Kurzgeschichte: Norbert das Schaf

 

♦ Norbert war ein typisches Schaf. Ein Herdentier ohne ausgeprägten Individualismus und auch sonst ohne großes Interesse an sich selbst.
Gut, er war im Hammelchor. Dort blökte er aber eher lustlos mit. Er hätte gerne Tenor geblökt, musste aber Bass blöken. Das ging ihm gegen den Strich. Ansonsten war er ein typisches Herdentier, folgte langsam den Befehlen des Schäfers und schnell denen des Schäferhundes, der bezeichnenderweise Fersenbiss hieß.
Der Schäfer hieß Ferdinand. Sein Nachname war nicht überliefert. Unglücklicherweise entwickelte Ferdinand eine Schafwollallergie. Ihm rotzte die Nase, tränten die Augen und er hustete sich fast die Lunge aus dem Leib.
Die Schafe konnten das kaum mitansehen. Vor allem Norbert wollte Ferdinand trösten. Doch als er ihm nahekam, wurde alles noch schlimmer. So ist das oft bei den Menschen: Trost macht meist alles noch schlimmer.
Zum Bedauern aller Schafe schmiss Ferdinand seinen Schäferjob hin. Die Allergie, wahrscheinlich ererbt, war einfach zu stark. Er ließ sich umschulen und wurde Biologielehrer an einem Mädchen Gymnasium. Wenn Ferdinand morgens in die Klasse kam, so erinnerten die Mädchen ihn an seine Schafherde. Er ließ sich nichts anmerken. Doch schon bald wollte er wieder zurück zu seiner echten Schafherde.
Eines Abends war Ferdinand auf dem Weg zur Dorfschenke. Ja, er war alkoholgefährdet. Weniger durchs Bier als durch den hervorragenden Obstschnaps. Da saß hinter einem Gebüsch am Wegesrand Norbert, der auf ihn gewartet hatte, und es entspann sich folgender Dialog: „Na, Norbert?“
„Na, Schäfer?“, antwortete da Norbert.
„Wie geht’s?“
Norbert antwortete ehrlich: „Schlecht.“
„Warum?“
„Du fehlst uns.“
Das traf Ferdinand ins Herz. Als dann auch noch Norbert mit tränenerstickter Stimme blökte: „Komm zurück und führe uns“, da war’s um Ferdinands Gleichmut geschehen und er versprach Norbert, zur Herde zurückzukehren. Der Führer in ihm war erwacht. Jaja, wenn der Führer erwacht…
Norbert sprang auf wie wild, schrie: „Yeah, yeah, yeah!“, tanzte seinen berühmten Hammeltanz, düste dann den Hang hinab zur Herde und schrie schon von weitem: „Ferdinand kommt zurück.“
Da schrien alle Schafe: „Yeah, yeah, yeah“ und begannen sofort, einen gemeinsamen Tanz zu choreographieren für den Moment, wenn Ferdinand zurückkommen sollte. Außerdem wollten sie ihren Chor präsentieren und sie probten die ganze Nacht.
Am nächsten Tag war es dann soweit. Unter frenetischem Jubel der Schafherde kehrte Ferdinand zurück. Er musste weinen. Aber nicht aus Allergie, sondern aus Rührung. Jaja, so sind die Menschen. Am meisten freut sie es, wenn andere sich über sie freuen.
Ferdinand erwies sich Norbert gegenüber dankbar. Als erstes sorgte er dafür, dass Norbert im Chor nicht Bass, sondern Tenor blöken durfte. Zweitens wies Ferdinand den Schäferhund Fersenbiss an, auf keinen Fall Norbert anzugreifen, auch wenn dieser einmal über die Stränge schlagen sollte. Und Ferdinand ernannte Norbert zum Solotänzer. Norberts Tanzsprünge wurden legendär.
Jaja, so sind die Menschen. Wenn einer sich aus der Masse heraushebt, kann er sich vor Privilegien kaum noch retten.

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

Veröffentlicht in Blog, Kurzgeschichte
7 Kommentare zu “Kurzgeschichte: Norbert das Schaf
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Menschliche Verhaltensvergleiche sind durchaus angebracht Zum Schmunzeln lustig.

  2. Pia Magdalen sagt:

    Ferdinand hat es geschafft Brauchtum zu erwirken bei Norbert und freut sich über alles, endlich gebraucht zu werden. Kenn ich auch nur zu gut!

  3. Silvia Schyle sagt:

    eine schöne Geschichte, sie erweckt Sehnsüchte in mir, ich will auch ein „Norbert“ sein.

  4. reckhardt sagt:

    Auch ein privilegiertes Schaf bleibt ein Schaf. Wann wird meine Sehnsucht nach Menschwerden stärker als meine Schaf-Bequemlichkeit?

  5. Heidrun Ohnesorge sagt:

    Das perfekte Allergiemittel: Sei dem anderen Freude!

  6. Michael Wenk sagt:

    Wie sagte schon Dyonnis in der Bürgschaft: „es ist Euch gelungen, ihr habt das Herz mir bezwungen und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn, nehmt auch mich zum Genossen an…“
    Also, wenn es gelingt, jemanden zu rühren, so hat das eine große Wirkung und er möchte viel zurückgeben. Dionys schenkte den beiden Freunden das Leben und wollte sogar ihr Mitfreund werden, Ferdinand verwöhnt Norbert mit allerlei Sonderleistungen.
    Es lohnt sich, jemanden zu rühren!

  7. Sigrun Stiehl sagt:

    Norbert sprach im rechten Moment zu Ferdinand und dann, … sich treffen zu lassen und dann noch ins Herz!

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