Papagalli erzählt: Wie ich einmal Süchtige belehrte

Es war einer jener klimawandelbedingt milden Wintertage, an denen ich relativ bedeutungslos in der Stadt herumstiefelte und um mich blickte. Manchmal liebe ich es, Menschen wie du und ich einfach zu beobachten. Ich erfreue mich dann an den Menschen, die eidechsengleich von Geschäft zu Geschäft huschen, fischottergleich im Konsumrausch gefangen sind und rattenähnlich nach Schnäppchen jagen. Wie Moskitos, die sich auf unschuldige Menschenleiber stürzen, fallen sie übereinander her, reißen sich Sonderangebote aus den Händen und sondern aus ihren Schweißdrüsen den Stressduft ab, der wie eine Dunstglocke sich über die Stadt ausbreitet und das Sonnenlicht abhält. Ich brauche diese Umgebung, denn darin kann ich mich gut nachdenkend entspannen. Es macht mir einen Heidenspaß, die andern im Kaufrausch zu sehen, getrieben bis zum Wahnsinn, während ich absichtslos an einem Eisbecher lutsche oder einen Hamburger verdrücke oder ein Bierchen zwitschere.
An jenem winterwarmen Tag hatte ich auf einer solchen Tour ein Erlebnis. Ich hatte mich müde gelaufen und außerdem: Planmäßig absichtslos zu sein, ist verdammt anstrengend. Also saß ich auf einer Bank vor einem Kleinstpark. Eigentlich war es ein Hundeklo. Zum Glück war ich in keinen der massenweise herumliegenden Hundebeweise getreten. Auf die Bank rechts neben mich setzte sich ein menschgewordenes Viereck, 1,50 hoch, 1,50 breit. Von der Evolution wahrscheinlich als Frau geplant, aber das Evolutionsziel knapp verfehlt. Die scheinbare Dame hatte sich drei Bratwürste in Brötchen zwischen Bauch und Oberschenkel geklemmt. Eigentlich hätte ich schreiben wollen auf die Knie gelegt, aber da waren keine Knie, sondern ihre Wampe hing über die Beine, und sie nutzte diese Falte, die sich da gebildet hatte, als versteckte Vorratskammer für ihre Bratwurstbrötchen. Ich hatte meinen Blick abgewandt. Sollte sie mit ihrem Leben doch machen, was sie wollte. Was ging’s mich an? Da setzte sich links neben mich ein Mann Mitte vierzig oder Mitte sechzig, irgendetwas um den Dreh. Als ich ihn anblickte, fiel mir das Kinderlied ein: „Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm…“, denn er war ein Männlein still und stumm und rauchte mit all den Spätfolgen: Gelbe Finger, gelbe Fingernägel, gelbe Zähne, ausgegilbte Gesichtshaut, gelbe Augen, und wenn er hustete, war das, was er ausspuckte, auch gelb. Er trug eine Glatze und seine Kopfhaut hatte die Farbe einer tabakbraunen Zitrone. Seine Ohren sahen aus wie gepresste Tabakkrümel. Seine Nase hatte die Form eines Pfeifenstummels. Will sagen, der ganze Mensch war ein einziger Tabakladen.
Ich überlegte angestrengt: Sollte ich mich einmischen? Sollte ich der Frau die verheerenden Folgen einer Verfettung drastisch ausmalen, sozusagen als Schocktherapie? Sollte ich ihn provozieren und auf seine innere Austrocknung mit deren dramatischen Folgen für die Durchblutung hinweisen? Ich wollte Gutes tun. Ich entschied mich, zu helfen. War ich nicht der Engel, der zu den beiden geschickt worden war, um sie aus ihrer Suchtspirale herauszuzwirbeln? Ich entschied mich für eine ganz sanfte, ungemein mitfühlende Schocktherapie. Und also sprach ich den menschgewordenen Butterberg rechts neben mir direkt an und fragte höflich provozierend: „Wissen Sie, wo Ihre Genusssucht Sie am Ende hinführt?“
Sie drehte ihren Kopf zu mir, blickte aber an mir vorbei, und ich nahm wahr, dass sie mich gar nicht wahrnahm und einfach weiteraß. Das Fett triefte ihr aus den Mundwinkeln.
Ich drehte mich nach links und sagte zu dem menschgewordenen Räucherstäbchen: „Wissen Sie, wo Ihre Genusssucht Sie am Ende hinführt?“
Wortlos blies er mir den Tabakrauch ins Gesicht. Vielleicht hätte ich verständnisvoller auf die beiden eingehen sollen. Darüber dachte ich gerade nach, als ein Schatten auf mich fiel. Ein Mann mit der Ausstrahlung eines leeren Kartoffelsacks hatte eine Weinflasche angesetzt, aus der er zügig trank. Als er absetzte und rülpste, roch ich es: Isopropyl Alkohol. Aus roten Augen sprach er mich grinsend mit rasselnder Stimme an: „Schulligung, iss der Palatss noch frei?“
Ich blickte nach links und nach rechts, da war kein Platz frei. Und höflich fragte ich: „Welchen Platz meinen Sie?“
„Na, den Palatss, auf dem du sitsst.“
Es dauerte eine Weile, bis ich verstand. Ich wollte mich auf keine Auseinandersetzung einlassen, erhob mich und schritt grußlos davon. Hinter meinem Rücken keimte sofort ein Gespräch auf mit viel Hallo und Gelächter. Ich glaube, sie lachten über mich. Geschlagen schlich ich von dannen.
