Papagalli erzählt von einem typischen Sommertag

Neulich war mal wieder schönes Wetter, also ich meine so richtig schönes Wetter. Schon am Morgen prazzelte die Sonne aus allen Himmelsrichtungen, und ich beschloss, wie immer an solchen Tagen, mein Frühstück im Freien einzunehmen. Also ich meine im Biergarten.
Warmen Leberkäse auf einer hauchdünnen Scheibe Brot mit gesalzenem Rettich, dazu einen Krug Bier. So richtig zünftig eben. Ich war gerade in seliger Stimmung, da wurde mein Glück von Alfons zunichtegemacht. Dieser setzte sich nämlich unaufgefordert mir gegenüber und blökte sein um Freundschaft heischendes, aufdringliches, „Hallo, wie geht’s?“ mir mitten ins Gesicht. Ich antwortete ihm nicht, da ich den Mund voll hatte. Er bestellte das Gleiche wie ich, um auf eine gemeinsame Ebene hinzuweisen. Dann wiederholte er seine Frage: „Wie geht’s, alter Freund?“
Schnell schob ich einen mächtigen Bissen ein, um wieder nicht antworten zu müssen. Alfons war nicht mein Freund. Ich kannte ihn nur oberflächlich. Wir hatten uns hie und da mal auf Festen getroffen, an die ich mich kaum erinnern kann.
In diesem Moment zog er eine Postkarte hervor und berichtete mir grinsend, dass er seiner Frau, die sich momentan in Kur befand, ein gereimtes Gedicht schreiben wolle, weil sie das so liebe. Er fragte mich, ob ich ihm beim Reimen helfen könne. Auch wenn ich ihn nicht mochte, so sage ich niemals nein, wenn mich einer darum bittet, ein Gedicht mit passenden Reimen zu versehen. Und schon fing er an mit der ersten Zeile. Er schrieb: „Heut schreib ich dir, Liebling…“
Dann grübelte er, was sich auf „Liebling“ reime. Ich schlug vor, er solle schreiben: „Heut schreib ich dir“, denn auf „dir“ wisse ich einen Reim, nämlich Bier, vielleicht sogar Gier. Aber er beharrte auf „Liebling“. Meine Vorschläge „Schilbling“ oder „Milbling“ schmetterte er ab mit der Begründung, dass er diese Worte nicht verstehe. Ich erklärte ihm, dass auch ich diese Worte nicht verstehe, aber dass es darauf doch nicht ankäme. Wer versteht denn heute schon, was er sagt? Doch Alfons grinste ablehnend. Dann hatte er einen Geistesblitz: „Pfifferling“, schrie er, und schon bald hatte er die zweite Zeile: „Du bist ein rechter Pfifferling.“
Meinen Einwand, dass das rhythmisch nicht einwandfrei sei, überhörte er und las mir seinen Zweizeiler noch mal vor:
„Heut schreib ich dir, Liebling,
Du bist ein rechter Pfifferling.“
Entnervt erhob ich mich, trank mein Bier im Stehen aus und gab vor, dass mir gerade ein wichtiger Termin im Büro eingefallen sei. Schnurstracks ging ich in einen anderen Biergarten, in dem ich anonym frühstücken konnte. Dort bestellte ich mir Leberkäse mit Spiegelei, dazu Nürnberger Rostbratwürstchen und eine Portion Kartoffelsalat. Ich lass mir doch von Alfons nicht meinen gemütlichen Morgen verderben. Ich hatte mein Bier erst zur Hälfte ausgetrunken und blickte satt und zufrieden vor mich hin, da brummte etwas, summte und bumste gegen mein Bierglas. Ich verscheuchte die Wespe. Eine so kleine, aber gefährliche Bedrohung konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen. Aber sie ließ sich nicht verscheuchen. Immer wieder kehrte sie zurück und bumste gegen mein Bierglas. War sie auch durstig? Wer kennt sich schon aus mit den Bedürfnissen einer Wespe? Irgendwann einmal verfehlte sie den Glasrand und stürzte kopfüber ins Bier. Ich feixte. ‚So’, dachte ich, ‚das geschieht dir Recht!’
