Papagalli erzählt: Wie ich einmal Frühlingsgefühle hatte

♦ Frühling ist eine herrliche Jahreszeit. Ich meine, die Düfte und das Knospen ringsum machen mich fertig. Und die Sonne hängt himmelhochjauchzend am Himmel herum und wärmt und bräunt uns winterweißhäutige Menschleins. Herrlich. Und was macht die tierische Natur bei so viel freundlichem

Naturgebaren? Na, Vögel und andere Tiere bauen sich Nester. Warum? Hallo, warum? Na, um sich zu paaren. Und sind wir Menschen nicht ein Teil der Natur? Halten wir nicht Frühjahrsputz, um dann… ach, lassen wir das…
Jedenfalls ging ich sanft jubelnden Schrittes durch die frühlingsdurchlüftete Pappelallee und zerbrach mir den Kopf darüber, über welches Thema ich nachdenken sollte. Das ist so eine Angewohnheit von mir. Ich denke gerne im Gehen nach, aber dann weiß ich nicht, worüber ich nachdenken soll. Bald war ich müde vom intensiven Suchen, worüber ich nachdenken sollte, und setzte mich auf die nächstbeste Bank und blickte entlang der hohen Bäume hoch in den Frühlingshimmel.
Herrlich! Vor mir rauschte der Fluss, über mir wisperten die Pappelblätter und oben am Himmel sang die Sonne freudig von Liebe im Sommer. Zu meinem vollständigen Glück fehlte nur noch eine frühlingshafte Liebesaffäre. Ich habe viel über die Kraft, sich etwas zu wünschen, nachgedacht. Ich glaube daran, wenn man sich etwas fest genug wünscht, wird es geschehen. Und so geschah es auch in diesem Fall. Ich staunte nicht schlecht, als ich die Augen öffnete und sah, wie sie auf mich zu humpelte. Tolles Frühlingskleid, super Frisur, und trotz aller Humpelei Hammerbeine. Sie ließ sich neben mir auf der Bank nieder, zog sich ihre Schuhe aus und rieb sich ihre Füße. Ich schielte auf ihre Füße. An ihren Fersen hatten sich zwei große Blasen gebildet. Erläuternd sprach sie mich an: „Von neuen Schuhen bekomme ich Blasen.“
Ich war hellwach und dachte an den Spruch: ‚Bei manchen Frauen ist es umgekehrt.’ Mein Gott, bin ich froh, dass ich über eine enorme Selbstbeherrschung verfüge und den Spruch nicht heraushaute. Ich biss mir auf die Zunge, presste die Lippen zusammen und nahm mir vor: Keine Anspielungen, kein Witz, kein Scherz, keine Sauerei, sondern ganz seriöses, unauffälliges, unaufdringliches Mitleid. Und so sagte ich denn auch: „Das sind ja Riesendinger.“
Schnell blickte ich nach unten, und zur Hervorhebung der Dinger zeigte ich auf ihre Fersenblasen. Mein Gott, was war los mit mir? Wieso verlief ich mich pausenlos in Zweideutigkeiten? Ich gab die Parole für mich aus: Seriosität bis zum Abwinken. Also aktivierte ich den Hausarzt in mir und sagte: „Sie brauchen dringend Pflaster, damit sie sich nicht noch weiter heiß reiben.“
Schon wieder! Mein Gott, der Frühling drängte mir aus allen Poren. Was war denn los mit mir? Was war bloß los mit mir? Ich verstand mich selbst nicht mehr. Mein Gott, da war ein Mensch, der brauchte Hilfe. Und ich verhaspelte mich im Wortwald anspielungsreicher Sprüche. Ich brauchte Abkühlung. Sie kam mir zur Hilfe.
„Wo krieg ich Pflaster her?“, fragte sie und blickte mir tief in die Augen. Ich blickte tief zurück und witterte meine Chance, mich als edler Mann, der ich im Grunde ja auch wirklich bin, zu profilieren. Ich erhob mich, machte eine beruhigende Geste und sagte mit jener heldenhaften Miene, die mir manchmal zu Gebote steht: „Ich kümmere mich darum.“
Ohne weiter nachzudenken, drehte ich mich um und trabte in betont sportlichem Laufstil, der mein athletisches Potential aufblitzen lassen sollte, die Allee entlang. Souverän fragte ich mich zur nahegelegenen Marienapotheke durch. Dort bestellte ich Pflaster und Schere. Die freundliche Apothekerin empfahl mir ein Notfallset, das sie gerade im Sonderangebot hatten. Schnell wurden wir handelseinig, und als ich die Apotheke verließ, sah ich gegenüber ein kleines Weingut, das verschiedene köstliche Weine und auch Sekt anbot. Ich spürte, das Schicksal meinte es gut mit mir. Schönes Frühlingswetter, ein Notfallset, ein Fläschchen Sekt mit zwei Gläsern und eine Frau, die auf einer Bank wartete… Mein Gott, kann das Leben schön sein.
Schnellen Fußes lief ich zurück zur Bank, um die Situation voll genießend auszuschöpfen. Zu meinem Unglück hatte ich mir aber nun auch eine Blase gelaufen. Man soll mit Halbschuhen nicht herumsprinten. Aber ich hatte Glück im Unglück, denn es war ja nur eine. Nachdem wir uns verpflastert hatten, wurde es noch ein netter Spätnachmittag. Wir tranken das Sektfläschchen leer, und ich wollte cool formulieren: ‚Zu dir oder zu mir?’, aber ich traute mich nicht. Ich glaube, es wäre ein bisschen zu schnell gewesen. Dann erhob sie sich, bedankte sich artig, drehte sich um und ging davon. Traurig blickte ich ihr nach. Sie hatte wirklich eine tolle Figur. Sollte ich ihr hinterherlaufen? Ja, beschloss ich sektlaunig übermütig, das sollte ich! Kurz entschlossen sprang ich auf und zuckte zusammen. Meine Blase schmerzte wie verrückt. Das Pflaster war nass, der Schuh war nass, die Blase war aufgegangen. Ich setzte mich wieder hin. Resigniert dachte ich: ‚Die Chance ist vertan… Wie so oft!’

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