Kurzgeschichte: Margot die Weinbergschnecke


Margot hieß die Weinbergschnecke, die ein ziemlich zufriedenes und recht üppiges Leben führte. Einmal war ihr Leben doch sehr in Gefahr. Aber es ging gut aus.
Was war geschehen?
An einem schönen Herbsttag kroch Margot so durch den Weinberg. Eine ganze Traube mit den dazugehörigen Blättern war zu Boden gefallen, und Margot nutzte die Gelegenheit und schlug sich den Bauch mit Weinblättern voll.
Oh, das war ein Schmaus.
Aber wie nur allzu oft im Leben kam nach dem fetten Schmaus das bittere Erwachen. Es war nämlich Weinlese. Viele Weinbäuerinnen der Umgegend schnitten die Trauben von den Reben, hoben auch Trauben vom Boden auf und warfen alles gemeinsam in eine Schüssel. So auch Jutta Schleißheimer. Und genau diese sah nicht, dass Margot auf der Traube saß.
Warum war Jutta so gedankenverloren, dass sie nicht bemerkte, dass sie eine Weinbergschnecke mit in die Schüssel warf?
Ihr ältester Sohn, Hans-Josef Schleißheimer, war in der Schule in Mathematik und Physik so schlecht, dass er wahrscheinlich sitzenbleiben würde. Und das belastete sie sehr. Wie oft hatte sie gesagt: „Spielt weniger und lernt mehr!“, denn auch Irmgard, ihre Tochter, war kein Ass in der Schule. Außerdem wollte sie dem Hans-Josef zu Weihnachten ein Moped schenken und wusste nicht, woher sie das Geld
nehmen sollte. Ach ja, alleinerziehende Mütter haben es schwer.
Dann kam der Büttenträger Adalfuns Perlsau, der einen großen Plastikeimer auf dem Rücken trug, den man Bütte nennt, und alle Weinbäuerinnen leerten ihre Schüsseln in die Bütte. Noch bemerkte die Margot nicht die Gefahr, in der sie schwebte. Im Gegenteil. Mit vielen anderen Trauben und auch Blättern landete sie in der großen Bütte. Der Büttenträger Adalfuns trug dann die Bütte zum Traktor, auf dessen Anhänger das große Fass Manfred stand, das oben offen war. Da hinein leerte Adalfuns die Unmenge Trauben, und dann ging‘s ab in die Presse Heike.
Und jetzt wurde es für Margot gefährlich. Denn die Menschen interessierten sich ja nicht für die Trauben, sondern für den Traubensaft. Und den mussten sie ja aus den Trauben quetschen. Und Heike kannte kein Erbarmen. Sie zerquetschte alles, was ihr zwischen die Finger kam. Als Margot in die Presse umgeladen wurde, schrie sie auf. Denn jetzt erkannte sie die Gefahr, die auf sie zukam. Sie brüllte verzweifelt um Hilfe. Aber wenn eine Schnecke brüllt, dann hört das niemand.
Trotzdem hatte Margot Glück im Unglück.
Jakob Perlsau, der Besitzer des gleichnamigen Weingutes, prüfte die Qualität der Trauben, indem er sich über Heike beugte und mit einem Glas den Traubensaft, der zur Gärung freigegeben werden sollte, auffing, um ihn dann mit geübtem Gaumen zu probieren. Dabei fiel sein Blick auf Margot. Er packte sie und warf sie achtlos auf den Boden. Er wollte keinen Schneckengeschmack in seinem Wein. Margot machte sich so schnell wie möglich auf die Flucht. Und schon nach wenigen Tagen gelangte sie in den zehn Meter entfernten Garten. Dort änderte sie ihre Essgewohnheiten radikal und fraß nur noch Rübenkraut und Kartoffelkraut. Naja, schmeckt auch ganz gut.
Jaja, manchmal muss man seine Heimat verlassen. Aber es gibt einen Trost: In der Fremde schmeckt‘s auch ganz gut.

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

2 Kommentare zu “Kurzgeschichte: Margot die Weinbergschnecke
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Die Moral der Geschichte: Zurück ins Leben und der Bescheidebheit

  2. Monika Tisowsky sagt:

    Puh, bin erleichtert, dass Martin Perlsau die Margot nicht getötet hat, sondern nur achtlos auf den Boden geworfen hat.

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