Kurzgeschichte: Elvis der Heuschreck


Elvis war eine Heuschrecke. Besser gesagt: Ein Heuschreck. Oder noch anders gesagt: Ein Grashüpfer. Elvis hatte seinen Unterschlupf auf dem Bauernhof Moospichler gefunden. Elvis fühlte sich durch seinen Namen verpflichtet, ein bekannter Gitarrist und Sänger zu werden. Aber dazu fehlten ihm drei Dinge: Ein Notenständer, ein Proberaum, eine Gitarre und ein Mikrofon. Dennoch war seine Existenz, wie wir gleich sehen werden, nicht ganz sinnlos. Eines nachts im April deckte er wahrscheinlich eine moralische Untat ersten Ranges auf, ohne es zu wollen. Es war kalt in dieser Nacht, und Elvis wollte ins warme Bett von Bauer Moospichler und wählte den Weg durchs Fenster. Aber das Fenster war zu, also bumste der wild springende Elvis gegen die Scheibe. Immer wieder versuchte er es und immer wieder bumste es. Dieses stetige Bumsen konnte Bauer Moospichler nicht verborgen bleiben. Er erwachte und rief laut: „Was bumst denn hier?“
Er wartete aber die Antwort nicht ab, sondern erhob sich und wollte die Ursache des Bumsens herausfinden. Er öffnete das Fenster, um zu sehen, ob draußen jemand bumste. Er sah aber nichts. Doch halt, was war das? Schlich da nicht der Bäckermeister Schlemminger über seinen Hof in seinen Stall? Doch halt, halt, was war denn das? Schlich da nicht seine Frau im Morgenrock ebenfalls in den Stall? Bauer Moospichler schüttelte den Kopf und fragte sich, was die beiden um diese Zeit im Stall wohl machten. Er kam aber zu keiner schlüssigen Antwort, legte sich wieder zu Bett und bemerkte gar nicht, dass Elvis sich in der Zwischenzeit ins Bett geschlichen hatte, in der Hoffnung, dort die Bettkörperwärme des Bauern aufsaugen zu können.
Bäckermeister Schlemminger hatte übrigens seiner eigenen Frau erklärt, er müsse eine Stunde früher in die Backstube, um seine Laugenbrezeln vorzubereiten, und gutgläubig hatte die ihn ziehen lassen.
Als am andern Tag der Bauer sein Bett ausschüttelte, um es zu lüften, flog Elvis im hohen Bogen zurück in das Gras, aus dem er gekommen war. Elvis hatte Hunger und sogleich machte er sich über das naheliegende Runkelrübenkraut her und schlug sich den Bauch voll. Da hörte er nicht weit entfernt Jessica die Grille. Zwar versuchte Jessica zu zirpen, doch zirpen können bei den Grillen nur die Männchen. Jaja, so ist das eben. Nicht alle können alles. Dennoch war Elvis schon von ihrem Versuch zu zirpen betört, suchte Jessica, fand sie gleich hinter der Runkelrübe und versuchte zu flirten, was das Zeug hielt. Aber Elvis konnte nicht flirten. Die ganze Zeit blickte er stumm anhimmelnd die Grille an. Jessica fand das auf die Dauer zu langweilig.
Später kam ein anonymer Wanderheuschreck vorbei und eroberte Jessica im Nu. Wodurch? Der Wanderheuschreck hatte sich auf das Essen von Rosenblättern spezialisiert und duftete dementsprechend nach Rosen. Das betörte natürlich die Grille Jessica, und ohne weiter über mögliche Folgen nachzudenken, gab sie sich dem Wanderheuschreck hin.
Das war bitter für Elvis. Zu sehen, wie ein anderer den Sieg davontrug, während für ihn nur die Niederlage blieb.
Jaja, so sind die Frauen. Im Grunde wollen sie doch im Sturm erobert werden. Und wenn einer noch gut riecht, sind sie hin und weg.
Ach, Elvis!

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

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