Kurzgeschichte: Frieda das Bügeleisen

Frieda war ein in die Jahre gekommenes Bügeleisen. In ihrer Jugendzeit war sie dem Ehepaar Hurst als Hochzeitsgeschenk von einem weitläufigen Bekannten übergeben worden. Dieser Bekannte, nennen wir ihn ruhig bei seinem Spitznamen Oimel, hatte sich auf der Hochzeitsfeier des frisch gebackenen Ehepaars Hurst auf sehr unschöne Art und Weise dem dargebotenen Wein anvertraut. Weniger gestelzt formuliert: Oimel war schon nach einer Stunde sturzbesoffen gewesen.
War das ein schlimmes Vorzeichen für das Ehepaar Hurst? Sei‘s drum, wir wissen es nicht. Wer kann schon Vorzeichen deuten? Was wir aber sicher wissen und auch belegen können, ist: Die Ehe ging schief.
Hannelore Hurst, die Ehefrau von Horst Hurst, lebte nun schon seit einigen Jahren alleine. Was war geschehen? Am zehnjährigen Hochzeitstag war das für Hanni Hurst bis heute unverständliche Ereignis eingetreten: Horst hatte sie verlassen. Wortkarg, wie er war, hatte er einen Notizzettel auf die Herdplatte gelegt. Diesen Zettel fand Hanni Hurst, als sie einen Topf mit Gemüsesuppe auf die Herdplatte aufsetzen wollte. All die Jahre hatte Horst Hurst sie immer wieder darauf hingewiesen, dass er Gemüsesuppe hasste. Hanni hatte immer gekontert: „Geschmack hin oder her, Gemüsesuppe ist gesund.“
Auf dem Zettel, den Horst hinterlegt hatte, stand in seiner ungelenken Handschrift: „Genug ist genug, mich siehst du nie wieder.“
Wer jetzt denkt, Hanni habe zornig die wässrige Gemüsesuppe mit wütendem Schrei an die Wand geworfen, kennt die Psyche mancher Frau nicht. Aber wie hat Hanni Hurst, den angeheirateten Namen wollte sie fürderhin behalten, den Trauerschmerz bearbeitet? Jeden Montag wusch sie die Wäsche von Horst und anschließend bügelte sie die Wäsche. Horst war weg, aber seine Hemden hatte sie ja noch. Diese bügelte sie inbrünstig. Und jetzt kommt Frieda das Bügeleisen ins Spiel. Ganz solidarisch mit Hannis Schicksal behandelte Frieda die Hemden hochnäsig. Kein gutes Wort, keine versöhnliche Geste, auch auf Flirtversuche der Hemden reagierte Frieda das Bügeleisen kalt, obwohl sie glühend heiß war.
Aber ach, wo die Liebe hinfällt. Das rostbraune Flanellhemd mit dem groben Muster, das Horst immer zur Gartenarbeit getragen hatte, hatte es Frieda angetan. Das Hemd, ein Mitbringsel von Horsts Spanien Urlaub, hieß Rodriguez. War es der leidenschaftliche Name? War es das Muster? Die Farbe? Wer kennt schon den Geschmack von Bügeleisen?
Nach und nach merkte Frieda an ihrer rasenden Freude, wenn Rodriguez an der Reihe war, gebügelt zu werden, dass sie verliebt war.
Als Rodriguez sie eines Tages ansprach, wurde Frieda heißer als gewöhnlich. Und als Rodriguez ihr ins Bügeleisenohr flüsterte: „Komm, bügel mich“, beschloss Frieda verschämt, seine Liebe zu erwidern. Ein wenig schüchtern plauderten sie über Unverbindliches. Als Frieda stehenblieb, um Rodriguez‘ Werben zu genießen, geschah es: Es dampfte, qualmte und roch verbrannt.
Hanni, die meist mit ihren Tränen die Hemden benetzte, riss Frieda zurück, aber es war zu spät. Ein schwarzer Fleck, groß wie ein Bügeleisen, hatte Rodriguez arg verbrannt.
Jaja, so ist die Liebe. Wenn sie am heißesten ist, richtet sie den größten Schaden an.
Schade!

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

Veröffentlicht unter Blog, Kurzgeschichte

Radiointerview des Österreichischen Rundfunks (Ö1) vom August 2011

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