Papagalli erzählt über Mutation

 

♦ Als ich auf einem Spaziergang durch den hiesigen Stadtpark herumschlenderte, beschäftigte ich mich aus heiterem Himmel mit dem Thema „Nur der Stärkere überlebt“. Da traf ich Knackl Heinz-Eberhard, der auf einer Parkbank saß. Heinz-Eberhard tätschelte mit seiner Hand auf den leeren Platz rechts neben sich, und da er links neben sich ein Sixpack stehen hatte, setzte ich mich zu ihm. Wir knallten die Flaschen aneinander und gurgelten das Wohlgetränk entspannt in uns hinein.
„Heinz-Eberhard“, schrie ich, „was machst du denn so? Man sieht dich kaum noch.“
Er brummte: „Ich arbeite als Hilfsgärtner in der Villa Schimmelpfennig.“
„Schimmelpfennig“, sagte ich nachdenklich, „die haben doch Geld wie Dreck!“
„Kannste mal glauben. Weißt du, was die sich halten?“
„Nö“, sagte ich wahrheitsgemäß, „ein Rudel Windhunde?“
Er lachte: „Nee, die ham ’nen Affen.“
„Hä?“, röhrte ich.
„Ja, so’n kleinen Affen. Hat ’n großes Gehege draußen im Garten, da springt er rum, klettert und so. Und wenn er sich draußen den Arsch abfriert, dann geht er einfach rein. Da hat er auch ’n Gehege. ’N ziemlich großes. Aber soll ich dir was erzählen?“
„Ja, erzähl was!“
„Neulich isser aus dem Innengehege abgehauen, hat auf den Perserteppich geschissen, die Vorhänge abgerissen und ist auf ’ne Herdplatte gehüpft, die noch heiß war.“
Heinz-Eberhard und ich tranken noch Bier. Nach der dritten Flasche kamen wir ins Diskutieren. Zwar kannten wir uns mit Genen nicht genau aus, aber das tut doch nichts zur Sache. Wer kennt sich denn da schon aus? Auf jeden Fall hatte sich Knackl Heinz -Eberhard schon mit der Materie beschäftigt, denn er trumpfte rein gesprächsmäßig ziemlich auf. Ich beneidete ihn etwas um seinen Gedankenstrunk, konnte ihm aber stellenweise nicht mehr ganz folgen. Jedenfalls legte er los: „Affen haben 24 Chromosomen, die Menschen nur 23.“
„Wieso das denn?“, fragte ich.
Er erklärte: „Durch einen genetischen Unfall sind beim Menschen zwei Chromosomen zu einem verschmolzen. Und nun meine Frage: Sind Affen uns Menschen überlegen?“
Ich musste lachen und knuffte ihn freundschaftlich in den Oberarm. „Heinz-Eberhard, das ist doch nicht dein Ernst!“, sagte ich.
Aber völlig humorlos blickte er mich aus trübblauen Augen an und nuschelte: „Affen haben eine Hemmung, Bomben aus dem Flugzeug abzuwerfen. Affen haben eine Hemmung, mit Panzern zu fahren und rumzuballern. Affen haben eine Hemmung, Menschenversuche zu machen.“
Ich fragte: „Was willst du mir damit sagen? Du hast doch sicher eine Aussage im Sinn. Ich kapier das alles nicht.“
Heinz-Eberhard nuschelte weiter: „Stellen wir uns mal die Erdbevölkerung als Affen vor. Ziemlich gemütliche Stimmung. Aber dann passiert eines Tages eine genetische Katastrophe: Einigen Affen wächst ein riesiger Tumor im Kopf. Als Folge davon nennen sie sich Menschen und den Tumor im Kopf nennen sie Großhirn. Dieser Tumor verändert nicht nur die Schädelform, sondern auch den menschlichen Charakter in den Charakter eines Monsters, das nur drei Ziele kennt: Macht, Macht und Macht. Dabei zerstört der Monstermensch seine eigenen Lebensgrundlagen wie reines Wasser, gesunde Luft und fruchtbare Erde.“
Ich war völlig verwirrt. Was war mit Heinz-Eberhard geschehen? War er mehr Affe oder mehr Mensch? Ich war ganz durcheinander.
Da sagte er: „Na gut, ich gebe gerne zu: Vielleicht ist mein Rückschluss falsch. Vielleicht sind wir Menschen ja wirklich die Krone der Schöpfung und sind den Affen haushoch überlegen. Schließlich können wir Dinge, von denen die Affen noch nicht einmal träumen. Zum Beispiel können wir Folter, was die armen Affen ja nicht können.“
Wir sprachen noch lange über die Unfähigkeit von Affen, sich wie Menschen zu benehmen, und unser Gespräch wurde nur hie und da unterbrochen, um ein neues Sixpack zu kaufen. Auf jeden Fall kamen wir überein, dass wir Menschen den Affen doch überlegen sind… irgendwie…

Entnommen aus: „Papagalli – Ein Verlierer erobert die Welt“ – unveröffentlichtes Manuskript von Johannes Galli.

3 Kommentare zu “Papagalli erzählt über Mutation
  1. reckhardt sagt:

    Da wäre man doch gerne wieder ein Affe

  2. Michael Wenk sagt:

    Faszinierende Perspektive: unser Großhirn als Tumor. Das Mitgefühl scheint abzunehmenen, je größer das Hirn ist.
    Vor kurzem lief wieder eine Folge des Klassikers „Planet der Affen“ im Kino, die Filmemacher sind ebenfalls der Ansicht, dass die Affen die besseren Menschen sind. Sie zeigen die ganze Palette von Gefühlen, die ein sensibles Wesen hat, während der Mensch kalt und grausam mordet.
    Michael

  3. Heidrun Ohnesorge sagt:

    …wohl auch das Sexleben der Affen ist überlegen…

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