Kurzgeschichte: Ingrid die Stubenfliege


Ingrid war eine gemeine Stubenfliege, die mit sich nicht zufrieden war. Viel lieber wäre sie eine Stechmücke oder eine Wespe gewesen. Oder eine Biene hätte es auch getan. Auf jeden Fall irgendein Insekt mit giftigem Stachel. Denn es hat doch was: So klein zu sein und denMenschen mit einem einzigen Stich so viel Schmerzen zuzufügen. Aber trotz all ihrer Stachelträume blieb sie am Ende doch eine ganz normale gemeine Stubenfliege. Sie wünschte sich, vielleicht als Ausgleich für ihre langweilige und stachellose Existenz, eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, vielleicht mit einem Stechmück oder mit einem Bienerich oder sogar mit einem wilden Wesp. Naja, Mädchenträume… Aber Mädchenträume sind nicht da, um in Erfüllung zu gehen, sondern um Träume zu bleiben. Das musste Ingrid bemerken, als eines Tages Thorwald, die grün schillernde Schmeißfliege, oder sollen wir korrekterweise sagen der schillernde Schmeißflieg, in ihr Leben eintrat beziehungsweise einflog. Thorwald hatte auf einem Misthaufen im Garten gewohnt. Und der Zufall, wie übrigens immer der Zufall Verliebtheit stiftet, hatte ihn in die gute Stube geführt, in der Ingrid schmachtete. Thorwald begann sofort mit seinem Liebeswerben. Die Liebe hatte ihn überrascht, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu waschen. Völlig ungewaschen kam nicht gut an bei der sehr gepflegten und auf Hygiene bedachten Ingrid. Das begriff Thorwald sofort, flog ins Bad, stürzte sich ins Klo, badete dort ausgiebig, shampoonierte sich gründlich ein und duschte dann unterm Wasserhahn. Dann raste er wie verrückt durch die Gegend, und der Fahrtwind, besser gesagt Flugwind, trocknete ihn schnell. Nun flog er zurück und zeigte sich der Ingrid.
Wer jetzt erwartet hat, die hochnäsige Stubenfliege würde dem aufdringlichen Thorwald einen Korb erteilen, der kennt die weibliche Psyche nicht. Sehr genau verstand Ingrid das Sprichwort: In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und also gab sie, wenn auch zögerlich, dem Thorwald ihr Ja-Wort. Ingrid aber schwor, dass sie sich niemals diesem Schmeißflieg unterordnen würde. Und so kam es auch. Die beiden unternahmen nicht viel zusammen. Um ein Beispiel zu nennen: Setzte sich Thorwald der Schmeißflieg auf ein Nürnberger Rostbratwürstchen, um dort zu schmausen, flog Ingrid die Stubenfliege auf den Küchenschrank, setzte sich auf ein klebriges Honigglas, dessen Verschluss kaputt war, und genoss die Süße des Lebens.
Das Leben aber will eher die Versöhnung als die Trennung. Und so geschah es, dass Katharina Rosenschwenk, eine früh verwitwete Gärtnerin, die sich auf die Aufzucht von Tulpen spezialisiert hatte, eines Tages Thailändisch kochte. Das heißt, sie briet sich einen Hähnchenschenkel und übergoss diesen mit süß-saurer Soße, die sie beim Thailänder gekauft hatte. Als sie dann für einen kurzen Moment aus der Küche ging, um den Gartenschlauch abzustellen, mit dem sie ihre Tulpen benetzte, geschah es: Ingrid und Thorwald flogen sofort auf den Teller, setzten sich beide auf die süß-saure Soße und zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit speisten sie gemeinsam. Und es war gar nicht so schlimm, wie es sich Ingrid vorgestellt hatte. Na also, es geht doch!
Jaja, so ist der Mensch. Sieht‘s am Anfang auch noch so schlecht aus, kann‘s am Ende auch doch noch ziemlich gut werden.

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

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