„Gierig bis zum Untergang“, schrie ich in ihren Todeskampf. Aber dann mit einem Mal peinigte mich mein Gewissen. Die Wespe, so unnütz sie auch war, war immerhin ein Lebewesen. Ich meine, wirklich, eine Wespe ist doch unnütz. Da sind wir uns ja wohl einig. Sie sticht, kann sogar mehrmals stechen, kann sogar ein Leben lang stechen, produziert keinen Honig, und wenn ein Mensch allergisch ist gegen Wespengift, wird es sogar lebensbedrohlich. Also ehrlich, was soll diese Kreatur auf der Welt? Aber trotz aller böswilligen Gedanken über ihre Nutzlosigkeit und Hinterfotzigkeit und Gefährlichkeit rührte sie mich, wie sie da auf dem Rücken schwamm und zappelte. Nun, es gibt schlimmere Todesarten als in Bier ertrinken. Ich malte mir das Ganze aus: Da wär ein Riesenaquarium voller Bier und ich stürzte rein, würde noch eine Weile schwimmen und tauchen und dann… Ach, seliges Versinken!
Dennoch, ich konnte denken, was ich wollte, da war ein Lebewesen in Gefahr und ich ließ zu, dass es starb, ja, freute mich sogar. Plötzlich biss mich mein Gewissen.
‚Also komm…’, dachte ich und steckte meinen Finger ins Bier. Die Wespe krallte sich an meiner Fingerkuppe fest, ich hob sie hoch, sie spannte ihre nassen Flügel auf und stach mir in den Finger, grinste hämisch und flog davon. Also mit dem hämisch grinsen, das hab ich frei erfunden. Tatsache ist, sie stach mich und machte sich auf und davon.
In Erster Hilfe geschult saugte ich an meinem Finger und spuckte das Gift aus. Die Schwellung war dementsprechend überschaubar. Gerade als ich nachdachte über den klugen Spruch „Undank ist der Welten Lohn“, bumste sie wieder gegen das Bierglas und fiel dann auf den Tisch. Sie war zurückgekehrt, krabbelte nun auf dem Tisch herum, erschöpft und orientierungslos. Wahrscheinlich war zu dem Bier in der Lunge jetzt noch eine heftige Gehirnerschütterung gekommen. Ich jedenfalls war entschlossen, voller Rachedurst dem ganzen Wespendrama ein Ende zu bereiten, nahm einen Bierdeckel, und ehrlich, ich wollte sie zerquetschen, aber ich schaffte es wieder nicht. Jetzt hatte ich schon so viel geopfert, um sie zu retten. Na gut, sie war undankbar gewesen, aber habe ich deswegen ein Recht zu töten? Kurze Rede, langer Sinn: Ich hielt ihr den Bierdeckel hin, sie krabbelte drauf und dann schleuderte ich sie in die Luft. Sie flog davon und kam nicht wieder. Ich trank mein Bier aus und tröstete mich wegen meines erlittenen Wespengiftfingerschmerzes mit einem gepflegten Hefeweizen. Danach wurde mir ganz schön heiß, denn die Sonne stach ziemlich ungebremst hernieder. Also beschloss ich, die Abkühlung meines Körpers weiter voranzutreiben. Leise wie ein Taschendieb schlich sich Vernunft von hinten an mich heran und wisperte mir ins Ohr: „Kein weiteres Bier mehr! Kühle dich nicht von innen, sondern von außen ab. Gehe schwimmen oder so…“
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich vernunftshörig bin. Und also gehorchte ich der inneren Stimme und wankte nach Hause, um meinen Abkühlungsplan umzusetzen. Decke eingerollt, hinten aufs Fahrrad geklemmt, Kühltasche aufgeschultert… Ach, wie die kühlen Biere zärtlich aneinanderklirrten… Und runter ging’s an den Fluss. Schattiges Plätzchen gesucht, Decke ausgerollt und schwupps springt mir eine Bierflasche in die Hand und schreit: „Leer mich, leer mich!“
Aaaahhhh! Herrlich! Und dann dösen, der Fluss murmelt, die Vögel krächzen monoton, und langsam versinke ich in meinen geliebten Tagtraum mit dem Thema: Wie schön wär’s Leben, wenn ich ein anderer wär. Tief in Gedanken versunken, was ich an mir alles verändern würde, wenn ich könnte, entspanne ich mich völlig und gleite hinüber in die Welt des ewigen Friedens. Aber wo Friede ist, ist Krieg nicht weit. Plötzlich taucht ein Kind neben mir auf und schlägt wütend auf seine Mama ein, weil die ihm irgendein Eis nicht kaufen will. Die Frage, warum die beiden ihren Streit in meinem Ohr ausführen müssen, bleibt vorerst ungeklärt. Missmutig schaue ich zu den beiden, die ihr Lager neben mir aufgeschlagen haben. Und missmutig schauen sie zurück.
