Papagalli erzählt: Wie ich einmal am falschen Ort das Richtige sagte

Neulich war ich eingeladen zum Geburtstagsfest von Tante Theres. Jetzt fragst du mich: „Wie alt
wurde sie denn?“ Ich glaube siebzig. Oder war es achtzig? Also neunzig kann es nicht gewesen sein. Wie dem auch sei, ich besorgte mir ein paar Tulpen und machte mich frohgemut auf ins Seniorenheim. Erst erkannte mich Tante Theres nicht, aber dann half ich ihr auf die Sprünge, und ein breites Grinsen verband ihre beiden Ohren miteinander. Ich raunte ihr zu: „Tante Theres, du hast dein Gebiss vergessen.“
Sie tätschelte mich dankbar, verschwand kurz im Bad – und schwups, kehrte sie bezahnt zurück.
Außer Tante Theres kannte ich keinen der Senioren auf diesem Geburtstagsfest. Aber freundlich und um Integration bemüht schüttelten mir alle die Hand. Ich stellte mich jedem selbst vor, denn inzwischen hatte Tante Theres wieder vergessen, dass ich ihr Neffe war. Das war aber nicht weiter schlimm!
Tante Theres ist klein, stämmig, hat Waden wie ein Fußballer, einen Damenbart, eine tiefe Stimme und schwarzgraue Haare mit kahlen Stellen auf dem Kopf. Aber sie hat ihre dünnen Haare so auftoupiert, dass man die kahlen Stellen nur sieht, wenn ein starker Wind von hinten bläst.
Auf Tante Theres’ Aufforderung setzte sich die zusammengewürfelte Geburtstagsgesellschaft an einen langen Tisch, auf dem drei einsame Kerzen vor sich hin flackerten. Wir rückten unser Pappgedeck zurecht und als Tante Theres dann rief: „Haut rein!“, fingen wir frohgemut an, uns Aldi Rührkuchen aus der Plastikfolie einzuschieben. Der Kaffee war dünn, aber genießbar. Vielleicht war es aber auch Tee.
‚Ach’, dachte ich, ‚wie haben sich die Zeiten geändert!’
Früher war der Geburtstag bei Tante Theres eine legendäre Kuchen Orgie gewesen. Da gab es Erdbeerkuchen – köstlich! Mit frischer Schlagsahne – oberköstlich! Ananas-Pfirsich-Kuchen – superköstlich! Mit fetter Schlagsahne – megaköstlich! Pflaumenkuchen – hammerköstlich! Mit Vanille Schlagsahne – oberhammerköstlich! Buttercremetorte – komaköstlich! Mit Nuss-Marzipan-Nougat-Geschmack – generalkomaköstlich! Und dazu frisch gebrühter Kaffee, in dem fast der Löffel steckenblieb… Ah… schmausen… ohne… Ende…
Na ja, die Zeiten sind vorbei. Zurück ins Seniorenheim! Beim Kuchenessen gab es Tischgespräche, die ich allesamt sofort wieder vergaß. Dann lachte Tante Theres verschmitzt und schenkte Wein aus. Wir hielten unsre Pappbecher fest, dass sie nicht umfielen. Am Wein hatte sie ein bisschen gespart. Mein Gott, früher… Riesling, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Müller-Thurgau, weißen Bordeaux, roten Bordeaux und Montepulciano… Nun ja, man wird bescheiden und sollte außerdem mittags noch nicht so viel trinken. Sehr bald schon machte mein Pappbecher schlapp. Der Wein ätzte wohl den Becher durch. Aber Tante Theres wusste Rat. Sie steckte den angeätzten Becher einfach in einen zweiten und lachte dabei.
