Papagalli erzählt: Wie ich einmal im Schwimmbad war


Es war ein wunderschöner Sommertag und ich hatte mir ja vorgenommen, einmal im Sommer ins Schwimmbad zu gehen, um den Winterspeck abzutrainieren. Und ich spürte, heute war es soweit. Aber ich wollte nicht alleine gehen. Also rief ich bei Petra an, die konnteaber nicht. Da dachte ich bei mir: ‚Wer nicht will, der hat schon’, und rief Margarethe an. Die konnte aber auch nicht. Was rede ich denn? Es war doch Margot. Ja, genau, Margot. Die konnte aber auch nicht. Also rief ich Helene an und sagte: „Ich wollte dich ins Schwimmbad einladen. Kommst du mit?“
„Also gut“, antwortete sie.
Ich rollte meinen Badeslip in ein Handtuch, und los ging’s! Shampoo brauchte ich keins. Irgendeiner würde seins bestimmt in der Dusche stehengelassen haben und ich würde seinen Rest kostenlos verbrauchen können.
Natürlich war ich viel zu früh im Schwimmbad und setzte mich auf eine Bank nahe des Eingangs, um auf Helene zu warten. Da kam eine junge Frau im Pulk einiger Kinder herein. Relativ jung noch, so um die dreißig, sah aber älter aus. Sie war beklagenswert. Nicht wegen ihren fettigen Haaren oder dem Speck auf den Hüften, auch nicht wegen ihrem tiefenzerfurchten Gesicht oder ihrer pickligen Haut, nein, das war es nicht. Es war ihr deutlich sichtbarer Beruf: Mutter einer Horde von Kindern. Eines trug sie auf dem Arm, eines saß auf ihren Schultern, die restlichen huschten um sie herum, wuselten, knallten mit Plastikgewehren, schlugen damit auf Plastikhelme, fuhren mit als Panzer verkleideten Bobbycars durch die Gegend, warfen sich gegenseitig einen schweren Lederball auf den Kopf, und die zwei ältesten Kinder, so um die fünfzehn, die wohl die Aufgabe hatten, der aufsichtspflichtigen Mutter zu helfen, hatten rote Augen, einen verlangsamten Gang und einen teilnahmslosen Blick, der dokumentierte, dass sie wenig mitbekamen.
Die Mutter ermahnte ihre Kinder, tätschelte sie, schlichtete verständnisvoll Streit, alles vergebens. Aber sie blieb ruhig, ließ sich nicht provozieren, blieb Herrin der Lage. Auch dass ihr ältester Sohn völlig bekifft zu Boden stürzte und sich die Knie aufschürfte, brachte sie nicht aus der Ruhe. Sie hob ihn auf, holte aus ihrem Rucksack einen Verbandskasten und bepflasterte seine aufgeschürften Knie.
Ich wollte ihr anbieten zu helfen, wusste aber nicht genau wie. Einem spontanen Impuls folgend, wollte ich züchtigend eingreifen. Aber das ist ja heutzutage verboten. Die Freiheit der Kinder geht über alles. Eines der Kinder spritzte mich mit der Spritzpistole voll, ein anderes warf mir den schweren Lederball schmerzhaft in den Schoß, wieder ein anderes fuhr mir mit dem Bobbycar über die Füße. Die Mutter lächelte entschuldigend. Ich lächelte entschuldigend zurück. Da platzte ein wassergefüllter Luftballon auf meinem Kopf und ich war völlig durchnässt. Die Mutter und ich lachten. Was sollten wir sonst tun?
Dann endlich kam Helene. Sofort stieg bei mir wieder die Stimmung und wir versprachen uns, nach dem Umkleiden und Duschen uns an der Wasserrutschbahn zu treffen.
Als ich aus der Herrenumkleide heraustrat, sprang Helene gerade aus der Damenumkleide. Ich pfiff durch die Zähne. Mein Gott, was Formen! Hautenger Bikini, durchtrainierte Beine, Bauch glatt wie ein Küchenbrett, Brüste kaum gebändigt.
Als sie mich sah, pfiff sie nicht durch die Zähne. Ganz kurz huschte Entsetzen über ihr Gesicht. Aber sie fing sich sofort wieder und sagte: „Du hast über den Winter ganz schön zugenommen.“
Ich fand nicht, dass das stimmte, wollte mich aber auf keinen Disput mit ihr einlassen und grinste unverbindlich. Da trat sie auf mich zu, hob meinen Bauch in die Höhe und sagte dann: „Na ja, wenigstens hast du eine Badehose drunter.“
Danach ließ sie meinen Bauch wieder runterfallen, piekste prüfend in meinen Bauchspeck, und ihr Finger versank knöcheltief.
