Papagalli erzählt von seinen Erlebnissen als Boxtrainer


Elmo war klein und schmächtig. Und er wog 49,7 Kilo. Woher ich das weiß? Na, weil ich Elmo trainierte. Er wollte Fliegengewicht Meister werden. Und da er sich keinen richtigen Trainer leisten konnte, nahm er mich kostenlos zum Trainer. Und wenn ich eins kann, dann ist es, junge, motivierte Menschen im Boxen trainieren. Ich selbst hatte, als ich jung war, viel zu viel Angst, um mich in den Ring zu stellen. Und das ist bis heute so geblieben. Also stellte ich mich daneben und gab gute Ratschläge. Für Elmo bestand meine Arbeit erst einmal darin, ihm Sparringspartner zu suchen. Ich fand auch welche, die ihn aber allesamt zusammenschlugen. Meine Idee, Elmo durch einige Siege zu motivieren, klappte nicht. Ich konnte am Boxring schreien, wie ich wollte: „Nimm die Deckung hoch“, er tat es einfach nicht!
Anschließend in der Kneipe „Zum Boxring“ spendierte ich ihm zum Trost für sein verschwollenes Gesicht ein Bierchen und erklärte ihm, dass beim Boxen die Deckungsarbeit und die Beinarbeit das Wichtigste seien. Er widersprach mir und sagte: „Das Wichtigste beim Boxen ist die Schlagkraft. Wenn du dem anderen eine reinhaust, dann ist es scheißegal, wie deine Beine stehen oder wo deine Deckung ist. Mit einer mächtigen Wumme den andern umpusten – das ist meine Strategie!“
Noch eine ganze Weile versuchte ich, ihn eines Besseren zu belehren. Er ließ sich aber auf nichts ein und ging zurück in die Boxhalle. Dort wollte er noch seine Schlagkraft trainieren und sich so für seinen ersten Kampf am morgigen Tag vorbereiten.
Ich blieb zurück und sinnierte noch über ein paar Bierchen. Wir hatten die Vereinbarung getroffen, dass Elmo nur dann Bier trinken dürfe, wenn ich dabei wäre. Also konnte ich jetzt Bier trinken, so viel ich wollte, ohne ein schlechtes Vorbild abzugeben. Später blickte ich nochmal nach ihm in der Boxhalle und sah ihn beim Schlagtraining. Gleichgültig, wie er auf den Sandsack eindrosch, der bewegte sich keinen Millimeter.
Am nächsten Tag war das kleine Turnier. Elmos Gegner war der Regionalmeister, und ich schärfte Elmo ein, dass Deckung besonders wichtig sei. Kaum war der Gong ertönt, da fing Elmo eine. Die Arme fielen nach unten und der Gegner entlud eine heftige Schlagserie. Elmo ging nicht zu Boden. Er war ein stolzer junger Mensch. Der Kampfrichter hatte ein Erbarmen und winkte den Kampf ab. Elmo stand immer noch. Sein Gegner wollte Elmo final umhauen, aber der Kampfrichter hielt den Regionalmeister fest. Es war seine Aufgabe, körperliche Dauerschäden abzuwenden. Elmo stand und rührte sich nicht. Er war wie im Stupor. K.O. im Stehen. Was war zu tun? Niemand wusste sich Rat. Elmo umschmeißen und dann raustragen? Elmo direkt raustragen? Warten, bis er zusammenbrach? Man entschied sich für das Letztere. So warteten wir alle, bis Elmo zusammenbrechen sollte. Nach etwa drei Minuten tat er uns den Gefallen und kippte um wie ein nasser Sack. Später wollte er mir die Niederlage in die Schuhe schieben und entließ mich. Ich feierte meinen Rausschmiss in der naheliegenden Kneipe „Zum Boxring“.

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Ein Kommentar auf “Papagalli erzählt von seinen Erlebnissen als Boxtrainer
  1. nur wer Sich-Selbst treffen lässt, trifft Andere,
    sagte mal ein Weiser Man, aus Erfahrung oder Eingebung nehme ich an;
    da führ er jedoch noch weiter fort:
    ist wahr was ich sage, oder was du verstehst?

    eine seiner kluge Frauen hilf mir auf die Sprünge, bevor ich losging zum probieren:
    „es ist unkomplizierter als du denkst beruhigte sie mich:
    du wirst, wogegen du kämpfst, so einfach ist Das“

    da ließ ich die Deckung runter, hatte eh wenig zu verbergen,
    hield die Furcht innen, soweit wie möglich im Zaun,
    und wanderte ein wenig durch die Gegend, bis mir ein begehbarer Weg gewiesen werd

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