„Sie liegen auf unserem Stammplatz“, herrscht die Frau mich an.
Ich bin ein friedliebender Mensch und biete ihr als Versöhnung ein kaltes Bier an. Weichen werde ich nicht, aber Waffenstillstand ist mein Ziel. In tiefen Schlucken trinkt sie das Bier aus, rülpst und wirft die leere Flasche hinter sich ins Gras. Ich finde sie sehr ungehobelt und streiche sie aus meiner Liste möglicher erotischer Abenteuer. Aber jetzt beginnt das Drama erst. Ihr Sohn Heinrich läuft hin und will ordnungswütig und umweltbewusst die Flasche zurückbringen. Ein Aufschrei lässt die Mutter und mich verdutzen. Und dann kommt er, der Heinrich, und hält am Schwanz eine kleine, junge, tote Maus. „Mörderin“, schreit er, „du Mörderin!“ Er will sich nicht beruhigen.
Die Mutter schreit: „Wieso bin ich eine Mörderin?“
„Die Maus lag unter der Flasche. Du hast sie mit der Flasche totgeworfen.“
Schuld zuckt durch ihr Gesicht. Und als ob man so etwas wiedergutmachen könnte, kramt sie aus seiner Spielzeugtasche eine Kinderschaufel und sagt: „Komm, wir begraben die Maus.“
Zu mir sagt sie: „Sie können ja ein Kreuz basteln.“
Während sie ein kleines Loch aushebt, binde ich mit einem Bindfaden zwei Stöckchen zu einem Kreuz zusammen. Heinrich meckert: „Der Querbalken ist zu lang“, also breche ich ihn an beiden Enden etwas ab. Die Maus wird ins Erdloch gelegt, Erde drübergeschüttet, mein Kreuz reingesteckt. Die Mutter schlägt augenzwinkernd einen Leichentrunk vor. Ich reiche ihr mein vorletztes Bier, wir stoßen an, und brav und durchaus lernfähig gibt sie mir bald darauf die leere Flasche zurück. Und auch die Mordwaffe reicht sie mir schweigend, während Heinrich immer noch weint und seine Trauer nicht unter Kontrolle kriegt. Die Mutter tröstet ihn: „Die Maus ist jetzt im Himmel.“
Heinrich brüllt theologisch ausgefuchst: „Im Himmel sind nur Menschen!“
Die Mutter blickt ratlos auf mich. Mit sicherer Miene erkläre ich Heinrich, die Maus sei jetzt im Mäusehimmel. Heinrich mag mich nicht, das spüre ich sofort, denn er brüllt mich an: „Du Blödmann. Es gibt keinen Mäusehimmel.“ Und er schiebt gleich nach: „Es gibt nur eine Mäusehölle.“
Das ist mir zu spitzfindig und ich halte mich ab jetzt raus. Diskussionen über Himmel und Hölle eignen sich nicht für einen herrlichen Sommertag.

Veröffentlicht unter Blog, Papagalli erzählt

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