Papagalli erzählt über Ausgestorbenes


Neulich hatte der Polzheimer Alfred eine verrückte Idee. Es war eigentlich keine Idee, es war ein Wunsch. Und was war sein Wunsch? Er wollte in einem Museum das Original Skelett eines riesigen Dinosauriers sehen. Er hatte ganz konkrete Vorstellungen von seinem Saurier. Es musste der Tyrannosaurus Rex sein, größtes fleischfressendes Säugetier aller Zeiten.
Wer den Polzheimer Alfred kennt, weiß, dass er ein Mann der Tat ist. Und was er einmal gesagt hat, das macht er auch. Der Stammtisch der Gaststätte „Zur feisten Wildsau“ schmiss das Geld zusammen. Von diesem Geld mieteten wir uns einen Bus und fuhren ins nächstbeste Museum der nächstbesten Stadt und dort standen wir dann in einem riesigen Raum, so groß wie eine Kirche. Fassungslos umringten wir das mächtige Skelett des Wirbeltiers. Es war bestimmt in der Hüfte vier Meter hoch und zwölf Meter lang.
Dann standen wir vor der Frage, ob wir zu einer Ausstellung über Hinterglasmalerei im frühen italienischen Rokoko oder zu einer Ausstellung über Portraitmalerei im späten Frühmittelalter gehen sollten. Doch inzwischen hatte sich die Kunde breitgemacht, dass das Museums Restaurant geöffnet hatte. So mussten wir keine Entscheidung treffen.
Als im Museums Restaurant die Biere vor uns standen und wir zuerst auf Polzheimer Alfred prosteten und dann auf Tyrannosaurus Rex, erläuterte uns der Polzheimer Alfred, dass die Saurier vor sechsundsechzig Millionen Jahren auf einen Schlag ausgestorben seien. Daraufhin begann eine aufgeregte Diskussion. Allerlei wild wuchernde Spekulationen über plötzliches Aussterben wurden ausgetauscht. Unkontrollierte Vulkanausbrüche – Sintflut – Eiszeit – Meteoriteneinschlag – Staubaufwirbelungen, die das Sonnenlicht auf Jahre hinaus verdunkeln und Eiseskälte nach sich ziehen – Kontinentalplattenverschiebung…
Ich muss ehrlich zugeben, das Starkbier hatte mich schnell in seinem Bann, zumal ich nicht gefrühstückt hatte. Deswegen konnte ich den Argumenten nicht genau folgen. Wir blieben bis abends im Restaurant und gingen erst, als es gegen 20 Uhr schloss. Als wir uns dann grölend noch einmal ausgiebig von Tyrannosaurus Rex verabschieden wollten, wurden wir von der schnell herbeigerufenen Polizei daran gehindert. Freundlicherweise geleiteten uns die Herren zu unserem Bus. Viele von uns mussten getragen werden. Ich war ganz stolz, denn ich konnte noch selbst gehen.
Im Bus hatte ich ein angeregtes Gespräch mit dem Gussmaschl Heinz. Der ärgerte sich sehr über die Tatsache, dass allein in diesem Jahr achthunderteinundsechzig Tierarten vom Aussterben bedroht sind, wie er stirnrunzelnd sagte. Er ärgerte sich sogar so sehr, dass er wieder nüchtern wurde. Ich ärgerte mich nicht so sehr. Heinz redete sich in Rage und schrie mir drei Beispiele an kürzlich endgültig ausgestorbenen Tierarten so laut ins Ohr, dass der ganze Bus sich nach uns umdrehte. Und was schrie er: „Der Mauigimpel – ausgestorben! Der Europäische Landblutegel – ausgestorben! Der Panamastummelfußfrosch – ausgestorben!“
Jetzt erhob sich Gussmaschl Heinz und gab sich kämpferisch. Er ballte die Faust und rief: „Und was ist die Ursache?“
Ich blickte beschämt zu Boden. Die anderen wahrscheinlich auch. Und deswegen schrie er seine Antwort in heiligem Zorn mit donnernder Stimme in den dröhnenden Bus hinein: „Die Ursache heißt: Der Mensch! Der Mensch braucht immer mehr Platz. Und da Tiere nicht sprechen können, keine Grundstücksverträge haben, keine Armee haben, überhaupt ehrlich gesagt recht schlecht organisiert sind, nimmt der Mensch sich einfach, was er braucht. Und das ist vor allem Lebensraum, immer mehr Lebensraum… Und wenn der Mensch vom einen Lebensraum in den nächsten weiterzieht, hinterlässt er unbewohnbare Müllplätze.“
Erschöpft ließ er sich neben mir in den Sitz fallen. Er war vor lauter Aufregung knallrot im Gesicht und sein Atem ging schwer. Nach einer Weile fragte er mich, was ich davon hielte. Inzwischen auch ausgenüchtert antwortete ich bedächtig, dass er Recht habe im Allgemeinen. Dass ich aber ehrlich mit ihm sein will: Weder das Aussterben des Europäischen Landblutegels noch das Aussterben des Mauigimpels oder gar das Aussterben des Panamastummelfußfrosches würden mich vom Hocker reißen.
Traurig blickte er zum Busfenster hinaus in die dunkle Landschaft und stöhnte dann: „Jaja, der abgestumpfe Mensch lässt sich durch nichts mehr schockieren.“
Ich glaube, er meinte mich. Er schüttelte den Kopf und seine Augen saugten sich an der vorüberziehenden Dunkelheit fest. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen.

Veröffentlicht in Blog, Papagalli erzählt
Ein Kommentar zu “Papagalli erzählt über Ausgestorbenes
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Achthunderteinundsechzig ausgestorbene Tierarten versus wieviele noch unbekannte/unentdeckte Tierarten ? Alles ist vergänglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*