Ich weiß nicht, woher das Gefühl kam, aber irgendwie glaube ich, sie lachte mich aus. Na ja… Im Wasser würde ich ihr schon zeigen, dass ich schwimmen konnte wie ein Fisch. Sie schwamm wirklich sehr gut, irgendwie durchtrainiert. Ich hechelte kurzatmig hinter ihr her, aber bald schon hatte sie mich überrundet. Auf jeden Fall hatte sie mir mein Schwimmen ordentlich vermiest. Sie zog weiter ihre Bahnen, und ich wollte ihr sagen, dass ich eine Pause machen wollte. Aber sie hörte mich nicht. Sie kraulte so wild, dass ihre Ohren dauernd unter Wasser waren.
Ich hatte Lust auf ein Bier bekommen, und da oben am Kiosk einige Tische und Stühle aufgestellt waren, zog mich dieser Ort wie magisch an. Ich war noch zehn Meter von einem Stuhl entfernt, da rief ich der Bedienung schon zu: „Ein Hefeweizen!“
Und jetzt, so schien es, wurde der Tag im Schwimmbad doch noch schön. Denn wen traf ich da? Gugelhuber Karlfried.
„Karlfried“, schrie ich entsetzt vor Begeisterung. Er lachte und winkte, besorgte sich ein weiteres Bier und einen Schnaps und setzte sich zu mir. Ich kenne Gugelhuber Karlfried schon viele Jahre. Man kann mit ihm unglaublich quatschen, und egal, wo man anfängt, man landet immer bei seinem Lieblingsthema: Frauen. Und schon bald waren wir bei unserem Lieblingsthema Frauen angekommen. Wir mühten uns, unter Hinzuziehen weiterer Biere die Kernfrage herauszuarbeiten: „Warum passen Männer und Frauen nicht zusammen?“
Als vorläufige Arbeitshypothese stellten wir fest: Frauen haben unüberwindbare Probleme, sich der überragenden männlichen Dominanz anzupassen. Vielleicht haben wir etwas zu laut gesprochen, denn am Nebentisch hatte eine Frau Platz genommen, die unserer dialogisch geführten Diskussion mit finsterer Miene zuhörte. Als ich rülpste und wir uns schenkelklopfend darüber totlachten, und als dann Karlfried noch furzte und wir uns auch darüber totlachten, schüttelte die Frau am Nebentisch entnervt den Kopf und murmelte so etwas wie „Schweine“ durch die Gegend. Karlfried und mir machte es Spaß, sie ein bisschen zu provozieren. Ich finde, man kann Frauen gar nicht genug zur Demut erziehen. Gerade auch in solchen Momenten, in denen wir Männer zahlenmäßig überlegen sind. So scherzten wir noch eine ganze Weile. Aber dann wurde es mir irgendwann zu heiß, denn ich saß in der prallen Sonne. Also wollte ich mich noch ein bisschen auf die kühle Wiese neben einem schattenspendenden Kastanienbaum legen. Ich fragte Karlfried: „Kommst du mit, ein bisschen auskühlen?“
Er verneinte. Er wollte noch dableiben und sich ein Schnitzel mit Pommes einschieben.
Ich trollte davon, winkte ihm noch und hätte bemerken müssen, dass die Nebentischfrau sich ebenfalls erhob, um mir zu folgen. Aber ich war viel zu entspannt, um irgendeine Gefahr zu wittern. Kaum hatte ich mich bäuchlings auf meinem Badehandtuch ausgestreckt und wollte in die Welt des ewigen inneren Friedens davonschweben, da sah ich aus den Augenwinkeln, wie eine Gestalt heranpreschte, mir auf den Rücken sprang und mich in den doppelten Nelson nahm. Eine Frauenstimme keuchte mir ins Ohr: „Du unverschämtes Sackgesicht. Was fällt dir ein, uns Frauen so zu diffamieren?“
Ich wollte höflich abwiegelnd antworten. Sie drückte mir aber so fest die Kehle zu, dass nicht nur mein Halswirbel bedenklich knackte, sondern ich auch kein Wort hervorbrachte. Stattdessen fuhr sie fort: „Sofort entschuldigst du dich bei allen Frauen dieser Welt und dann entschuldigst du dich speziell bei mir.“
Dann ließ sie etwas locker, damit ich antworten konnte, und ich ächzte: „Tschuldigung!“ Das war für alle Frauen dieser Welt. Ich fuhr fort: „Tschuldigung!“ Das war speziell für sie.
Dann ließ sie mich los. Ich war wieder frei. Ich blickte ihr nicht nach, aus Angst, sie könnte meinen Blick missverstehen und zurückkommen.

Veröffentlicht in Blog, Papagalli erzählt
Ein Kommentar zu “Papagalli erzählt: Wie ich einmal im Schwimmbad war
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Eine elend traurige Geschichte. Hinterläßt einen deprimierend schalen Geschmack
    über den ewig schwelenden Geschlechterkampf.Sorry abaut that !

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