Dann wurde schon das Abendessen serviert: Industriebrot mit Discounterwurst, wahlweise mit Scheiblettenkäse. Tante Theres raunte mir zu: „Wir haben nicht so viel Zeit, deswegen lasse ich gleich das Abendessen servieren.“
Mein Gott, früher! Wie sah früher ein Abendessen bei Tante Theres aus: Da gab es Schnittchen mit Bierwurst, Presskopf, Schweinskopfsülze, Bratwürste, Jagdwurst, Leberwurst, Blutwurst, Landjäger, rohen Schinken, gekochten Schinken…
Da klopfte Tante Theres an das einzige Weinglas auf dem Tisch, das vor ihr stand. Dann erhob sie sich – sie war im Stehen so groß wie ich im Sitzen – und hielt ihre Geburtstagsrede. Ohne Umschweife kam sie zur Sache und prostete sich selbst zu: „Liebe Theres, auf das Wichtigste im Leben: Die Gesundheit.“
Alle stimmten laut kreischend zu: „Auf die Gesundheit!“
Vereinzelt wurde sogar deutlicher formuliert: „Das höchste Gut ist doch die Gesundheit.“
Ich nahm meinen Pappbecher, trank einen tiefen Schluck von dem Essig mit Weingeschmack, da ritt mich der Teufel. Ich hob meinen Weinbecher und schrie wohlüberlegt provozierend: „Prost! Auf die Seele!“
Eine Wand des Schweigens wurde hochgemauert. Alle glotzten mich an. Niemand prostete mir zu. Ich versuchte es noch mal: „Prost! Auf die Liebe!“
Weiter wurde an der Wand gemauert. Der ein oder andere böse Blick traf mich. Auf Provokation getrimmt legte ich noch eins nach und stieß als Trinkspruch aus: „Prost! Auf den Geist!“
Da lachte Tante Theres, so als ob ich einen Witz gemacht hätte. Aber sehr schnell verebbte ihr Lachen, denn die Wutwand der Senioren hatte ihren Höhepunkt erreicht. Warum verstanden sie mich falsch? Die Menschen hier hatten doch nur noch den Tod vor sich. Und da will man sich doch vorbereiten und geistige Ziele erreichen. Die körperlichen waren nicht mehr zu erreichen. Spontan zählte ich vier Rollstühle. Dort drüben zitterten Hände so stark, dass der Wein aus dem Becher sprang. Gegenüber griff Schielauge konsequent neben den Becher. Und oben wackelte ein Kopf einsam vor sich hin. Ein kahler Schädel wurde umrahmt von Ohren, die fast bis auf die Schulter hingen. Daneben saß verloren Haut wie Blätterteig.
Da beschloss ich, noch mal alles auf eine Karte zu setzen. Ich wollte um Bewusstsein kämpfen. Mit klarer, lauter Stimme schallte mein Ruf durch den Raum: „Prost! Auf den Tod!“
Ich hatte den Bogen überspannt und musste feststellen, dass einige der Senioren doch noch ganz schön vital waren. Unter dem Vorwand, mir Wein nachschenken zu wollen, rammte mir der Wackelkopf von hinten den Ellenbogen in den Nacken und flüsterte mir zu: „Halt endlich deine Schnauze!“
Bevor ich etwas erwidern konnte, spürte ich einen Tritt gegen das Schienbein. Ich wusste nicht, war es Kahlschädel mit Elefantenohr gewesen oder Blätterteig, denn beide raunzten mich zugleich an: „Stimmungsverderber!“
Da rollte jemand von hinten an mich heran. Bevor ich mich umdrehen konnte, traf mich ein Schlag mit einer Wurst auf den Hinterkopf. Jemand flüsterte mir schreiend ins Ohr: „Du Arschgesicht!“
Ich war nun endgültig kaltgestellt und wagte nicht mehr, meinen Becher prostend zu erheben. Trotzig trank ich überhaupt nichts mehr.
Ich suchte Kontakt zu Tante Theres und fragte sie, ob es nicht wichtiger sei, auf die Seele, auf die Liebe, auf den Geist, auf den Tod zu trinken. Ich fügte hinzu, das sei doch alles viel wichtiger als ein Körper, der dem Siechtum verfallen war. Sie fragte mich, wie es meiner Mutter ginge. Ich sagte: „Mutter ist seit
fünf Jahren tot.“
Tante Theres tröstete mich: „Aber das macht doch nichts. Das Leben muss weitergehen“, und tätschelte meine Wange.
Jetzt erhob ich mich. Durch Tritte und Schläge gedemütigt rief ich wutentbrannt: „Das nächste, was kommt, ist doch der Tod! Warum sollen wir ihn nicht gebührend begrüßen?“
In meiner Wut hatte ich nicht bemerkt, dass sich um mich herum eine Seniorentraube gebildet hatte. Sie schleiften mich den Gang entlang bis zur Treppe, die ich hinuntergestoßen wurde. Aber ich hatte Glück im selbstverschuldeten Unglück und brach mir nichts. Ein paar Schrammen, sonst nichts. Aber immerhin, ich hatte die Wahrheit gesagt. Und als ich nach oben in die immer noch wütende Menge blickte, winkte mir Tante Theres zu. Ich glaube, sie hatte mich verstanden.