Kurzgeschichte: Hermann der Waldbrand

♦ Hermann hieß ein Waldbrand, der bislang nur als Möglichkeit bestanden hatte. Was braucht ein kräftiger Waldbrand, damit er Wirklichkeit werden kann? Tagelange Hitze, getrocknete Sträucher, trockene Bäume, dann eine achtlos weggeworfene Zigarette, einen Windstoß, und wenn diese Faktoren günstig zusammentreffen, entsteht aus der Möglichkeit ein nicht zu unterschätzender Waldbrand.
Wir Menschen machen uns das oft nicht klar, dass alles, für das eine Möglichkeit besteht, eines Tages wirklich geschehen kann.
Natürlich dachte Henry Henkel nicht daran, dass er einem Waldbrand die Möglichkeit zur Verwirklichung ebnen würde. Aber an diesem Morgen, es war in der großen Hitzewelle, die aufgrund des Klimawandels Jahr für Jahr stärker wurde – auch hier gilt das unerschütterliche Gesetz: Alles, was heute möglich ist, wird morgen geschehen – war Henry schlecht gelaunt. War es der Restalkohol von zwei Promille? Oder war es eine Denkfaulheit, die er sich in der Volksschule erworben hatte? Oder war es vererbt? Wir wissen nur, dass er gedankenverloren Ronald, die Zigarette, die eigentlich eine Zigarre sein wollte, ins Gebüsch warf. Ein Windstoß, nennen wir ihn ruhig Armin, entfachte die Glut. Als Henry Henkel das Feuer brutzeln sah, war er mit einem Schlag hellwach. Sofort dachte er nach, woher er Löschwasser bekommen könnte. Er erwog die Eigenproduktion, aber da er sich in der vergangenen Nacht öfters entleert hatte, hatte er, wie man so schön sagt, nichts drauf. Wie ein gehetztes Tier blickte Henry um sich und dann lief er einfach auf und davon.
Jaja, so sind die Menschen. Erst machen sie Unfug und dann hauen sie ab, weil sie die Verantwortung für ihre Tat nicht tragen wollen.
Während Henry Henkel feige floh, baute sich Hermann der Waldbrand mächtig auf. Ach, wie ihm das trockene Holz schmeckte. Er loderte vor Lust. Rot und gelb flammte er himmelschreiend auf, fett und groß und vor allem heiß und rauchig. Und wer genau hineinhörte in das Knistern und Zischeln und Knacken, der konnte hören, wie Hermann rief: „Hier kommt Hermann der Waldbrand.“
Hätte Henry Henkel dem Hermann zugehört, hätte er wahrscheinlich verstanden: „Hier kommt Hermann der Weinbrand“, aber wie gesagt, Henry Henkel war auf der Flucht und hörte niemandem zu.
Zufällig spielende Kinder sahen von Ferne Hermann den Waldbrand wüten, aber sie dachten sich nichts dabei. So verstrich wertvolle Zeit, und Hermann tanzte, knisterte und feixte. Ach, war das ein Freudenfest.
„Endlich“, schrie Hermann immer wieder und klatschte juchzend in seine Feuerhände. „Endlich bin ich ich! Ich bin Hermann der Waldbrand und keiner wird mich stoppen.“
Da täuschte sich Hermann. Denn Henry Henkel plagten Gewissensbisse, und anonym rief er mit verstellter Stimme über sein Handy bei der Feuerwehr an, die Stunden später eintraf und innerhalb von vier Wochen den Brand zuerst eindämmte und dann löschte.
Übrigens: Die Polizei hatte über eine Fangschaltung Henry als Anrufer ermittelt und später verhaftet. Brandstiftung ist ein übles Delikt. Aber Henry konnte nachweisen, dass er zur Tatzeit nicht zurechnungsfähig war. So fiel die Strafe milde aus.
Jaja, so sind wir Menschen. Wer nicht zurechnungsfähig ist, der wird durch Milde belohnt.

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)