Papagalli erzählt: Wie ich mehrmals von einer schönen Frau verwechselt wurde

♦ Ich saß im Bus nach Bierheim-Willnixhofen, ahnungslos vor mich hin dösend. Die Landschaft, die draußen vorbeitorkelte, kannte ich schon und deshalb blickte ich nicht zum Fenster raus. In meinem derzeitigen Leben wollte einfach nichts Spannendes passieren. Plötzlich durchzuckte ein Blitz das Dunkel meiner Existenz. Sie trat auf mich zu. Mein Gott, mir verschlug es die Sprache. Perfekt gewelltes Haar, Zähne wie Perlen, dunkle Augen, Haut sanft schimmernd wie frischer Granatapfel, kirschroter Mund, eine Figur wie Honigmelonen… Meine Reaktion: Herzstillstand. Atemstillstand. Aussetzen des Kleinhirns. Auflösung des Großhirns. Kein Funkkontakt mehr mit der Zentrale meines Ichs. Ende der Durchsage. Und dann sprach sie mich auch noch an. Es war ein Flirren, ein engelsgleiches Tönen, ein Sprechen direkt ins Herz, ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang. Erst verstand ich ihre Worte nicht, aber dann langsam kam ich wieder zur Besinnung. Mein Gehirn schaltete das vegetative Nervensystem wieder an. Mein Atem setzte scheppernd wieder ein. Mein Herz überschlug sich stolpernd. Blutdruck und Puls übertrafen den Normalwert ums Dreifache. Dann verwandelten sich ihre Worte zu einem köstlichen Sinngefüge: „Hallo Alexander. Sie sind doch Alexander von Ludendorff?“
Verzweifelt nickte ich. Was hätte ich jetzt drum gegeben, Alexander von Ludendorff in echt gewesen zu sein. Aber halt, wenn sie mich für Alexander von Ludendorff hielt, dann war ich’s doch! Und schon fuhr sie fort: „Leider muss ich hier aussteigen, aber so viel sei Ihnen noch gesagt: Ihr Vortrag war höchst interessant und Ihre Präsentation sehr amüsant.“
Ich konnte nicht antworten, da ich meine Faust im Mund hatte, um nicht zu kreischen, zu stöhnen und zu juchzen. ‚Engel’, dachte ich. ‚Ja, es gibt Engel!’
Da musste sie auch schon aussteigen. Der unsensible Bus hielt, die Türen sprangen in unnötiger Hast auf, sie stieg die Treppen hinunter, drehte sich um und winkte mir.
Ich schlug mit dem Kopf mehrmals auf die Rücklehne des Vordersitzes, um zu mir zurückzukommen. Oh mein Gott, war es herrlich, sie wiederzutreffen! Aber halt, ich war ja gar nicht Alexander. Oder doch? Vielleicht würden wir uns ja noch mal treffen. Und dann würde alles viel besser ausgehen…
Und Achtung, jetzt kommt’s! Ich traf sie nochmals. Ich saß gedankenverloren im ICE nach Bietigheim-Bissingen, alleine im Abteil. Der Zug hielt gerade in Bebenhausen-Wolperdingen, da sah ich sie am Bahnsteig stehen. Ich wollte das Fenster öffnen, aber es ging nicht. Ich schrie wie am Spieß, aber sie hörte mich nicht. Ich klopfte gegen das Fenster, aber sie sah mich nicht. Aber ich sah sie und die Welt hielt den Atem an. Endlos lange Beine, kurzer Minirock. Ja, sie konnte Miniröcke tragen! Darauf ein T-Shirt, das locker gestülpt über ihren glockengleichen Brüsten verharrte. Ihre dunklen Haare umrahmten wie kleine Schlangen ihre edel-harmonischen Gesichtszüge. Sie hatte einen langen Mantel an, den sie nicht zugeknöpft hatte. Er war mit Pelz gefüttert. Wahrscheinlich Fuchs, Hase oder Blaugans oder was weiß ich. Wer denkt denn in so einem Moment an das Tier, das sich für sie geopfert hatte? Ja, wäre ich ein Tier gewesen, ich hätte mich für sie geopfert. Wäre als Fuchs in den Schuss des Jägers gesprungen. Hätte mich als Hase auf den Boden geworfen, mein Leben ausgehaucht und mir das Fell abziehen lassen, um für sie als Mantelfutter Wärme zu spenden. Als Blau- oder Graugans hätte ich mir selbst den Brustfederflaum herausgerupft, damit meine Angebetete genügend Daunenwärme hätte.
