Papagalli erzählt: Meine geplante Affäre mit Nachbarin Erika Bilsenkraut

Neulich rasierte ich mich, als es an meiner Wohnungstür klingelte. Ich ging und öffnete. Vor mir stand meine Nachbarin, die alleinerziehende Mutter Erika Bilsenkraut, in einem Pepita Kostüm. Das schwarz-
weiße Eckmuster stand in einem köstlichen Widerspruch zu ihren Rundungen. Erika und mich verband
ein freundschaftlich nachbarliches Verhältnis. Ich hätte gerne mehr gewollt, sie aber nicht. Immerhin duzten wir uns.
„Komm rein“, sagte ich, „ich koch uns einen Kaffee-Kognak.“
„Nein“, sagte sie, „ich bin unter Zeitdruck. Frage: Kannst du heute mit in die Schule kommen? Mein Sohn Jakob spielt in einem Schultheaterstück, und ich gehe dorthin nicht gern alleine. Begleitest du mich? Männliche Begleitung gibt mir eine gewisse Sicherheit.“
Natürlich nickte ich. Wer Erika Bilsenkraut kennt, der wird mir zustimmen: So einer Frau kann man nichts abschlagen.
„Sei um elf Uhr in der Schule“, sagte sie, drehte sich um und schritt langsam die Treppen hinab.
Ich rasierte mich fertig, machte mir ein großes Frühstück aus Schinkenspeck mit Rührei und einem Salamibrot, schmiss mir noch ein paar Bayerische Weißwürste ins kochende Wasser und dachte mir, während ich mir die Hände rieb: ‚Der Tag fängt ja gut an.’
Um zehn Uhr donnerte ich mit meinem legendären Opel Manta über die Straßen und war natürlich viel zu früh da. An einem nahegelegenen Kiosk trank ich ein eiskaltes Hefeweizen und plauderte mit Schaschlik, so nannte ich freundlich den kroatischen Kioskbesitzer, der eigentlich Stjepan Stoparic hieß. Wir plauderten uns fest. Es ging um übergreifende Themen wie zum Beispiel Krieg oder Frauen… so auf diesem Niveau…
Um elf blickte ich schockiert auf die Uhr und musste los. Überstürzt hetzte ich in die Schule, traf Erika in der Aula und nuschelte eine Entschuldigung wie: „Ich musste noch zur Arbeitsvermittlung.“
Streng sagte sie: „Ich rieche es!“
Dann begann die Theateraufführung. Schon nach einer Viertelstunde war mir klar, dass es sich irgendwie um Wilhelm Tell handeln musste. Nach einer Stunde war der Auftritt von Jakob. Er spielte den Apfel. Aber da passierte es. Er erstarrte mitten auf der Bühne, blickte hilfesuchend um sich und brachte keinen Ton heraus. Rechts und links flüsterten Regisseur und Mitspieler immer lauter auf ihn ein. Das Ergebnis war Jakobs völlige Erstarrung.
Die Aufführung konnte nicht weitergehen, wenn mitten auf der Bühne der Apfel stand und den Kontakt zu sich, zur Umwelt, zur Bühne, zum Leben verloren hatte. Drei Mitspieler, alle älter und größer als Jakob, betraten die Bühne, gingen auf ihn zu, packten ihn und trugen ihn wie ein Brett von der Bühne.
Erika neben mir wurde knallrot. Sie schämte sich für ihren Sohn. Ich wollte sie trösten und sagte ihr, das sei mir auch öfters passiert, wenn ich Schultheater gespielt hatte. Aber es tröstete sie nicht.
Als wir nach der Aufführung Jakob hinter der Bühne abholten, kam er uns entgegen, als ob nichts gewesen wäre. Er hüpfte von einem Bein auf das andere und war offensichtlich gut gelaunt. Später im Auto nervte er mich, da er andauernd den Satz wiederholte, den er im Moment, als es darauf angekommen wäre, nicht hatte sagen können. Der Satz war: „Ich bin der Apfel auf dem Kopf des Sohnes. Schieß mich entzwei.“
