der Pizza ein wenig Rotwein darüber, hieb mit dem Messer große Stücke heraus und verschlang sie. Köstlich! Kaum hatte ich die ersten Bissen verschluckt, trat das Wirtspaar an meinen Tisch. Wahrscheinlich um mich beim Essen ein wenig zu unterhalten. Er, Francesco, war Mitte sechzig und hielt eine Flasche Grappa in der Hand. Sie, Amaretta, so verstand ich sie jedenfalls, war wohl ebenfalls sechzig, sah aber älter aus, weil sie ziemlich dick war. Sie brachte drei Flaschen Rotwein mit an den Tisch.
Da Francesco kein Wort deutsch sprach und Amaretta ganz wenig, freute ich mich sehr, als sich auch Zamponella zu mir setzte. Während ich mich angeregt mit Zamponella unterhielt, füllte Amaretta pausenlos Montepulciano d’Abruzzo nach und Francesco schenkte den Grappa ein. Beide wechselten sich ab – Montepulciano d’Abruzzo – Grappa – Montepulciano d’Abruzzo – Grappa – Montepulciano d’Abruzzo – Grappa… und so weiter.
Durch eine geschickte Frage hatte ich herausbekommen, dass Zamponella Sportlehrerin war und sich für jede Form von Sport begeisterte. Da entdeckte ich plötzlich meine bis dahin eingeschlummerte Liebe zum Sport. Ich bekundete mein Interesse am Erlernen der Disziplinen Stabhochsprung, Hammerwerfen, Turmspringen und Hürdenlauf. Zur Not auch noch Bodenturnen. Und scheinheilig fragte ich sie, um mit ihr im Gespräch zu bleiben, zu welcher Sportart sie mir raten würde. Zamponella brachte ihre Lieblingssportart ins Gespräch: Triathlon. Ich widersprach ihr. Skilanglauf, dann bäuchlings auf dem Schnee rumliegen und irgendwo mit dem Gewehr rumballern ist nicht mein Ding. Süffisant korrigierte sie mich: „Das ist Biathlon. Ich aber spreche von Triathlon.“
Natürlich fragte ich neugierig nach, und sie erklärte sofort, was diese Disziplin beinhaltet: 3,86 km Schwimmen, 180,2 km Radfahren und ein Marathonlauf über 42,195 km. Sofort wusste ich, das war meine Sportart. Als Zamponella dann auch noch verträumt blickte und mit schimmernder Stimme sagte, einem Mann, der das schafft, dem würde sie sich sofort ganz hingeben, war mir alles klar. Und ich wusste: Tief in meinem Herzen bin ich Triathlet. Und ich schwor beim vielleicht zehnten Grappa, den Francesco immer wieder nachschenkte, dass ich nächste Woche mit dem Training anfangen würde. Komme, was da wolle! Es wurde noch ein lustiger Abend, und wir feierten noch ausgelassen mein Training, das am nächsten Wochenende beginnen sollte.
Dann ebbte das Gespräch ab und selbstverloren blickte ich zum Fenster hinaus auf den Bauernhof. Draußen stiefelten neben einer Unmenge von Hühnern auch zwei Hähne herum. Als sich Zamponella und Amaretta zurückgezogen hatten, sprach ich noch lange mit dem Gastwirt und Bauern Francesco, bis die Grappa Flasche leer war. Wir sprachen über dies und das. Also, ich meine, ich sprach kein Italienisch, er kein Deutsch. Aber was tut das schon zur Sache? Wir hatten eine gemeinsame Basis: Grappa. Wir erzählten uns gegenseitig Witze, glaube ich.
Dann beschlossen wir, ein wenig an die frische Luft zu gehen, und torkelten Arm in Arm nach draußen. Draußen an der frischen Luft zeigte er auf die zwei Hähne.
„Galli“, schrie er.
Sofort verstand ich, dass Hähne auf Italienisch Galli heißen. Dann zeigte ich auf ihn und sagte: „Papa! Du Papa Galli!“
Damit wollte ich ihm kundtun, dass er der Vater der Hähne sei. Er schüttelte den Kopf und zeigte wahrscheinlich aus Höflichkeit oder als Integrationsangebot auf mich und sagte: „Du Papa Galli!“
Danach umarmten wir uns und stürzten der Länge nach hin.
Zum Morgengrauen krähten die Hähne ohrenbetäubend herum, und anstatt auf die Hühner zu steigen, was ihr eigentlicher Job ist, machten sie einen Höllenlärm. Dann zog uns Amaretta ins Gasthaus zurück. Sie kochte uns einen starken Kaffee und presste pro Tasse eine halbe Zitrone rein. Sie sagte: „Das isse gut gege die Gopfeschmerze.“
Und sie hatte Recht. Verdammt guter Tipp! Kaffee mit Zitrone hilft gegen Kater.
Ach, übrigens, Zamponella erschien nicht mehr. Ich habe sie nie mehr wiedergesehen. Ich war darüber so frustriert, dass ich beschloss, mein geplantes Sporttraining sofort abzubrechen. Ich schinde mich doch nicht für eine Frau, die gar nix von mir will. Da bin ich konsequent.
Die Rechnung für die Nacht war ziemlich hoch. Ich meine nicht nur die Flasche Grappa, sondern vor allem die drei Flaschen Montepulciano d’Abruzzo. Das Lustige war, dass die Summe exakt mit meinem Urlaubsgeld übereinstimmte. Aber ich hatte Glück, wirklich echtes Glück: Das Benzingeld reichte noch bis nach Hause. Und noch etwas Gutes hat die Reise gebracht: Seit jenem Moment nenne ich mich Papagalli.
Ja, ja, Glück muss man haben!

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Radiointerview des Österreichischen Rundfunks (Ö1) vom August 2011

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