Da erblickte sie mich und ich fiel in Schockstarre. Ich wollte zu ihr rennen, mich ihr zu Füßen werfen, sie an den Knöcheln festhalten, schreien: „Bleib bei mir, geh nie wieder fort.“ Aber ich war absolut handlungsunfähig. Mein Hirn stellte die Arbeit der Synapsen ein. Die Folge war eine spontane geistige Umnachtung. Hinzu kam eine völlige Versteifung meines Körpers. Dann reagierte ich doch blitzschnell. Raus aus dem Abteil, hin zur offenen Tür. Und sogleich sprach sie zu mir mit ihrer dunkel wohlig rauchigen Stimme, die klang wie ein Glas Kognak: „Hallo Alexander. Schön, Sie wiederzutreffen. Nochmals: Ihr Vortrag war köstlich. Inzwischen habe ich mir auch Ihr Buch besorgt. Es ist herrlich, Ihre unglaublich geistvollen Beiträge zu lesen und Ihre gehaltvollen Weltbetrachtungen zu reflektieren. So kann ich in Ihrem wunderbaren Haus des Geistes wohnen.“
Jetzt gab es kein Halten mehr. Der Beschluss, hinauszuspringen zu ihr, war in Sekundenschnelle gefasst. Noch nie war ich so treffend beschrieben worden. Noch nie hatte mich jemand so genau erkannt.
Und dann sprang ich! Oh mein Gott! Ein Schmerz durchzuckte mein Nasenbein, als ich gegen die Zugtür sprang, die sich gerade geschlossen hatte. Ich suchte den Nothalt, aber ich fand ihn nicht. Und der Zug nahm mich mit und riss mich fort von ihr.
Ich sah sie noch ein drittes und letztes Mal. Diesmal auf einer Parkbank. Doch ich will der Reihe nach erzählen. Ich fand mich wieder einmal zu dick und hatte beschlossen, die Pfunde durch Jogging abzutrainieren. Also Turnhose an, altes T-Shirt übergestülpt, Turnschuhe an die Füße, und ab ging die Post! Mein lieber Scholli, trabte ich los. Die ersten fünfzig Meter hatte ich im Nu zurückgelegt. Bei den zweiten hundert Metern ging der Atem schwer und dann geriet das Herz außer Rand und Band. Wieso? Nein, nicht wegen meines Laufes. Sondern sie saß auf einer Parkbank am Joggingweg. Flaschengrünes Seiden T-Shirt, kurzes Röckchen, gelb schwarz gepunktet, ihre endlos langen Beine übereinandergeschlagen. Ihre dunklen Haare fielen in Schillerlocken auf ihre Schultern und um ihren Erdbeermund spielte das engelhafteste Lächeln, das ich je gesehen hatte. Als ich ihren freundlichen Blick auffing, gab es kein Halten mehr. Mit dem rechten Fuß trat ich auf meine linke Ferse, stolperte wie ein Tölpel und stürzte mit der Eleganz eines Nilpferdes. Ich blieb liegen, denn ich musste mich erst orientieren und stellte mir eisenharte Fragen: Wer war ich? Wo war ich? Warum war ich hier? Warum war ich gestürzt? Und wer saß da auf der Bank? Und warum wagte ich nicht hinzuschauen?
Dann hörte ich ihre butterweich samtzarte Stimme: „Hallo Alexander.“
Ich wurde knallrot, doch hatte Glück im Unglück: Sie konnte es nicht sehen, weil ich immer noch mein Gesicht in der Wiese vergraben hatte. Laut sprach ich: „Ach, lassen Sie nur, es geht schon.“
Ich hatte gedacht, sie hätte sich über mich gebeugt und wollte mir hochhelfen. Aber dem war gar nicht so. Gemütlich saß sie auf der Bank. Ich wälzte mich auf den Rücken und mit einem flotten Drehschwung wälzte ich mich wieder auf den Bauch, stemmte mich auf allen Vieren hoch, verlor kurz das Gleichgewicht, fiel auf die Seite und machte noch einen Wälzsprung. Diesmal klappte es und ich stand vor ihr.
Lächelnd sagte sie: „Sie bluten ja.“
Ich blickte auf meinen Ellenbogen und sagte ziemlich cool: „Ach, das ist nur eine kleine Schramme.“
Sie sagte: „Nein, ich meine Ihr Knie.“
„Ach so, das Knie.“
Sie reichte mir ein Tempo. Ich ging auf sie zu, nahm das Tempo entgegen und bedauerte in diesem Moment der größten Nähe zu ihr, dass ich stark geschwitzt hatte und sich meine Duftglocke immer weiter ausbreitete. Dennoch ließ ich mich erschöpft neben sie fallen und war mir sicher, einen Verwundeten, wie ich es war, würde sie nicht abweisen. Nun war es an mir, geschickt und ausgefuchst ein Gespräch über mein Buch, dessen Titel mir vorübergehend entfallen war, zu eröffnen. Doch es kam nicht dazu, denn in diesem Moment blickte sie auf ihre Uhr, spitzte ihr Mündchen allerliebst und sagte: „Oh, ich muss los!“
Sie setzte ihre Beine nebeneinander und erhob sich. Meine tierisch animalische Duftglocke hatte inzwischen ihr zartes Veilchenparfum vertrieben. Ich wollte ihr noch einmal tief in die Augen sehen, aber sie stand ungünstig. Die Sonne blendete mich. Ich blinzelte. Dann war sie weg.
Ich schloss die Augen, dachte nach und fasste einen Entschluss: Ich würde mich intensiv über Alexander von Ludendorff informieren und mich dann in ihn verwandeln. Und sollte ich sie das nächste Mal treffen, wäre ich dann der echte Alexander.

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