Kurzgeschichte: Heini das Ausfahrtsschild

♦ Heini hieß das Ausfahrtsschild, das an der A34 in einer Rechtskurve stand. Heini war groß und stark. Zwei Löcher waren im Boden ausgehoben worden, mit Beton ausgefüllt, Stahlrohre reingesteckt und das große, gut lesbare Schild angebracht: „Erkenschwand – Ausfahrt 300m“. Dazu war noch ein Pfeil angezeichnet, für die mental schwächeren unter uns, damit die auch die Richtung der Ausfahrt kennenlernen konnten.
Natürlich war Heinis Leben langweilig. Seit Jahrzehnten schon döste er sich durchs Leben. Nachts manchmal ein Aufblendlicht eines vorbeirasenden Autos, sonst nichts. Viele Autos fuhren vorbei, denn wer wohnt schon in Erkenschwand?
Bolek war ein tschechischer Lastwagenfahrer, der eines Nachts von einem Rasthof kommend mit achtzig dösend auf der Standspur fuhr. Warum döste Bolek? Der findige Rasthaus Besitzer Moritz Hinkelbein hatte Cindy, eine Umwelt bekannte Striptease Tänzerin, engagiert, in der Hoffnung, damit Lastwagenfahrer zum Tanken, Essen und Trinken zu verführen. Das gelang ihm auch.
Cindy hieß im richtigen Leben Regina Molthaup, aber wer interessiert sich schon fürs richtige Leben? Cindy war ein Silikonwunder. Und zärtlich nannte sie ihre beiden Hügel Pic und Pello. Ach, da feixten die Lastwagenfahrer, wenn Pic und Pello gegeneinander gedrückt wurden. Bolek war hin und weg. Seine Frau und seine dreijährige Tochter hatten ihn verlassen und waren irgendwo in Brno untergetaucht. Die Tatsache, dass er Cindy nach der Show von seiner Einsamkeit erzählen wollte, musste er relativ teuer bezahlen. Eine warme Flasche Champagner für zweihundertfünfzig Euro, ein Campari fünfunddreißig Euro und eine Cola mit Schuss sechzig Euro. Aber das war Bolek das Erlebnis wert.
Zurück zur A34. Bolek verfiel in einen Sekundenschlaf, kam von der Fahrbahn ab, und jetzt kommt‘s: Heini wuchs über sich hinaus und warf sich dem Laster in den Weg. Der Laster wurde jäh gestoppt, sonst wäre er die Böschung runter gedonnert. Aber Heini fing den Laster auf – oder Heini fing das Laster auf? Sicherlich eine Erörterung wert: Der Laster, den Bolek fuhr, und das Laster, das den Bolek fuhr. Naja…
Zurück zum Geschehen: Bolek knallte gegen die Windschutzscheibe und trug eine Platzwunde an der Stirn davon und einen Beinbruch. Aber ohne Heini hätte alles viel schlimmer enden können. Danke Heini!
Vom Krankenhaus aus, in das ihn ein zufällig vorbeikommender Notarzt einlieferte, rief Bolek Cindy an. Ihre Handynummer zu ergattern, hatte ihn übrigens noch eine weitere Flasche Champagner gekostet. Er erzählte ihr von seinem Schicksal.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück besuchte Cindy ihn wirklich. Bolek erwachte gerade aus der Narkose, da saß Cindy an seinem Bett, und hinter Pic und Pello hervor grinste ihn Cindy an.
Es funkte sofort zwischen den beiden.
Tage später, die A34 war inzwischen geräumt, wurde Heini wieder geradegebogen, und er war überglücklich. Zwar hatte er noch lange Rückenschmerzen, aber die Gewissheit, ein Leben gerettet zu haben, machte alles wett.
Jaja, so sind wir Menschen. Oft muss man Jahrzehnte lang warten, um einem anderen Menschen das Leben zu retten.

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

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