Kurzgeschichte: Peter der Luftballon

♦ Peter hieß ein gelber Luftballon, der eigentlich ein recht gemütliches Leben hätte führen können. Aber Peter hatte eine ganz quälende Eigenschaft entwickelt. Er fühlte sich überflüssig. Ach, wie beneidete er
die Gabel-Erika, die köstliche Fleisch- oder Kartoffelbrocken aufspießte und dem Esser zum Mund führte, oder den Löffel-Horst, der die Suppe literweise in Münder einschäufelte. Ja, sogar auf den Klopapier-Norbert war er neidisch. Denn alle erfüllten einen Sinn. Er, Peter der Luftballon, aber nicht. Dieses Gefühl, vollständig überflüssig in der Welt zu sein, konnte manchmal so stark werden, dass es ihn würgte. Dann bekam er keine Luft mehr und konnte also auch nicht mehr aufballonieren, was wiederum sein Gefühl völliger Überflüssigkeit verstärkte.
Auch an Fastnacht besserte sich sein Zustand nicht. Ach, wie beneidete er die Papierschlangen, bei deren angeblasenem Aufrollen die Kinder jauchzten. Und das Konfetti, das mit ziemlich wuchtigem „Helau“ durch den Saal geschnalzt wurde. Na gut, das eine oder andere Kind versuchte auch, mit Peter die lustige Stimmung weiter aufzuheizen, blies ihn auf und ließ ihn dann im Zick-Zack durch die Gegend furzen. Aber so richtig lustig fand das niemand. Nachdem sein Zick-Zack-Gefurze kein Schwein mehr interessierte, wurde Peter aufgeblasen, zugewürgt und an einer Lampe aufgehängt. Von dort her sollte er gute Stimmung verbreiten. Aber wer verbreitet schon erwürgt und aufgehängt gute Stimmung? Sei‘s drum! Vielleicht war Peter sogar die Ursache dafür, dass die Nachbarin Brigitte Wensauer ihre Scham überwand und mit dem Metzger Gesellen Kai Maxendonck in eine dunkle Ecke verschwand und dort versuchte, der Evolution der Menschheit zu dienen? Es bleibt ungewiss. Peter war nicht glücklich, aufgeblasen herumzuhängen. Aber besser als unaufgeblasen in einer dunklen Schublade zu liegen, war es allemal. Er gab sich aufgrund einer ererbten Verhaltensstörung trüben Gedanken hin. Ach, dachte Peter. Wer trauert schon, wenn ich platze? Wenn ich als Gummifetzen in der Welt hänge? Wer wird mich vermissen? Manchmal dachte Peter noch an den witzigen Moment, als der sturzbetrunkene Kai Maxendonck ihn als Verhütungsmittel einsetzen wollte. Aber Peter war nun einmal kein Verhütungsmittel, sondern ein Luftballon, der an Überflüssigkeitsgefühlen litt.
Da kann man machen, was man will. Wenn dieses Gefühl einmal in die Psyche Einzug gehalten hat, dann hängt es fest. Der Weg zum Therapeuten wird unausweichlich. Das musste auch Peter einsehen. Also überwand er seinen Stolz und ging zum Therapeuten.
Der Therapeut selbst war auch ein Luftballon. Er hieß Dr. Emanuel Possenschnalz und hatte unter anderem Etymologie und Ethnologie studiert. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Warum Naturvölker überflüssig sind“ war abgelehnt worden. Aber eine Erlaubnis, andere Luftballons zu therapieren, wurde ihm teilweise erteilt.
Peter war anfangs auch zufrieden mit seinem Therapeuten. Das Ende der Therapie allerdings war, als beide weinten und ihre Überflüssigkeit beklagten.
Ja, so ist der Mensch. Wenn er sich erstmal überflüssig fühlt, holt ihn keine Macht der Welt mehr aus diesem Gefühl heraus.
Schade!

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

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