Ziemlich betrübt ging ich über den Markt. Da fiel mein Auge auf frischen Rosenkohl, der an einem Stand in kleinen niedlichen Knollen neben fetten Kürbissen aufgetürmt war. Zärtlich dachte ich, wie lieblich ein solcher Rosenkohl sich gegen die feisten Kürbisse ausnahm. ‚Ja ja, auch in der Natur haben einige Probleme mit ihrem Übergewicht’, dachte ich lächelnd und blickte mitleidsvoll auf die dicken Kürbisse. Da regte sich in mir Appetit auf Rosenkohl. Einen solchen Appetit habe ich nicht oft, aber wenn ich ihn habe, habe ich ihn heftig. Der Marktfrau vom Dienst rief ich munter meine Bestellung zu: „Hundert Gramm Rosenkohl bitte!“
Diese Kleinstbestellung kam daher, dass ich nur überschaubare Portionen Rosenkohl auf einmal schaffe. Als ich die Marktfrau fragte, wie viel ich schuldig sei, erwiderte sie, sie müsse das noch ausrechnen, denn normalerweise verkaufe sie Rosenkohl pfundweise. Ich überhörte ihren vorwurfsvollen Unterton und wartete geduldig, bis sie ausgerechnet hatte, was ich ihr schuldete. Offensichtlich war sie nicht die Schnellste in der Birne, denn ihr missmutig durchgeführter Rechnungsprozess dauerte eine ganze Weile. In dieser Zeit hörte ich zwei junge Burschen herumlallen, die an einem Stehtisch unweit von mir Weißwein schlürften. ‚Mein Gott’, dachte ich, ‚die sind ja schon um die Mittagszeit besoffen!’
Als die Marktfrau mir meine Portion Rosenkohl gereicht und ich ihr vierunddreißig Cent hingeblättert hatte, beschloss ich, mit den Burschen ein suchtminderndes Gespräch anzuzetteln. Ich besorgte mir auch eine Flasche Weißwein und ein Glas dazu, stellte die Flasche auf den Tisch und sagte: „Hallo!“ Natürlich wurde ich freudig begrüßt. Nachdem wir uns zugeprostet hatten, wählte ich scharfe Worte, um sie aufzurütteln. Ich sagte: „Was? Ihr trinkt schon um die Mittagszeit Wein?“
Sie lachten und sagten: „Du doch auch!“
Wir prosteten uns wieder zu. Um auf den Vorzug gesunder Lebensweise hinzuweisen, fragte ich sie, was ihr Lieblingsgemüse sei. Sie lachten, stellten sich vor als zwei Metzgergesellen und schenkten sich Weißwein nach. Mir auch. Wieder prosteten wir uns zu und ich fühlte mich sehr befreit, sie mit meinem Redebeitrag wachgerüttelt zu haben.
Wie leerten gemeinsam die Flasche. Dann erklärten sie mir, sie müssten zurück zu ihrem Stand, an dem sie hervorragende Schweinskopfsülze verkauften. Ich wünschte ihnen viel Erfolg und bestellte mir an einer nahegelegenen Bude eine Bratwurst mit einer vierfachen Portion kostenlosem Senf, dazu Bratkartoffeln und Sauerkraut. Der Weißwein passte vorzüglich dazu.
So gestärkt machte ich mich auf den Weg, um im Gasthaus „Zum vollen Bierkrug“ einzukehren. Das Gasthaus „Zum vollen Bierkrug“ ist ehrlich gesagt nicht gerade mein Stammlokal, aber es liegt auf meinem Weg. Kaum hatte ich mich zum Stammtisch gesetzt, da wurde mir erzählt, dass Hackelheimer Karlfried ein Reh überfahren hatte, das der Koch schon zu Gulasch verarbeitet hatte, das gleich serviert werden würde. Natürlich bestellte ich wie alle eine doppelte Portion Reh-Gulasch mit Kartoffelknödeln und Blaukraut. Dazu ein großes Glas Hefeweizen.
Ich wollte als Tischgespräch die Fresssucht anprangern, verschluckte mich aber am Reh und musste eine Menge Bier nachkippen, bis die Kehle wieder frei war. Als ich wieder sprechen konnte, lenkte ich das Gespräch geschickt auf das Thema, das mich gerade beschäftigte: Sucht. Sie nahmen mein Diskussionsangebot an. Es hagelte Ratschläge wie zum Beispiel: FDH gegen Fettsucht. Dem Raucher empfahlen sie, nichts zu überstürzen, sondern langsam aufzuhören. Am Anfang noch zwei Schachteln am Tag, nach einem Jahr eine Schachtel und nach einem weiteren Jahr nur noch zehn Zigaretten am Tag.
Nach dem Essen und den verdauungsfördernden Schnäpsen bot mir jemand eine Zigarette an. Ich blickte entsetzt auf und sagte: „In Restaurants ist doch rauchen verboten!“
Da wieherten alle vor Lachen und sagten: „Wir sind doch eine geschlossene Gesellschaft.“
Herifred reichte mir eine Zigarre, Marke Joya de Nicaragua. Sie schmeckte vorzüglich. Es war sehr gemütlich zu sehen, wie die ganze Runde im köstlichen Tabakrauch verschwand. Die anderen gingen dann zu Starkbier über, teilweise auch Bockbier. Ich aber blieb bei meinem Hefeweizen. Ich mag den häufigen Getränkewechsel nicht so gerne. Ich sprach noch ein wenig über Alkoholsucht, aber sie verstanden mich nicht und ich schlief im Sitzen ein.

Veröffentlicht unter Blog, Papagalli erzählt

Radiointerview des Österreichischen Rundfunks (Ö1) vom August 2011

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