Kurzgeschichte: Regula die Wäscheklammer

♦ Regula hieß eine Wäscheklammer. Sie war auffallend rot und aus Plastik und gehörte also zur modernen Generation. Im weitesten Sinne war sie mitverantwortlich, dass die altbekannten
Holzklammern aus dem Verkehr gezogen worden waren und aus profitablen Gründen nur noch Plastikwäscheklammern produziert wurden. Regula gehörte zum Haushalt der aus Kroatien eingewanderten Familie Stopovic. Aber ihr Leben war recht eintönig. Mal klemmte sie Wäschestücke auf die Leine, mal lag sie arbeitslos im Wäscheklammersack, und so ging das hin und her.
Aber bald sollte Schwung in ihr Leben kommen. Wie konnte das geschehen?
Die Familie Stopovic erhielt eine größere Wohnung am Stadtrand, und in die Wohnung, zu der die zurückgelassene Wäscheklammer Regula gehörte, zog Uwe Stummnack, ein nicht ganz sympathischer Zeitgenosse, ein. Uwe wusch aber nicht selbst, sondern ging zu diesem Zwecke in Rita‘s Waschsalon, der bei ihm um die Ecke war. Dort plauderte er oft mit Rita, während seine Wäsche im Wäschetrockner umhergeschleudert, heiß angepustet und trocken ausgespuckt wurde. Uwe war weder redegewandt noch charmant, aber Rita plauderte mit ihm aus Kundenbindungsgründen.
Uwe war nicht vermögend und konnte sich also kein Auto leisten. Er war auf sein Fahrrad angewiesen. Als er eines Morgens zur Arbeit musste, er arbeitete im Büro einer Landwirtschaftsmaschinenfabrik, die ihren Profit durch einen regen Export in südliche EU Länder erwirtschaftete, fand er seine übliche Hosenklammer nicht. Durch eine latente Einsamkeit bedingt, sprach Uwe häufig mit sich selbst. Und also sagte er laut zu sich: „Wenn ich die Hosenklammer nicht finde, dann nehme ich eben so eine blöde Wäscheklammer.“
Oh, das hätte er nicht sagen sollen. Das mochte Regula gar nicht. Von Männern, die es im Leben zu nichts bringen, auch noch beleidigt zu werden. Aber vorerst ließ sie sich nichts anmerken. Scheinbar willig ließ sie sich ans Hosenbein klammern. Wer genau hingeschaut hätte, hätte gesehen, dass sie grinste. Denn sie hatte einen Plan.
Kaum war Uwe losgeradelt, wartete Regula auf den richtigen Moment. In einer Kurve sprang sie dann einfach ab und versteckte sich im Straßengraben. Dort hörten wir den folgenden Dialog: Ein Frosch nämlich sprach sie schüchtern an, übrigens hieß er Werner, und stellte fest: „Ich bin grün und du bist rot. Das ist doch eine tolle Kombination.“
Regula lächelte. Noch nie hatte sie jemand ihrer Farbe wegen angeschmeichelt.
Werner sagte: „Du wirst mein Klemmschwert.“
Regula fragte: „Was muss ich dann tun?“
„Mit dir klemm ich meinen Feinden, den Kröten, die Pfoten zu.“
Regula nickte und stimmte zu. Werner der Frosch steckte sie an seinen Gürtel und war seitdem unbesiegbar.
Zurück zu Uwe. Der bemerkte Regulas Verschwinden nicht, die Hose geriet in die Kette, das Rad blockte, und Uwe fiel auf die Fresse.
Ihm passierte nicht viel. Aber es hätte schiefgehen können. Er suchte nicht weiter nach Regula, denn sie war ihm inzwischen gleichgültig. Er steckte die Hose in den hochgezogenen Strumpf und murmelte etwas wie: „Ich brauch die blöde Wäscheklammer nicht.“
So sind die Menschen: Erst brauchen sie einen, dann brauchen sie einen doch nicht. Naja…

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

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