Ein paar Wochen später klingelte es wieder mal an meiner Wohnungstür, so während des Frühstücks. Ich hatte mir eine fette Scheibe Leberkäse von beiden Seiten angeschmort und mit einem Frühstücksbier rachenrutschig präpariert. Da erinnerte ich mich plötzlich, dass es gerade geklingelt hatte. Ich schlurfte zur Wohnungstür, vergewisserte mich noch, dass aus meinem Morgenmantel nichts heraushinge, was nicht herauszuhängen hat, schnürte mich fest zu, und das war auch gut so. Denn vor meiner Tür stand Erika Bilsenkraut, die ihren Sohn Jakob an der Hand hielt. Sie ließ aufs Allerverführerischste ihre Augenlider wimpern, lächelte mich mit frisch geputzten Weißzähnen an, und sie hielt mich mit ihrem Blick so fest, dass ich nirgends anders hinschauen konnte als in ihre Augen. Meiner einfachen Alltagsfrage, was ihr Begehr sei, mischte ich einen angedeuteten zweideutigen Klang bei. Wie üblich überhörte sie alle Zweideutigkeiten und kam sofort zur Sache.
„Jakob“, sagte sie, „muss einen Aufsatz über Bundestag und Bundespräsident und so schreiben. Ich hab von diesen Dingen keine Ahnung. Hast du Ahnung?“
Ich lächelte leicht überlegen: „Na klar hab ich Ahnung.“
„Dann lass ich heute Nachmittag Jakob bei dir. Sei so nett und hilf ihm.“
Freundlich beugte ich mich zu Jakob herunter und sagte: „Komm rein, Jakob. Dann wollen wir mal deinen Aufsatz schreiben.“
Als ich mich erhob, um mich an Erikas dankbarem Blick zu weiden, war die schon in ihrer Wohnung verschwunden. Ich nahm Jakob mit zu meinem Frühstückstisch und fragte ihn, ob er ein Bier wolle. Er sagte, er trinke prinzipiell kein Bier zum Frühstück, würde aber gern vom Leberkäse essen. Als Getränk wünschte er sich Kakao.
Nachdem er meinen ganzen Leberkäse aufgegessen hatte und an seinem Kakao nippte, spielten wir eine Runde Monopoly, eine Runde Tischfußball, hörten abgefahrene Rap Songs und spielten einige angesagte Computerspiele. Zwischendurch machten wir immer wieder kleinere Schulschauspielübungen wie zum Beispiel: „Hilfe, ich habe mein Hausaufgabenheft vergessen“. Oder die freie Improvisation über das Thema: „Mein Füller war kaputt“. Oder die Sitcom: „Mein Schulbuch ist nass geworden und die Seiten kleben aneinander“. Oder das moderne psychologische Kurzdrama: „Ich war gerade mit der Hausaufgabe fertig, da ist mein Computer abgestürzt und das Ladekabel war durchgeschmort“.
Als Erika um fünf Uhr klingelte, fragte sie Jakob, ob er jetzt alles verstanden hätte. Jakob, durch diese Verschwommenheit der Frage nicht zu einer Lüge genötigt, antwortete wahrheitsgemäß: „Ja, ich habe alles verstanden.“
Sie lächelte mir freundlich zu. Dann nahm sie ihren Jakob und ging rüber in ihre Wohnung.
Ich wollte sie auf eine Flasche Champagner einladen. Sie aber lehnte ab und gab sich verführerisch, als sie hauchend gurrte: „Ein andermal vielleicht.“
Ich dachte bei mir: ‚Na gut, ein andermal vielleicht.’
Vor kurzem klingelte es endlich mal wieder an meiner Wohnungstür. Es war mittags gegen eins und ich hatte im ersten Moment keine Ahnung, wer mich um diese nachtschlafende Zeit besuchen wollte. Ich blickte durch den Spion und sah Erika Bilsenkraut. Ich riss die Tür auf, und da stand sie vor mir in ihrer vollen weiblichen Pracht.
