Kurzgeschichte: Olaf der Keim


Olaf hieß der Keim, der erst seit kurzem in dem Küchenschwamm Adolf lebte und auf Arbeit wartete. Olaf war recht faul. Oder man könnte auch sagen inaktiv.Zacharias Morgenstern war der stolze Besitzer des Küchenschwamms Adolf und auch der ganzen Wohnungseinrichtung. Zacharias hatte einen Posten beim Finanzamt und war ein gefürchteter Steuereintreiber.
Eines schönen Morgens klemmte sich Zacharias, als er den Schrank verrücken wollte, seinen Mittelfinger und hatte eine kleine Quetschwunde davongetragen, die nur wenig blutete. Nennen wir den Mittelfinger ruhig Baldur, er hieß nämlich in echt auch so. Zacharias ging zum Spülstein und nahm gedankenverloren Adolf zur Hand, träufelte Wasser auf Adolf und wischte sich Baldur, wie er glaubte, mit frischem Wasser ab.
Jetzt war die Stunde Olafs gekommen. Olaf feixte, sprang in die Quetschwunde und blühte auf. Zum ersten Mal in seinem jungen Leben spürte er Sinn und Kraft im eigenen Tun.
Für Zacharias lief der Alltag weiter wie gewohnt. Ein bisschen einsam war‘s bei ihm in der Wohnung, aber wer eine gute Flasche Erbacher Riesling zu schätzen weiß, der kommt über jede Einsamkeit hinweg. Wir könnten hier noch eine ganze Menge von Weinen aufzählen, die sich in Zacharias‘ Keller versammelt hatten. Aber wir müssen uns anstrengen, bei der Hauptgeschichte zu bleiben.
Dass sein Mittelfinger Baldur geschwollen war, fiel Zacharias nicht weiter auf. Auch als Baldur flüsterte: „Hilfe, ich bin entzündet“, schenkte er ihm kein Gehör.
Dann kam das Fieber. Was war geschehen? Olaf konnte sich vermehren, ohne sich an die langwierigen Prozesse zu halten, die bei uns Menschen nötig sind: Umständliches Balzen, heftiger Liebesakt, unglückliche Schwangerschaft, schmerzhafte Geburt… Das alles entfällt bei Keimen. Sie zerteilen sich einfach. So wurden aus Olaf bald zwei Olafe und dann vier Olafe und dann sechzehn Olafe… und das ging immer weiter so.
Zacharias‘ zufällig vorbeistreunende Großmutter, nennen wir sie der Einfachheit halber Oma, war entsetzt. Laut schrie sie: „Auf diesen Finger passt kein goldner Ehering. Wie willst du jemals heiraten?“
Zacharias wollte antworten, dass der Ehering am Ringfinger getragen würde. Aber er verbiss sich die Bemerkung.
Inzwischen hatten die Olafe die Millionengrenze überschritten. Zacharias ging zum Arzt. Aus Gründen der Schweigepflicht bleibt dieser Arzt ohne Namen. Der Arzt rief einen Notarzt, und Zacharias wurde in die Intensivstation des städtischen Kreiskrankenhauses eingeliefert. Sepsis, also Blutvergiftung, lautete die knallharte Diagnose. Und während Zacharias schon im Koma lag, kam es zur Entscheidungsschlacht: Das Heer der Olafe gegen die massenweise eingeführte Antibiotika Armee. Die Schlacht wogte hin und her. Dann endlich hieß es: Sieg für die Antibiotika. Aber gab es auch ein Heer von millionen toten Olafen, einige überlebten. Sie zogen sich ins Gewebe zurück, tarnten sich und warten bis heute auf ihren nächsten Einsatz.
Aber im Moment war Zacharias gerettet, und er schwor sich, nie mehr Möbel zu rücken.
Jaja, so sind die Menschen. Erst kümmern sie sich um nichts und zu guter Letzt landen sie auf der Intensivstation.

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

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