Ich fragte sie: „Was kann ich für dich tun?“
Geheimnisvoll lächelte sie: „Vieles.“
Aber da sie ihren schmächtigen zehnjährigen Sohn Jakob an der Hand hielt, wusste ich, dass sie wieder nur ersatzväterliche Hilfestellung von mir brauchte.
‚Na ja’, dachte ich, ‚das Herz einer Mutter erreichst du nur über ihren Sohn.’
Und da wurde sie auch schon konkret: „In einer Woche sind Bundesjugendspiele. Das sind Sportwettkämpfe, die in allen Schulen durchgeführt werden. Jakob hat Angst, dass er verliert und ausgelacht wird. Nun meine Frage: Könntest du mit ihm eine Woche trainieren, um dem Schlimmsten vorzubeugen?“
Lachend bat ich sie auf einen Irish Coffee herein, damit sie mich ausführlich vorbereiten könne. Sie zog es vor, im Stehen eine Kurzinfo abzugeben, und sagte: „Im Kugelstoßen ist er sehr schwach. Frag nicht, wie oft ihm die Kugel schon auf den Fuß gefallen ist. Im Weitsprung schafft er den Sprung nicht mal in die Sandgrube. Bei Langstreckenlauf hat er nach wenigen Metern Seitenstechen.“
Da grinste ich Jakob aufmunternd an und sagte: „Dann bist du sicher gut in Kurzstrecken.“
Mama Erika kommentierte lapidar: „Die Strecke kann für ihn gar nicht kurz genug sein.“
Gute Stimmung verbreitend sagte ich: „Ich habe heute Nachmittag zufällig Zeit, da können wir ein Stündchen trainieren.“
Erika lächelte mich freundlich an und ein leichtes Beben durchzitterte ihren Oberkörper, als sie sagte: „Das ist sehr nett von dir. Und wenn du dir eine Woche lang jeden Mittag drei Stunden für sein Training freihalten kannst, wäre ich dir sehr dankbar.“
Sie ließ mir Jakob da, und er und ich beschlossen, erst mal ausführlich zu frühstücken.
Er wünschte sich Frikadellen. Ich beglückwünschte ihn zu diesem Beschluss und erklärte ihm hackfleischknetend, dass gute eiweißreiche Kost die Basis für jedes ernstzunehmende Training sei. Ich kaufte später noch einen Streuselkuchen, achtete aber streng darauf, dass er einen halben Liter Milch dazu trank. Wir sahen uns noch einige Sportfilme an, anhand derer ich ihm verschiedene Lauftechniken erklärte. Gegen Abend beschlossen wir, dass wir mit den Ergebnissen des ersten Trainingstages sehr zufrieden waren. So ging es die ganze Woche.
Am Montag war es dann so weit. Ich begleitete ihn. Er hatte einen neuen Trainingsanzug bekommen, neue Turnschuhe, und seine Brille war mit einem Gummiband um seinen Kopf befestigt. Wir wollten vermeiden, dass beim Sprint der Fahrtwind seine Augen reizte. Ich will es kurz machen. Am Ende seines dreihundert Meter Dauerlaufes ließ er sich ins Gras fallen und schrie: „Ich bin ein verdammter scheiß Verlierertyp!“
Erika weinte, weil sie wusste, dass er verdammt noch mal Recht hatte. Ich versuchte es pädagogisch sinnvoll mit positiver Affirmation und sagte: „Jakob, du bist kein Verlierer.“
Da schnauzte er mich an: „Woher willst du das wissen? Du bist doch selbst einer!“
Nach einem Seitenblick auf Erika fühlte ich, dass unsere so schön geplante Affäre irgendwie endgültig nicht anfangen würde.

Veröffentlicht unter Blog, Papagalli erzählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Galli goes Twitter!

Folgen Sie jetzt Johannes Galli auf Twitter:

Home

Schlagwörter